Unfall auf der Gorch Fock Neuer Zeuge im Fall Jenny Böken: „Es war Mord“

Von Eckard Gehm | 03.09.2018, 19:39 Uhr

Der Mann hatte sich bei der Familie gemeldet. Jennys Vater hat einen Antrag zur Wiederaufnahme des Verfahrens gestellt.

Vor genau zehn Jahren ist Kadettin Jenny Böken bei einer Nachtwache über die Reling des Segelschulschiffes Gorch Fock in die Nordsee gestürzt. Staatsanwaltschaft und Marine gehen von einem Unglück aus, haben die Akten geschlossen. Doch jetzt hat sich ein Zeuge gemeldet und in einer eidesstattlichen Versicherung erklärt, Jenny Böken sei ermordet worden.

Vater Uwe Böken sagte: „Wir haben einen Antrag auf Wiederaufnahme des Verfahrens an die Staatsanwaltschaft Kiel geschickt.“ Der Zeuge hatte sich im August bei der Familie gemeldet. Er sprach von einer möglichen Schwangerschaft der Kadettin und von einem Video. Uwe Böken: „Sollte Jenny gewaltsam ums Leben gekommen sein, würde das zu dem passen, was wir bereits wussten.“

Anwalt der Familie aus Geilenkirchen bei Aachen ist Rainer Dietz. Er erklärte: „Die Aussage, die unter Eid geleistet wurde, ist sehr deutlich.“ Es soll dabei um eine Feier vor der Abfahrt des Schulschiffes gehen. Der Zeuge erklärte, er habe bei dieser Party Sex mit Jenny Böken gehabt. Beide seien betrunken gewesen und von anderen Kameraden während des Geschlechtsverkehrs gefilmt worden. Dietz: „Dieses Video kursierte später auf der Gorch Fock.“ Jenny sei stocksauer gewesen und habe Kameraden vorgeworfen, sie abgefüllt und in diese Situation gebracht zu haben. Sie drohte mit Anzeigen. Da ihr One-Night-Stand kein Kondom benutzt hatte, befürchtete sie zudem eine Schwangerschaft.

Der Zeuge, der bei der Ausbildungsreise nicht mitgefahren sein soll, sagte aus, er sei später von drei Leuten angesprochen worden, von denen mindesten einer auch bei der Party war. Sie hätten ihm erklärt, er brauche sich wegen einer möglichen Schwangerschaft von Jenny keine Sorge mehr zu machen, sie habe Selbstmord begangen. „Als er nachhakte, wurde ihm gedroht“, so Dietz. „Vielleicht sei Jenny ja auch erwürgt worden.“ In diesem Moment habe er gewusst, wenn er weitere Fragen stellen würde, würde er wie Jenny ermordet.

Warum hat sich der Zeuge erst jetzt gemeldet? Dietz sagt: „Der Zeuge ist nicht vom Himmel gefallen. Bereits 2016 beim Prozess der Eltern um eine Entschädigung nach dem Soldatenversorgungsgesetz wusste der Richter, dass es bei der Polizei einen Zeugen gab, der nach seiner Einschätzung aber unwichtig war.“ Weil den Zeugen sein Gewissen plagte, habe er sich schließlich direkt bei der Familie gemeldet. „Er sagte, er habe erkannt, dass er jahrelang an die Selbstmordtheorie glauben wollte, obwohl er tief im Herzen wusste, dass es anders war.“

Als Jennys Leiche vor Helgoland im Netz eines Fischereischiffs gefunden wurde, war kein Wasser in ihrer Lunge, was bedeuten könnte, dass die 18-Jährige bereits tot war, als sie in die Nordsee stürzte. Mutter Marlies Böken: „Wir hoffen sehr, dass die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen wieder aufnimmt.“