Versenkt: Giftgas in der Flensburger Förde

Neue Quellen belegen: Nach Kriegsende wurden Gasgranaten in der Ostsee entsorgt

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29. März 2012, 03:59 Uhr

Flensburg | Es ist klein , gelb und sieht ein bisschen wie Bernstein aus. Doch solche Klumpen, die aus dem Meer an die Strände gespült werden, können auch eine andere Herkunft haben. Denn genau so sehen Reste von Senfgas aus, wenn sie aus Granaten austreten, Granaten, die in der Ostsee liegen.

"Bislang dachte man, dass nach dem Zweiten Weltkrieg nur konventionelle Munition vor Flensburg versenkt wurde", sagt Dr. Stefan Nehring, Biologe aus Koblenz, der zu dem Thema gerade einen Artikel in der Fachzeitschrift "Waterkant" veröffentlicht hat. "Doch jetzt ist klar, dass dort sogar Senfgasgranaten versenkt worden sind." Wie viel von dem chemischen Kampfstoff noch in der Ostsee liegt, weiß heute keiner. Aber Nehring hat in den Archiven gewühlt und mehrere Dokumente gefunden, in denen Zeitzeugen die Versenkung von Giftgas schildern.

Die deutschen Behörden hätten über die Jahre das Wissen um die chemischen Kampfstoffe in der Flensburger Förde "vergessen", so der Wissenschaftler. Sie seien Hinweisen auf das Giftgas nicht nachgegangen, hätten Gefahren igoriert, Akten in Archiven verschwinden lassen.

Der Landesregierung war von Giftgasgranten in der Flensburger Förde bislang nichts bekannt. Allerdings gehe man diesen und anderen Hinweisen nach, so Jens Sternheim aus dem Innenministerium. "Ein Abschluss der Arbeiten ist jedoch nicht absehbar." Man wolle jetzt Informationen sammeln und prüfen, dann könne man auch einschätzen wie groß die Gefahr sei. "Von jeder im Meer versenkten Munition geht ein latentes Gefährdungspotenzial aus", so Sternheim weiter.

Stefan Nehring fordert: "Wir müssen wissen, was dort noch liegt und es genauer untersuchen - etwa mit Sonargeräten." Und zwar auch innerhalb der Flensburger Förde. Dann solle entschieden werden, ob dort alte Granten gehoben werden müssen. "Das ist technisch machbar, aber eben wegen der Sicherheit sehr aufwändig", sagt Nehring. Wenn die "Sanierung" der Förde nötig werden sollte, müsste das in internationaler Kooperation geschehen, meint Sternheim.

Und die Gefahr für Schwimmer und Fischer in der relativ flachen Flensburger Förde? Stefan Nehring sagt dazu: "Es ist nicht wahrscheinlich, dass dort noch Reste des Giftgases angespült werden, aber es ist möglich."

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