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Dammbruch in Aquakultur vor Aarø : 80.000 entkommene Regenbogenforellen: So verändern sie die Ostseeküste

vom
Aus der Onlineredaktion

Die Ostsee muss eine riesige Invasion verkraften. Für die baltischen Fische wird es wohl ein harter Winter.

shz.de von
erstellt am 12.Okt.2016 | 17:51 Uhr

Hadersleben/Kiel | Zigtausende Regenbogenforellen sind am Montagnachmittag nach einem Schiffbruch aus einer Züchtung im kleinen Belt bei Aarø entkommen. Für Angel-Touristen sind die schmackhaften Raubfische erstmal ein gefundenes Fressen. Hunderte, wenn nicht Tausende werden sich am Wochenende wohl in Richtung Haderslebener Förde aufmachen, um Exemplare der ausgewachsenen und fütterungswilligen Fische an den Haken zu bekommen.

Regenbogenforellen stammen aus Kanada und werden in Europa vor allem in den Angelseen und anderen Varianten der Fischmast eingesetzt. In offenen Gewässern – so die Lehrmeinung – können sie heimische Arten verdrängen.

Die Sorgen des dänischen Sportfischerverbandes und der Gewässerschützer sind derweil groß. Die Auswirkungen einer solchen Invasion auf die Natur könnten große Spuren hinterlassen und der natürliche Meerforellenbestand sei durch diese Katastrophe gefährdet, so der Tenor.

Die Dänen haben bereits vor einigen Jahren nach einem Sturm Erfahrungen mit einen großen Anzahl entflohener Regenbogenforellen gesammelt. Damals zogen den Fische zu ihrer Laichzeit im Winter die Bäche hoch. Dort sollen sie die bereits in den Vormonaten erzeugte Brut ihrer Konkurrenten für ihren Speiseplan entdeckt und verschlungen haben. Beide Arten suchen sich ähnliche Brutplätze. Um ein erneutes Szenario einzudämmen, werden Angler sogar von Naturschützern dazu angehalten, ihre Ruten einmal mehr auszuwerfen.

„Sowas kann kritisch werden“, sagt auch Christopher Zimmermann, Leiter des Thünen-Instituts für Osteefischerei zu den neuen Fressfeinden der heimischen Arten. Über mehrere Generationen sei es sogar möglich, dass „Escapies“, wie man die Ausbüxer im Fachjargon nennt, bestimmte Arten verdrängen, weil sie auf hohes Wachstum gezüchtet und wohl auch etwas fitter seien als die Fische der Natur. Schon bei kleinen Stückzahlen seien die Effekte manchmal groß, wie man in Norwegen und Kanada schon zu spüren bekommen habe.

Um eine Vermehrung muss man sich in diesem Fall offenbar aber nicht sorgen. Höchstwahrscheinlich handelt es sich bei den entflohenen Fischen, die kurz vor der Schlachtung standen, um nicht geschlechtsreife Forellen aus der Kaviar-Zucht, so die sichere Einschätzung von Christoph Petereit, der am Geomar Kiel ein Forschungsprojekt über die Meerforelle in der Ostsee leitet.

Demnach sind es 80.000 Weibchen, die jetzt zusätzlich in der Ostsee schwimmen. Eine Fortpflanzung sei schon allein mangels Milchnern (Männchen) also ausgeschlossen, auch wenn es bereits häufiger Regenbogen-Escapies gegeben hat, die dauerhaft sesshaft geworden sind. Auch die Problematik einer Laichplatz-Konkurrenz mit der Meerforelle ist laut Petereit zu vernachlässigen, da die Laichzeiten zu viele Monate auseinanderliegen.

Regenbogenforellen sind anders als Heringe keine Schwarmfische, sondern eher Einzelgänger. Sie werden sich also in kleinen Gruppen zusammentun und auf der Suche nach knappen und leicht zu schnappenden Nahrungsmitteln rasch in der Ostsee verbreiten, sagt Zimmermann voraus. Schon jetzt sieht er wie auch Petereit gute Chancen in der Flensburger Förde und spätestens Ende der Woche auch in der Kieler Förde, Exemplare der kraftfutterverwöhnten Schwergewichte aus dem Aarøer Mastbecken an Land zu ziehen.

Wichtigster Aspekt ist derzeit wohl, dass die Flucht der Fische auf den nahrungsmittelarmen Späteherbst fällt. Die anderen Ostseefische haben derzeit keine Laichzeit. Die Escapies, die es gewohnt sind, mehrmals täglich proteinreich gefüttert zu werden, müssen sich sputen, ihren Hunger zu stillen, meint Christoph Petereit. „In solchen Notlagen schalten die Fische für gewöhnlich auf Kannibalismus um, das ist aber in diesem Fall unmöglich, da die Forellen alle gleich groß sind“, erklärt Zimmermann.

Doch womit werden die Forellen am Ende ihren Hunger stillen, wenn nicht mit Angelködern? Die Antwort fällt den Experten schwer. Unwahrscheinlich ist, dass die großen Fische es am Ende schaffen, die Bäche hinaufzuziehen, um im Dezember den Laich der Meerforelle zu rauben: „Die sind immer gefüttert worden und müssen sowieso erstmal lernen, wie man jagt“, sagt Petereit. Weil ihnen der Jagdsinn abgeht, werden sie laut Auskunft des Fischereibiologen „einfaches Futter“ benötigen, um über den Winter zu kommen.

Wenn in drei bis vier die Monaten Laichzeit der Regenbogenforellen beginnt, werden die Fische womöglich den schmackhaften Rogen ihrer Genossen verzehren: „Der erinnert schon optisch an die Pellets, die sich in der Züchtung bekommen haben“, sagt Petereit. Es könne durchaus sein kann, dass einige der Fische in ihre Aquakultur zurückkehren, weil sie es in der Freiheit schwer haben, so die Einschätzung.

Ein weiteres Thema sind Pilze, unter denen Mastfische häufig leiden. Weibchen haben damit aber sehr viel weniger zu tun als Männchen, sagt Petereit. Christopher Zimmermann gibt eine generelle Entwarnung: „Eine Übertragung auf andere Fische geschieht nur, wenn dieses bereits Verletzungen oder Vorbeschädigungen haben, gesunde Wildfische holen sich keinen Pilz“. Und der Antibiotika-Eintrag sei ohnehin kein Thema. Erstens sei dies nachweislich bei Fischen nach drei Tagen ausgeschieden, zweitens werde es in europäischen Kulturen wenn überhaupt nur in Sonderfällen, also bei schweren bakteriellen Infektionen verwendet. Die Fische unterliegen im jungen Alter einer Impfung, die den Einsatz Antibiotika in der Regel entbehrlich macht.

Natürliche Feinde haben die Forellen nur wenige. „Robben, Seehunde und Delfine“ sagt Petereit mit einem Lachen. Und Angler. Diese werden in den nächsten Tagen und Wochen eine große Zahl der Invasoren auch an den deutschen Küsten an Land ziehen, so die Prognose des Biologen. Dessen ist sich auch Zimmermann sicher, der die Schlagzeile zuallererst für einen Touristen-Gag gehalten hatte.

In den nächsten Jahren wird es wohl Standard sein, dass die Fische mit dem pinken Streifen, die auch gerne auf pinke Köder beißen, in den Fischernetzen zappeln. Genügend Platz in den Behältern der Fischereischiffe ist angesichts der sinkenden Dorschbestände und -Quoten ja vorhanden.

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