Glück am Strand Geschichten, die das Meer schreibt

Von Annika Hofmann | 03.03.2017, 01:00 Uhr

Es gibt Geschichten, die sich nicht planen lassen. Geschichten, die das Meer schreibt, versteckt in Flaschenposten, die nicht selten jahrzehntelang auf dem Wasser reisen, stets angetrieben von Strömung und Wind.

Oliver Lück, Journalist und Fotograf aus Henstedt-Ulzburg, ließ sich von den an den Strand gespülten Flaschenposten und ihren Geschichten für sein Buch Flaschenpostgeschichten - Von Menschen, ihren Briefen und der Ostsee inspirieren. Die Idee zu seinem Werk kam ihm mehr oder weniger zufällig: „Flaschenposten kann man nicht planen“ - ein seltenes Phänomen in der heutigen Zeit.

Wahrscheinlich ist es Glück oder Schicksal, als Lück gemeinsam mit seinem Hund Locke in einem VW Bus im Jahr 2008 einfach losfährt. Sein Ziel: 26 europäische Länder in 20 Monaten besuchen. Dass er gerade in Lettland auf die Idee zu seinem aktuellen Buch stößt, kann er sich während der Reiseplanung nicht erträumen. In dem baltischen Land trifft er auf eine Dame, die Treibgut in Kunst verwandelt und dazu fast 40 Flaschenposten am Ostseestrand gefunden und aufgehoben hat. Ohne Deutsch oder Englisch zu sprechen, ist es ihr unmöglich, die Briefe zu beantworten. Oliver Lück nimmt sich den Funden an: „Ich habe sofort den Wert hinter den Flaschenposten erkannt“. Die Texte aus den alten Flaschen lassen ihn nicht mehr los. „Ich wollte wissen, wer die Briefe geschrieben hat, welche Geschichten dahinter stecken“. Ganze 20 Menschen und ihre Geschichten kann er nach den ganzen Jahren noch erreichen, darunter Schriftsteller und Erfinder, Meeresforscher und Strandpolizisten.

Und so entsteht ein reger Austausch zwischen Finder (Lück) und Versendern der Flaschenbriefe. „Die kurioseste Flaschenpostgeschichte ist wohl die von Thomas von der Insel Rügen“. Für diesen ist das Schreiben von Flaschenposten zu einem Hobby geworden. Und so sammelt Lück 30 weitere Antworten aus sieben Ländern, die Thomas bereits bekommen hatte. Am Ende hat er eine Auswahl von fast 300 Briefen, von denen er um die 100 Absender erreicht und somit ein beeindruckendes Netz aus Flaschenpostbriefen mit den dahinterliegenden Geschichten über die Ostsee spannt.

Wenn das Glück an den Strand gespült wird

Bei einem Autoren, der sich so intensiv mit Flaschenposten beschäftigt, liegt die Frage nahe, ob er denn selbst schon einmal eine Flaschenpost gefunden habe. „Ja“, sagt Lück, „ich habe es aber auch darauf angelegt“. Wenn wir Flaschenposten verschicken, würden diese aufgrund der Windrichtung meist im Baltikum landen. „Also bin ich mit meinem Hund Locke eine Woche nach Lettland gereist und bin jeden Tag 30 bis 40 Kilometer am Strand spazieren gegangen“. Am fünften Tag schließlich hat er Erfolg. „Ich konnte mein Glück kaum glauben“, sagt der Autor, der die drei Kinder aus München, die in Rügen Urlaub gemacht und die Post verschickt hatten, aber bis jetzt nicht erreichen konnte.

Bis heute bedeutet Schreiben mit der Hand für Lück emotional viel mehr als das Tippen auf einem Computer. „Beim Schreiben mit der Hand bekommt der Moment eine absolute Wertigkeit, die mit Geld nicht zu bezahlen ist“. Das Schreiben sei eine sehr persönliche Sache, ebenso wie die Flaschenpost eine sehr persönliche Sache ist. „Der Moment des Schreibens ist magisch, denn er bedeutet, dass sich jemand für jemand anderen Zeit genommen hat“.

Flaschenpostgeschichten - Von Menschen, ihren Briefen und der Ostseeim Rowohlt Verlag, 256 Seiten, 32 Bildseiten
(D) 9,99 € (A) 10,30 €
ISBN: 978-3-499-63085-9

Wo man die Stille hören kann

Die Frau, die die Hallig lebt

Meinung – Anke Pipke
Hooge ist eine der zehn „Perlen der Nordsee“ oder „schwimmende Träume“, wie Theodor Storm die Halligen einst nannte. Echte Urlaubsparadiese für geplagte Großstadtseelen. Manche bleiben sogar für immer. So wie Katja Just. Das Münchner Kindl ist seit 16 Jahren eine Hallig Deern und hat auf Hooge ihre Heimat gefunden. Zwölf Monate im Jahr, winters wie sommers. Es ist die Erfüllung eines Herzenswunsches gegen alle Vernunft. Auf der Ockenswarft, unter dem Reetdach einer denkmalgeschützten rund 300 Jahre alten Kate, steht ihr „Haus am Landsende“, in dem sie zwei Ferienwohnungen betreibt. Ihre Gäste kommen zu jeder Jahreszeit. „Ich kann das verstehen“, sagt die 41-Jährige. „Ich bin auch gerne im Winter hier. Alles wird ruhiger, so schön entschleunigt.“  Lange Spaziergänge, stundenlang aufs Wasser schauen, die Wintervögel beobachten – das suchen die Gäste jetzt auf der Hallig. Dinge, die auch Katja Just genießt. „Hier kann man die Stille noch hören. Herrlich!“, sagt sie und strahlt. „Ich werde mir das nie überhören, das holt mich immer wieder runter.“

Ihre Eltern hatten das alte Reetdachhaus entdeckt, damals noch mit nur einer Ferienwohnung ausgestattet. Katja Just ist Anfang 20, als es heißt: Du, wir können auf Hooge ein Haus kaufen. Wollen wir? Ja, klar! Alles geht jetzt ganz schnell. Ende 1995 kaufen die Eltern die Kate, ziehen endgültig gen Norden. Sie bauen ein zweites Appartement aus, sorgen für neue Gauben im Dach, renovieren, wo es nötig und machbar ist und legen einen traumhaften Bauerngarten an. Katja Just folgt ihnen dann im Jahr 2000. In der bayerischen Hauptstadt hinterlässt sie den guten Job bei der Lufthansa und – ihr Motorrad. „Das ist mir am schwersten gefallen“, gesteht sie. „Motorradfahren war für mich einfach der Inbegriff von Freiheit.“ Aber mit einer 1000er BMW kann man auf Hallig Hooge nun wirklich nichts anfangen. Und der Herzenswunsch, auf der Hallig zu leben, war stärker. Für die große Freiheit des Motorradfahrens hat sie eine neue Freiheit gewonnen. Mitten in der Nordsee, fern jeder Großstadt.

Seit 2004 ist sie alleine auf der Hallig. Alleine mit dem alten Haus am Landsende, mit neuen oder auch immer wiederkehrenden Gästen. „Ich kann nur feststellen: Die Welt kommt nach Hooge. Ich lerne hier so viele neue Menschen kennen.“ Wie schafft sie selbst es zu entschleunigen? „Ich setze mich auf den höchsten Punkt meiner Auffahrt, trinke meinen Milchkaffee und schaue manchmal ein oder zwei Stunden nur aufs Meer, höre den Vögeln zu, denke einfach mal an gar nichts. Eine kostbare Zeit, die ich mir, wann immer es geht, versuche zu nehmen.“

In einigen Momenten ist sie auf der Hallig auch nach 15 Jahren noch die Zugereiste, dann wieder die Hoogerin. Das wechselt. Das schönste Kompliment hat Katja Just von einem Halligbewohner bekommen. „Du lebst die Hallig!“, sagte er zu ihr. Weil sie das ganze Jahr bleibt und nicht im Winter geht, wie so viele. Würde sie die Entscheidung, auf die Hallig zu gehen, wieder treffen? „Ja! Auf jeden Fall“, sagt Katja Just. „Hooge ist im Dornröschenschlaf und es erwacht so langsam, hat mal ein Gast von mir gesagt. Und ich bin dabei. Das finde ich ganz toll.“

Noch mehr Geschichten …

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