Meldungen Gesichter der Trauer

Von Michael Althaus | 10.04.2020, 13:14 Uhr

Selbst direkt anzugucken ist diese Ausstellung derzeit nicht, denn die Hamburger Kunsthalle ist geschlossen. Dennoch bieten wir hier einen Rundgang durch „Trauern. Von Verlust und Veränderung“.

Ein Haufen Bonbons, die die Besucher mitnehmen und verzehren dürfen: Das Werk des kubanischen Künstlers Félix González-Torres (1957-1996) schwindet mit der Zeit dahin. Das Einverleiben der Bonbons kann als Verweis auf den Kreislauf von Geburt, Tod und mögliche Auferstehung verstanden werden.

Das ungewöhnliche Werk ist Teil der Ausstellung „Trauern. Von Verlust und Veränderung“, die in der „Galerie der Gegenwart“ in der Hamburger Kunsthalle zu sehen war. Durch die Corona-Krise ist derzeit Pause angesagt, die Bonbons werden nicht weniger. Einen kleinen Einblick in die Gemälde, Skulpturen, Fotografien, Videos und Klanginstallationen insgesamt 28 zeitgenössischer Künstler aus 15 Ländern sollen unsere Leser dennoch bekommen: In ihrer Vielsprachigkeit vermittelten die Werke eine Ahnung davon, wie mannigfaltig die Formen von Trauer sein können, sagt Kuratorin Brigitte Kölle. Eine derartige Ausstellung zu diesem Thema habe es in Deutschland noch nie gegeben. Der Untertitel „Von Verlust und Veränderung“ sei bewusst gewählt, um deutlich zu machen, dass Trauer auch einen positiven Aspekt habe.

Im Mittelpunkt vieler Exponate stehen trauernde Menschen, etwa bei Andy Warhols (1928-1987) berühmtem Porträt von Jacky Kennedy (siehe rechts). Kölle verweist auf den „disziplinierten Gesichtsausdruck“ der Witwe, die bei der Trauerfeier für ihren Mann unter millionenfacher Beobachtung stand.

Szenen von der Beisetzung ihres Vaters hat die junge Hamburger Künstlerin Greta Rauer gemalt. Ihre Bilder zeigen lediglich Fragmente wie Gesichter oder Hände, in denen die Gefühle der Menschen besonders zum Ausdruck kommen. Daneben hat sie Teile zerbrochener Grabsteine versammelt, um vor Augen zu führen, wie in Deutschland mit aufgelösten Gräbern verfahren wird. Die Denkmäler werden zerkleinert und teils als Baumaterial für Wege verwendet. Eine besondere Form der Veränderung. „Künstlerisch kann ich viel offener mit dem Thema Tod und Trauer umgehen als im zwischenmenschlichen Bereich“, sagt Rauer. In der Gesellschaft sei dieses Feld leider noch allzu häufig ein Tabu.

Einige Künstler zeigen sich selbst in Momenten der Trauer, wie beispielsweise der Niederländer Bas Jan Ader (1942-1975), der vor der Kamera weint (siehe rechts), oder der Isländer Ragnar Kjartansson (*1976), der in der Rolle eines Show-Man à la Frank Sinatra über 30 Minuten lang in wechselnden Stimmungslagen den Satz „Sorrow conquers happiness“ („Der Kummer besiegt das Glück“) singt.

Eine Fotoserie begleitet ein altes Ehepaar auf einer Wohnwagen-Reise ins Baltikum. Es sollte der letzte Urlaub der beiden sein; bei der Frau war zwei Jahre zuvor eine Demenz festgestellt worden. Der Betrachter sieht das Paar beim morgendlichen Anziehen, bei gemeinsamen Ausflügen und bei Umarmungen. „Auf manchen Fotos erkennt man den verlorenen Blick der Frau, die offenbar schon woanders hin unterwegs ist“, sagt Kuratorin Kölle.

Ein Fokus der Ausstellung liegt auf der politischen Dimension der Trauer. Willem de Rooij (*1969) hat auf 18 Tafeln Bilder aus der internationalen Tagespresse zusammengetragen, die Menschen bei politischen Unruhen, Protesten und Trauerkundgebungen zeigen. Der US-amerikanische Fotojournalist Paul Fusco (*1953) fuhr 1968 in dem Zug mit, der den ebenfalls ermordeten Präsidenten-Bruder Robert „Bobby“ Kennedy von New York nach Washington brachte und fotografierte die Menschen, die zu Tausenden an den Bahngleisen Abschied nahmen.

Der Niederländer Rein Jelle Terpstra (*1960) hat es sich zur Aufgabe gemacht, diese Menschen ausfindig zu machen und heute noch einmal zu besuchen. In seinem Werk „The People’s View“ präsentiert er eine Auswahl ihrer Aufnahmen des Zuges sowie persönliche Erinnerungsstücke.

Eine Serie von bearbeiteten Fotos von Khaled Barakeh (*1976) macht auf die Opfer des Syrien-Kriegs aufmerksam. Auf aus dem Internet heruntergeladenen Fotos zeigt er die Getöteten als weiße Leerstelle – eine Darstellung, die an christliche Pietà-Bilder erinnert (siehe unten).

Die Schau, zu der es ein kostenloses Begleitheft gibt, ist nach „Besser scheitern“ (2013) und „Warten“ (2017) die dritte in einer Ausstellungsserie der Kunsthalle zu Tabu- und Grenzthemen. Diese wolle man bewusst anpacken, „in einer Zeit der Selbstoptimierung, in der das Thema Kontrollverlust wenig Platz hat“, sagt Kölle. „Die Trauer ist etwas ganz Großartiges, weil sie etwas aussagt über unsere Beziehungs- und Liebesfähigkeit“, betont sie.

Bei ihren Recherchen stellte die Kuratorin eine gewisse Ambivalenz fest: „Die Trauer wird in unserer Gesellschaft immer mehr ins Private abgedrängt, aber zugleich sehen wir immer häufiger öffentliche Trauerkundgebungen, die fast ins Hysterische abgleiten.“ Als Beispiele nennt Kölle die Anteilnahme am Tod des Schauspielers Jan Fedder oder des Basketballspielers Kobe Bryant. Weil jeder Mensch anders trauere, gebe es unheimlich viele Ausprägungen dieses Gefühls.
Das machen nicht zuletzt Miniaturen von Särgen aus Ghana deutlich. Die schillernd bunten Holzkisten in Tier-, Auto- oder Bierflaschen-Form würden die meisten Deutschen wohl kaum mit Trauer verbinden. In Ghana sollen sie die Träume der Verstorbenen zum Ausdruck bringen. Nur einer von vielen Impulsen dieser außergewöhnlichen Ausstellung, um über den eigenen Umgang mit Verlust und Veränderung nachzudenken.

Die Hamburger Kunsthalle ist voraussichtlich noch bis zum 30. April geschlossen. > www.hamburger-kunsthalle.de