Veranstaltung mit Peer Steinbrück : "Krisengefahr nicht gebannt"

Fast 300 Zuhörer  hatte gestern das Podium mit (v.l.) Stephan Richter, Bettina Hagedorn, Peer Steinbrück, Reinhard Sager und Dr. Martin Lüdiger. Foto: ahrendt
Fast 300 Zuhörer hatte gestern das Podium mit (v.l.) Stephan Richter, Bettina Hagedorn, Peer Steinbrück, Reinhard Sager und Dr. Martin Lüdiger. Foto: ahrendt

Konsequenzen der Weltwirtschaftskrise waren gestern Thema einer Veranstaltung mit Peer Steinbrück.

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03. Februar 2011, 10:34 Uhr

eutin | Seinen Spitzname als "Häuptling Flinke Zunge" hat er schon lange. Und dem wurde er auch gestern wieder gerecht: Peer Steinbrück (SPD). Der Bundestagsabgeordnete und ehemalige Wirtschaftsminister war Gast der Sparkasse Holstein. Deren Einladung zu einer Diskussion in den Schlossterrassen waren fast 300 Menschen aus dem gesamten Geschäftsgebiet der Bank und darüber hinaus aus Hamburg gefolgt. Das Thema: Schlussfolgerungen aus der Finanzmarktkrise: Was muss sich ändern?

Die Zuhörer erlebten einen gut aufgelegten Referenten, der ein leidenschaftliches Plädoyer für Europa und die Bewahrung des Euro hielt. Und der warnte: Die Lehren aus der jüngsten Finanzmarktkrise seien längst nicht gezogen. Es bestehe großer Regelungsbedarf, bevor die latente Gefahr weiterer Wirtschaftskrisen gebannt sei. Kurzweilig und anschaulich sprach Steinbrück, versuchte eine Antwort auf die vom Gastgeber gestellte Frage, bevor in einer Podiumsrunde weitere Aspekte des Themas erörtert wurden.

Steinbrück machte deutlich, dass die Bundesrepublik in der aktuellen europäischen Krise keine Alternative zu einer Rettung von EU-Staaten habe, die finanziell ins Trudeln geraten sind. Als exportabhängige Nation sei Deutschland extrem auf den Euro angewiesen. Der sei im übrigen ja gut aufgestellt mit einem Wechselkurs, der bei 1,30 US-Dollar liege. "Wir lagen am Anfang bei 85 Cent."

Mit Blick auf den Kanon möglicher politischer Maßnahmen in Europa als Folge der Finanzmarktkrise plädierte Steinbrück für die Einführung einer Finanztrans aktionssteuer, einer Art Umsatzsteuer für Finanzaktionen. Das wäre gerechter als die aktuelle deutsche Ban ken umlage, mit der Sparkassen und Volksbanken benachteiligt würden und für Fehler anderer mitzahlen müssten.

Grundsätzlich halte er den typisch deutschen Dreiklang aus privaten Banken, öffentlich-rechtlichen Instituten und Genossenschaftsbanken für einen Grund, warum Deutschland die jüngste Finanzmarktkrise so gut überwunden habe. Das bedeute nicht, dass es bei dem System der Landesbanken keinen dringenden Handlungsbedarf gebe: Vier der acht vorhandenen Landesbanken gäben Anlass zu schlaflosen Nächten.

Mit Blick auf die internationale Entwicklung sah Steinbrück in der aktuellen Finanzpolitik der USA die Gefahr, dass zu viele Mengen billigen Geldes auf den internationalen Märkten eine Welle an Inflation produzieren könnte. Darauf müsste die Europäische Zentralbank irgendwann mit höheren Zisen reagieren, die wiederum Gift für die Konjunktur wären.

Die Probleme seien vielfältig: Transparenz, Eigenkapital-Vorschriften, die Zusammenführung von Risiko und Haftung fielen als weitere Themen. Klar sei, dass der Finanzmarkt geregelt werden müsse. "Gefahr für die soziale Marktwirtschaft sehe ich nicht an den politischen Rändern, sondern bei Protagonisten, die den Blick für Maß und Mitte verloren haben."

Die Herausforderung sei da, und es mache keinen Sinn, morgens im Bett zu bleiben und die Decke über den Kopf zu ziehen: "Dann muss man eben weiter dicke Bretter bohren."

Mit dieser Aussage sprach Steinbrück dem Vorstand der Sparkasse, Dr. Martin Lüdiger, aus der Seele. Handeln sei gefordert, werde aber von der Politik aus Angst vor Konsequenzen vermieden, selbst wenn die Folgen der Tatenlosigkeit viel schlimmer würden, klagte Lüdiger in einer Podiumsrunde, die vom Chefredakteur des Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlages, Stephan Richger, moderiert wurde.

In dieser Runde forderte Landrat Reinhard Sager eine faire Behandlung der Sparkassen, die Garanten einer regionalen und zuverlässigen Wirtschaftsförderung seien. Und die Bundestagsabgeordnete Bettina Hagedorn (SPD), die den Besuch Steinbrücks vermittelt hatte, unterstrich den Willen der Politik in Berlin, das Heft des Handelns in der Hand zu haben.

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