Flensburg/Schleswig Er holte 30 Jahre lang Firmen in die Region

Von Carlo Jolly | 29.12.2011, 07:08 Uhr

Klaus Matthiesen leitete Flensburgs Wirtschaftsförderung, die Wireg und das Technologiezentrum - und geht am 12. Januar in den Ruhestand

Nicht jede Zahl aus dreißig unddreiviertel Jahren Wirtschaftsförderung kann man präsent haben. Auf die Frage, wie viele Gewerbegebiete Klaus Matthiesen seit seinem Amtsantritt als Flensburgs Wirtschaftsförderer im April 1981 und später als Chef der gemeinsamen Wirtschaftsförderung Wireg von Stadt und Kreis eröffnet hat, kann der 63-Jährige nur schätzen. "Vielleicht 20?" Einer der ersten Verkäufe indes ist ihm noch sehr präsent. Es war die Gewerbefläche, auf der das Erotikunternehmen Orion wuchs: "Das ging damals an Klaus Uhse und Dirk Rotermund."

Beim schönsten Ansiedlungserfolg in den mehr als 30 Jahren in der Wirtschaftsförderung muss Matthiesen indes gar nicht lange nachdenken: Für ihn ist es "Doppelherz"-Hersteller Queisser Pharma, der bis Ende der 80er Jahre in Essen produzierte: "Queisser wollte damals nach Berlin wegen der Vergünstigungen", erinnert sich Matthiesen - und landete dann mit damals gut 90 Mitarbeitern in der aufgegebenen Immobilie von Hansen-Rum an der Schleswiger Straße in Flensburg.

Auch an die Ansiedlung von Danfoss Silicon Power erinnert sich Matthiesen gerne. Flensburg? Nein, Schleswig. Es muss im Sommer 1998 gewesen sein, als Danfoss das ursprünglich in Nortorf ansässige Unternehmen aus der Insolvenz heraus gekauft hatte und einen Standort für den wachstumsträchtigen kleinen Geschäftszweig suchte. "Da haben wir am Telefon von Nortorf aus in Kiel geklärt, unter welcher Voraussetzung die Umsiedlung nach Schleswig gefördert werden könnte", erzählt Matthiesen. Es dauerte dann noch rund anderthalb Jahre, bis der kleine Technologiebetrieb sich mit 27 Beschäftigten im Schleswiger Gewerbegebiet St. Jürgen niederließ. Wenn der Hersteller sogenannter Power-Module für die Erneuerbare-Energie-Branche und die Automobilindustrie im kommenden Sommer nach Flensburg in den früheren Motorola-Komplex zieht, arbeiten hier bereits mindestens 300 Beschäftigte.

So fällt auch die Bilanz des Chefs der "Wirtschaftsförderungs- und Regionalentwicklungsgesellschaft Flensburg/Schleswig", so der korrekte Name der Wireg, imposant aus: Allein 10 000 Unternehmen seien in den gut 15 Jahren seit Gründung der Wireg im April 1996 beraten worden. Die neuen (zusätzlichen) Arbeitsplätze durch Ansiedlungen in der Region sowie Ein- und Ausgründungen aus dem Flensburger Technologiezentrum der Wireg summieren sich auf 14 000 in Stadt und Kreis seit 1996 - wobei die 1500 neuen Jobs des Jahres 2010 ein unerreichter Rekord bleiben könnten.

Nicht alles indes kann klappen, schon gar nicht, wenn der Wettbewerber übermächtig ist: A. P. Møller habe einmal mit dem Gedanken gespielt, eine neue Containerfabrik südlich der deutsch-dänischen Grenze zu bauen: "Dann soll die Königin angerufen haben." Møller baute nördlich der Grenze. "Ein Super-Bran ding. Dagegen kommen wir nicht an."

Matthiesen bezeichnet sich selbst als ein Kind der Region. Aufgewachsen ist er auf einem Bauernhof in Oxbüll. Er hat in Flensburg die Goethe-Schule besucht, und die ersten Praktika während seines Darmstädter Wirtschaftsingenieursstudium allesamt in Flensburg absolviert - beim Anlagenbauer Anthon, bei Pott-Rum und in der Adelbyer Meierei. Dann, nach drei Jahren bei Degussa in Frankfurt, stand Familienvater Matthiesen vor der Entscheidung: Flensburg oder Brasilien. Er entschied sich für Flensburg.

"Unser Produkt sind der Standort und Gewerbeflächen", sagt Matthiesen. Als Wireg-Chef könne er immer ganz verschiedene Standorte zugleich anbieten. Flensburg oder das grenz- und autobahnnahe Gewerbegebiet Flensburg-Handewitt, Schleswig, das sich bei den Gewerbeflächen nun stärker Richtung Autobahn orientiere - und auch das Gewerbegebiet Wees sei nur durch den Bau der Osttangente möglich geworden.

Es sei für ihn bis heute ausgesprochen spannend, in einen Betrieb zu gehen: "Es ist immer eine eigene Welt." Und es mache ihm immer noch viel Spaß, an Verbesserungen mitzuarbeiten.

Und manchmal zieht ein Erfolg den nächsten nach sich: Die gerade in Bau befindliche Fischfabrik Vega Salmon in Handewitt zum Beispiel ist über Larsen Danish Seefood aus Harrislee nach Deutschland gekommen.