kiel/Fehmarn Belttunnel: Noch ein Planungsfehler

Von bg | 25.06.2020, 20:28 Uhr

Dänen übersehen vor Fehmarn nicht nur Riffe, sondern auch eine geschützte Sandbank – Naturschützer fordern das Aus für das Projekt

Bei der Planung des deutsch-dänischen Fehmarnbelt-Tunnels hat die staatliche dänische Projektgesellschaft Femern AS nicht nur geschützte Riffe an der Tunneltrasse vor Puttgarden übersehen, sondern auch eine ebenfalls streng geschützte Sandbank. Das zeigt eine Untersuchung des Meeresgrunds vor Fehmarn, die der grüne Kieler Umweltminister Jan Philipp Albrecht in Auftrag gegeben hat. Zwar ist die Studie noch nicht ganz abgeschlossen, doch lassen die Befunde wenig Zweifel, dass es östlich von Puttgarden eine ausgedehnte Sandbank gibt, die auf den Karten des dänischen Bauantrags fehlt – und deren Schutz damit in der schleswig-holsteinischen Baugenehmigung für das deutsche Stück des Ostseetunnels nicht berücksichtigt wurde.

Sandbänke sind nach deutschem und europäischem Umweltrecht als besondere Lebensräume geschützt. Zwar liegt die nie trocken fallende Sandbank vor Puttgarden anders als eines der entdeckten Riffe nicht direkt auf der Tunneltrasse, sondern nur in der Nähe (siehe Karte). Doch würde sie beim Bau des Absenktunnels nach Ansicht des Naturschutzbunds Nabu durch das Aufgraben und Aufwühlen des Meeresbodens ebenso wie die benachbarten Riffe stark gefährdet. „Die Sandbank droht unter einer zentimeterdicken Schicht von abgestorbenen Algen, Nitraten und Kohlenstoffen zu verschwinden“, warnt Nabu-Meeresexperte Kim Detloff. Darunter würden die dortigen Tierarten wie Herzmuscheln, Sandklaffmuscheln, Borstenwürmer und Ringelwürmer leiden, was wiederum schlecht für Meerenten und Fische wäre, die sich von diesen Tieren ernähren.

Nicht zuletzt wegen der aufgedeckten Planungsfehler erneuerte der Nabu gestern seine Forderung, den Bau des fast 18 Kilometer langen und gut sieben Milliarden Euro teuren Tunnels abzublasen. „Für uns sind die nötigen Planänderung so massiv, dass wir naturschutzrechtlich ein großes Fragezeichen hinter das Gesamtprojekt setzen“, sagte Experte Detloff. Schleswig-Holsteins Nabu-Chef Ingo Ludwichowski forderte: „Das Projekt muss gestoppt werden.“

Das Kieler Verkehrsministerium, das für die Baugenehmigung verantwortlich ist, hält wegen der übersehenen Riffe zumindest eine Planergänzung für nötig. Das hatte Staatssekretär Thilo Rohlfs Ende letzter Woche erklärt. Eine solche Ergänzung würde für den Tunnelbau voraussichtlich eine deutliche Verzögerung bedeuten. Eigentlich will Femern schon im Januar auf dänischer Seite loslegen und 2029 fertig werden. Doch die nun wohl nötigen Ausgleichsmaßnahmen für die entstehenden Schäden an Riffen und Sandbank drohen mehrere Jahre zu dauern und teuer zu werden. Nabu-Experte Detloff sprach von einem zwei- bis dreistelligen Millionenbetrag, der etwa fällig würde, um an anderer Stelle ein neues Riff aufzubauen. Sein Kollege Ludwichowski schlug zudem vor, dass Schleswig-Holstein die Fangrechte für die Küstenfischerei aufkaufen könnte, um so den Fischfang einzuschränken und die unter der Stellnetzfischerei leidenden Schweinswale in der Ostsee besser zu schützen.

Ferner forderte er, dass der ab 22. September vor dem Bundesverwaltungsgericht in Leipzig geplante Prozess wegen der Klagen des Nabu und sechs weiterer Parteien gegen den Tunnel verlegt werden müsse. „Es sind neue Unterlagen auszulegen, uns ist die Gelegenheit zu geben, Stellung zu nehmen und darauf eine fundierte Antwort zu erhalten – das alles ist bis September kaum zu schaffen“, sagte er. Das Gericht will jedoch wie geplant verhandeln.