Bredstedt : Direktor des Nordfriisk Instituuts geht nach gut 30 Jahren in Rente

Instituts-Direktor Prof. Dr. Thomas Steensen (r.) mit seinem Nachfolger Dr. Christoph Schmidt.
Instituts-Direktor Prof. Dr. Thomas Steensen (r.) mit seinem Nachfolger Dr. Christoph Schmidt.

Thomas Steensen übergibt an seinen Nachfolger. Das Institut hat finanzielle Planungssicherheit bis 2021.

shz.de von
31. August 2018, 08:17 Uhr

Bredstedt | Die Sprache, die fast sein ganzes Berufsleben geprägt hat, fand Thomas Steensen, als Jugendlicher völlig antiquiert. Obwohl er in Bredstedt aufwuchs und das frühere Nordfriesische Institut schräg gegenüber lag, hatte er mit dem Friesischen nichts zu tun. „Ich bekam davon als junger Mensch gar nichts mit“, sagt Steensen, der an diesem Freitag nach gut 30 Jahren die Leitung des Nordfriisk Instituuts abgibt und in den Ruhestand geht. Als er etwa 19 Jahre alt war, fingen Freunde von ihm an Friesisch zu lernen – und sogar abends beim Bier zu sprechen. „Das fand ich völlig von vorgestern. Ich war völlig dagegen eingestellt“, erinnert sich der fast 67-Jährige.

In den 1970er Jahren hat er – politisch bei den Jungdemokraten engagiert – begonnen sich mit der Region zu beschäftigen. Sein Studium der Fächer Englisch und Geschichte – über die politische Arbeit vernachlässigt – brach er 1972 erst einmal ab. Er volontierte bei den „Husumer Nachrichten“, wo er im Anschluss als Redakteur arbeitete und über friesische Vereine, das Nordfriesische Institut, die friesische Sprache, berichtet. „Und da habe ich dann einen Mikrokosmos vor der eigenen Haustür entdeckt, von dem ich keine Ahnung gehabt hatte“, sagt Steensen. „Das hat mich dann immer mehr gereizt.“ Er habe angefangen, in Kursen Friesisch zu lernen. Später nahm er das Studium wieder auf, studierte jetzt neben Geschichte, Politikwissenschaft und Soziologie sogar Friesische Philologie. Seine Doktorarbeit schrieb er über die Geschichte der Friesen.

Wenn Steensen heute zurückblickt, erlebt er ein völlig gewandeltes Bewusstsein dem Friesischen gegenüber. „Friesisch hatte früher vor allem auf dem Festland so den Geruch einer Tagelöhnersprache“, sagt er. Nach dem Motto: Nur die armen Leute sprechen Friesisch, die Wohlhabenden Deutsch. „Das hat sich meines Erachtens vollständig verändert. Friesisch hat sehr an Status, an Ansehen gewonnen.“ Junge Leute hielten es für schick, auf Friesisch auf Facebook, Instagram oder WhatsApp zu kommunizieren. Viele fänden es mittlerweile auch einfach schön, dass es diese Sprache gibt, auch wenn sie sie nicht sprechen.

„Da hat sich im Laufe der vergangenen 30 Jahre viel getan“, erinnert sich Steensen. So wurde 1990 in die neue Landesverfassung die ausdrückliche Verpflichtung auch zu Schutz und Förderung der friesischen Volksgruppe aufgenommen. Acht Jahre später ist die Charta der europäischen Regional- und Minderheiten von Deutschland ratifiziert worden. Und auch da ist Friesisch – anders als zunächst vorgesehen – mitaufgenommen worden. „Da haben wir uns enorm für engagiert.“ Als wissenschaftliches Institut für die Friesische Volksgruppe habe man in der Debatte den Nachweis geführt, „dass Friesisch nicht irgend ein hergelaufener Dialekt, sondern eine eigene westgermanische Sprache ist“. Das habe natürlich zu dem Sinneswandel beigetragen, ist Steensen überzeugt.

Allein über die Sprache könne man „den Friesen“ aber nicht definieren. „Es gibt dieses schöne Wort, Friese ist, wer Friese sein will“, sagt der Honorarprofessor der Uni Flensburg. „Und das ist, glaube ich, auch die einzig mögliche Definition.“ Die deutsche Geschichte zeige ja, dass nur die subjektive Entscheidung ausschlaggebend sein dürfe und nicht Herkunft und Vorfahren untersucht werden. Dennoch sei die Sprache ein wichtiges Identitätsmerkmal, auch das Nordfriisk Instituut würde es ohne die friesische Sprache nicht geben, sagt Steensen.

Jeder Nordfriese werde seine eigene Antwort darauf geben, was das Friesische ausmacht. „Für den einen ist die Sprache das Ein-und-Alles. Andere gehen über die Geschichte. Wieder andere schwärmen regelrecht für die Hauslandschaft oder identifizieren sich über die Tracht.“ Aber es seien immer wieder friesische Themen, die eine Rolle spielten. „Nur gewichtet jeder dies anders.“ Ein typisch friesischer Wesenszug sei die Offenheit für die Ferne und Neues, bei einer gleichzeitig starken Beziehung zur eigenen Region, sagt Steensen. Auf Föhr beispielsweise gebe es durch die Kultur der Seefahrer und Auswanderer eine Offenheit für die große Welt. „Da ist New York ziemlich nah dran und Niebüll manchmal ziemlich weit weg.“ Gleichzeitig gebe es die starke Verwurzelung mit der eigenen Insel und der eigenen Sprache. Diesen offenen Heimatbegriff schätzt er. Er stehe im Gegensatz zu der nationalen Betonung des Begriffs Heimat.„Wenn der Heimatbegriff der Ausgrenzung dient, ist er gefährlich“, sagt der Historiker.

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