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Interview mit Planer Stephan Siegert : Antworten auf Fehmarnbelt-Klagen: Ein Papierstapel von 77 Metern Höhe

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Planungschef Stephan Siegert spricht über die 12.600 Antworten, die gerade an die Kritiker der Fehmarnbelt-Querung verschickt wurden.

shz.de von
erstellt am 19.Mai.2017 | 18:03 Uhr

Für die Post sind Freitag und Samstag Groß-Kampftage: Die dänische Planungsgesellschaft Femern A/S versendet ihre Antworten auf 12.600 Einsprüche, die aus Deutschland gegen die feste Fehmarnbelt-Querung eingegangen sind. Zugleich beginnen am Montag in den Lübecker „Media-Docks“ die mündlichen Erörterungstermine der letzten Anhörungsrunde zum Tunnel zwischen Deutschland und Dänemark. Stephan Siegert, deutscher Planungschef von Femern A/S, zieht eine Zwischenbilanz.

12600 Antwortschreiben für den Postweg: Was bedeutet diese gigantische Zahl  rein physisch?
Ausgedruckt umfassen die Erwiderungen 600.000 Seiten Papier. Das entspricht einem Gewicht von drei Tonnen. Gestapelt würden alle Schreiben einen Turm von 77 Meter Höhe bilden. 150 Kollegen haben an diesem Riesen-Arbeitspaket gesessen.

12600 Einwendungen klingt nach ungeheuer viel – aber ist es das auch im Vergleich zu anderen Großprojekten?
Es gibt welche mit weniger, aber viele mit mehr Einwendungen. Bei der Elbvertiefung zum Beispiel gab es 7200, bei Stuttgart 21 13.500, bei der Erweiterung des Düsseldorfer Flughafens 41000, bei der neuen Start- und Landebahn des Frankfurter Flughafens 127.000 und bei der Rheintalbahn gleich 166.000. Bezieht man die jeweilige Bevölkerungsdichte mit ein, bewegt sich die Zahl, mit der wir es bei der Fehmarnbelt-Querung zu tun haben, im normalen Rahmen. Die Vergleiche relativieren den Eindruck, gegen den Fehmarntunnel gäbe es einen besonders starken Widerstand.

Wie viele Einsprüche stammen denn aus der Region und beruhen damit auf einer eigenen Betroffenheit?
13 Prozent kommen von Anwohnern oder Immobilienbesitzern auf Fehmarn, 46 Prozent von Absendern aus dem Kreis Ostholstein. Der Rest streut quer übers ganze Bundesgebiet; auch Österreich, Litauen und Norwegen sind dabei.

Welche Rückschlüsse lässt ein so großer Anteil von außerhalb  auf die Motivation der Einwender zu?
Vielen geht es einfach um eine  Form von Kritik. In Deutschland herrscht eine gewisse Angst vor Veränderung, nach dem Motto: Da  ist etwas Unbekanntes, da weiß man nicht, was auf einen zukommt.

Ärgert Sie es nicht, dass so viele gar nicht selbst betroffen sind?
Ich nehme das eher sportlich. Es ist ja das  gute Recht eines jeden, sich zu artikulieren. Es ist nicht unser Ziel, Projektgegner zu überzeugen, aber es ist unser Ziel, Betroffene zu informieren und zu beteiligen.

Und was ist durch die Einwendungen inhaltlich auf den Tisch gekommen?
Es beginnt damit, dass erstmal grundsätzlich die Notwendigkeit des Vorhabens in Frage gestellt wird. Etwa in Anlehnung an Verkehrsprognosen. Etwaige negative Auswirkungen auf Tourismus und Naherholung spielen eine Rolle, ebenso befürchtete Auswirkungen auf die Umwelt. Und die Trassenführung der neuen Bahnstrecke durch Ostholstein. 95 Prozent der Einwendungen waren Standardschreiben. Die „Beltretter“ und andere Organisationen haben ja Einwendungsschreiben zum Herunterladen im Internet vorformuliert oder auf Marktplätzen verteilt. Da musste man dann nur noch Name, Adresse, Datum und Unterschrift ergänzen. Ich muss zugeben, dass die vor Ort eine sehr starke Mobilisierung hinbekommen haben.

Haben denn all die Bedenken, die in der jetzt zu Ende gehenden Runde vorgebracht worden sind, Einzelheiten der Planung verändert?
Die Themen waren ganz überwiegend so grundsätzlicher Natur und allgemein, dass wir dadurch an unserer Planung nicht viel ändern können. Nicht zuletzt bestimmt ein Staatsvertrag zwischen Deutschland und Dänemark den Bau der Querung.

Die  Landesbehörden haben Femern A/S die Planungsunterlagen mehrfach nachbessern lassen, auch die Bearbeitung der Einwendungen. Wie erklären Sie sich, dass es nicht  im ersten Anlauf klappte?
Es ist ein normaler Vorgang, dass man einen Vorabzug der Erwiderungen an die Genehmigungsbehörde schickt. Dass die dann natürlich auch auf Grund der Menge der Einwendungen  Hinweise zu einzelnen  Punkten  vorträgt,  ist bei derartigen Großprojekten absolut nichts Ungewöhnliches. Meist ging es um die Frage, wie  wir gewisse Sachverhalte und Zusammenhänge klarer formulieren können. Zugegebenermaßen sind wir da in unseren Erwiderungen nicht immer auf den Punkt gekommen. Aber das war in der ersten Anhörungsrunde 2014.

Aber in der jetzigen zweiten hat das Land ebenfalls Nachbesserungen gefordert.
Ja, aber das waren ganze zwölf. Das ist statistisch gar nicht mehr messbar und hat einen Zeitverzug von nur vier Wochen zur Folge gehabt. Das finde ich bei der Gesamtdauer des Vorhabens legitim.

Das Land hat aber nicht nur die  Nachbesserungen von zwölf Schreiben verlangt, sondern Nachbesserungen in zwölf Themenbereichen. Das ist ein Unterschied.
Uns ist die Erörterungsreife unserer Antworten bescheinigt worden. Die Nachbesserungen beziehen sich auf Themenbereiche, die sich allerdings nur auf wenige Schreiben ausgewirkt haben.

Angesichts des immer wieder verschobenen Zeitplans für die Querung – können Sie verstehen, dass auch der jetzige Zeitplan hier und da Zweifeln begegnet?
Wundern tut es mich nicht. Aber ich kann Ihnen versichern, dass der Zeitplan, so wie er jetzt aussieht, realistisch ist: Dass wir Mitte nächsten Jahres einen Planfeststellungsbeschluss durch das Land erhalten.

Heißt: Der Zeitplan ist realistisch, aber nicht in Stein gemeißelt?
Ein Zeitplan kann nicht in Stein gemeißelt sein. Es liegt in der Natur einer jeden Prognose, dass man gewisse Grundannahmen trifft und auf dieser Basis einen Terminplan erarbeitet. Es kann immer etwas passieren. Es reicht alleine aus, wenn eine neue technische Richtlinie erlassen wird, die unser Projekt betrifft.Interview: Frank Jung

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