Neues Museum auf Sylt? "Kunst ist die größte Stimulanz, die es im Leben gibt"

Von Jörg Christiansen (Interview) | 02.01.2012, 10:03 Uhr

Vielleicht wird es auf Sylt bald ein neues Kunstmuseum geben. Ulrich Schulte-Wülwer hat sich über die Bedeutung eines solchen Museums schon Gedanken gemacht. Ein Interview.

Ulrich Schulte-Wülwer ist einer der renommiertesten Museumsexperten des Landes. Der 67-jährige Kunsthistoriker hat lange Jahre den Flensburger Museumsberg geleitet, das Museum "Kunst der Westküste" auf Föhr mit aufgebaut, er ist Autor des Buches "Künstlerinsel Sylt" und berät ehrenamtlich das Sylter Heimatmuseum. Darüber hinaus ist er einer der Initiatoren für ein Kunstmuseum auf dem Thermen-Grundstück.

Herr Professor, was macht ein gutes Museum aus?
Die Museumsträger würden sagen, die Anzahl der Besucher und die damit verbundenen Einnahmen. Maßstab ist auch die Akzeptanz in der Öffentlichkeit und im Kollegenkreis. Letztendlich ist das Entscheidende der Zuspruch der Besucher. Wer ein Museum besucht, sollte was gelernt haben und sagen, es hat sich gelohnt, ich empfehle es weiter.

Was sollte man in einem Sylter Museum lernen?
Es geht um das kulturelle Erbe der Insel. Die große Zäsur war das Jahr 1855, als durch den Tourismus auf der armen Insel der Wohlstand einsetzte. Innerhalb nur einer Generation vollzog sich der Verlust des gesamten kulturellen Erbes. 1880 hat man keine einzige Tracht mehr auf der Insel gefunden. Der schleichende Verlust setzte sich durch die beiden Weltkriege und die Flüchtlingsproblematik fort. Das sind historische Themen, die in einem Museum kritisch dokumentiert werden sollten. Die räumlichen Bedingungen dafür sind im Heimatmuseum nicht vorhanden. Zudem ist dort eher die Vor- und Frühgeschichte angesiedelt, die Zeit des Walfangs und das Trachtenwesen vor 1850. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, alles, was danach kommt, in einem neuen Museum breiter zu dokumentieren.

Braucht die Insel touristisch ein weiteres Museum? Andersrum gefragt: Brauchen die Sylt-Urlauber eines?
Es gibt natürlich Menschen, die auch ohne einen Museumsbesuch glücklich sind. Wir leben in einer Zeit, in der Geschichte kaum noch eine Rolle spielt. Nirgends leben die Menschen mehr im Hier und Jetzt, als die Sylt-Urlauber. Aber es gibt durchaus welche, die Interesse an Kunst und Kultur haben. In Gastronomie und Hotellerie hat Sylt höchste Standards - im kulturellen Angebot sieht es recht dünn aus. Aber schon Nietzsche hat erkannt, dass die Kunst - einmal abgesehen von der Erotik - die größte Stimulanz ist, die es im Leben geben kann.

Mit dem Erblühen der Seebäder kamen auch die Maler aus den Städten auf die Insel. Was zog sie gerade nach Sylt?
Es gibt in Europa zwei extreme Naturerlebnisse. Das eine sind die Hochalpen, das andere die Brandung und das Wattenmeer. Diese beiden Meere innerhalb weniger hundert Meter parallel zu haben, macht Sylt einzigartig. Daran haben sich alle Künstler begeistert. Außerdem konnten sie im Listland oder am Morsum Kliff ihren Einsamkeitssehnsüchten nachgehen und unter abenteuerlichen Witterungsbedingungen die Freilichtmalerei erproben. Darum waren alle bedeutenden Maler der Jahrhundertwende auf Sylt.

Welche Bedeutung hatten diese Maler damals für Sylt?
Sie haben die Insel und die ganze Westküste vor allem in den Metropolen wie Berlin und München bekannt gemacht. Die nordfriesischen Inseln waren damals eine Terra incognita, sie gehörte zum dänischen Gesamtstaat und waren im Bewusstsein der meisten Deutschen gar nicht vorhanden. Zudem war der Weg hierher ja recht beschwerlich. Wenn dann in den Städten große Ölgemälde oder ganze Zyklen mit Sylter Motiven zu sehen waren, war das Werbung schlechthin. Das hat den Tourismus enorm beflügelt.

Welchen Effekt könnten solche Bilder aus jener Zeit heute haben, wenn man sie auf der Insel zeigt?
Man sieht an Alkersum mit dem Museum "Kunst der Westküste", dass es funktioniert. Dort kommen 40.000 Besucher im Jahr - auf Sylt rechnen wir mit 60.000. Und es gibt genügend Werke, die auf Sylt entstanden sind - ob in Privatsammlungen oder den Archiven der großen Museen in Hamburg, Flensburg oder Kiel - und die als Leihgaben zur Verfügung stünden. Zudem ist die Zeit von 1855 bis in die 50er Jahre des letzten Jahrhunderts reich an Schriftquellen. Die Menschen haben ihre Natureindrücke in einer heute verlorenen Brief- und Tagebuchkultur wunderbar verbalisieren können. Die Kunst jener Zeit in Verbindung mit der Sylter Kulturgeschichte in einer interessanten, erstklassigen Architektur mit Blick übers Watt würden ein Museum auf dem Thermengrundstück zu etwas Besonderem machen. Mein Lieblingsbeispiel ist "Louisiana" bei Kopenhagen. Dort ist der Einklang von Natur und Kultur gelungen. So etwas trägt zum Image einer Stadt oder Insel bei.

Ein Haus mit diesem Anspruch ist aber ein ziemlich teures Vergnügen.
Ja. Und es muss sich ständig weiterentwickeln und um ein neues Publikum buhlen. Man muss die Inhalte auch vermitteln. Mit öffentlichen Mitteln lässt sich ein Museumsbau samt Ausstattung nicht finanzieren, es braucht großherzige Mäzene und Sammler, die bereit sind, zu helfen. Wir gehen davon aus, dass es solche Persönlichkeiten auf Sylt gibt. Außerdem braucht man im Grunde schon heute einen Kurator, der in der Lage ist, aktiv zu sammeln und zu bewahren. Es gibt zahlreiche gut ausgebildete und hoch motivierte junge Menschen, die dieser Aufgabe gewachsen sind.