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Streit um Bremer Ausstellung : Schatten über Haithabu

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Für eine Bremer Ausstellung zur Archäologie in der NS-Zeit wollten die Schleswig-Holsteinischen Landesmuseen keine Exponate aus Haithabu hergeben. Nun sehen sie sich dem Vorwurf ausgesetzt, sich über ihre Geschichte auszuschweigen.

Kiel | Schleswig / Bremen. Verschließen sich die Schleswig-Holsteinischen Landesmuseen einer Aufarbeitung ihrer Geschichte zu Zeiten des Dritten Reichs? Sollen die Ausgrabungen in der Wikingersiedlung Haithabu unter der Schirmherrschaft des SS-Reichsführers Heinrich Himmler still und heimlich totgeschwiegen werden? Diese Fragen stellen sich angesichts eines derzeit über die Medien ausgetragenen Konflikts mit dem Bremer Landesmuseum. Grund ist eine dortige Ausstellung mit dem Titel "Graben für Germania", die heute eröffnet. In der Schau soll - nach Angaben der Macher bundesweit zum ersten Mal - die ideologische Rolle der Archäologie während der Zeit des Dritten Reichs umfassend dargestellt werden. Auch aus Haithabu wollte man einige Exponate zeigen. Doch die Herausgabe aller gewünschten Ausstellungsstücke lehnte Schleswig ab.

"Wir haben leider keine Objekte aus Haithabu bekommen", erklärt die Bremer Landesarchäologin Uta Halle. "Und ich habe diese Ablehnung so verstanden, dass es darum geht, die Wikingersiedlung nicht mit der Zeit des Nationalsozialismus in Kontext stellen zu wollen. Ich finde das sehr bedauerlich."

Ein "fauler Frieden" mit der braunen Vergangenheit

Der Historiker Dirk Mahsarski, maßgeblich an der Konzeption der Bremer Ausstellung beteiligt, hat über den Haithabu-Grabungsleiter und SS-Sturmbannführer Herbert Jankuhn promoviert. "Die Wikingersiedlung war ab 1938 mit Abstand das wichtigste Ausgrabungsprojekt. Es bekam ein Drittel aller Finanzmittel", erklärt Mahsarski. Im Nationalsozialismus seien die Wikinger als Teil der eigenen Rasse angesehen und verehrt, Haithabu als essenzielles Bindeglied zu den Nordgermanen interpretiert worden. Durch das Fehlen von Exponaten aus Schleswig gebe es eine "große Lücke" in der Bremer Ausstellung.

Vom Boykott der Bremer Schau und somit der Aufbereitung der Geschichte der NS-Archäologie durch die Schleswig-Holsteinischen Landesmuseen berichtete daraufhin die "taz" vor einigen Tagen. Die "Zeit" unkte am Ende eines großen Artikels zum Thema "Graben für Germanien", man habe im Norden offenbar einen "faulen Frieden" mit der braunen Vergangenheit gemacht.

"Einige dieser Gegenstände sind nicht reisefähig"

Frank Zarp ist Pressesprecher der Schleswig-Holsteinischen Landesmuseen. Die Medienberichte und die Äußerungen Uta Halles kann er nicht nachvollziehen. "Dass die Exponate nicht herausgegeben werden konnten, lag zum Teil daran, dass einige dieser Gegenstände aufgrund ihres Zustands nicht reisefähig sind. Andere können wir in unserer bundesweit größten Wikingerausstellung einfach nicht entbehren." In einem Schreiben habe man gegenüber dem Bremer Landesmuseum unmissverständlich zu allen Ablehnungen einzeln eine Begründung geliefert und den Bremer Ausstellungsmachern alternativ den Vorschlag gemacht, ein bislang nie gezeigtes Fotoalbum sowie weitere Archivalien über Herbert Jankuhn auszuleihen, "das wurde aber abgelehnt." Dafür widerum hat Uta Halle eine Begründung: "Zu Jankuhn hatten wir bereits Materialien aus anderen Quellen, uns fehlten Exponate der Grabungen." Halle fragt sich, wieso von Seiten der Schleswiger Landesmuseen nicht zumindest alternative Vorschläge zur Herausgabe anderer Ausstellungsstücke aus Magazinbeständen gemacht wurden. "Das wäre meiner Ansicht nach die angemessene Reaktion gewesen. Bei mir entstand der Eindruck, dass da grundsätzlich die Unterstützung fehlt."

Ulrich Müller, Professor für Ur- und Frühgeschichte an der Universität Kiel, kritisiert im Artikel der "taz" die Nichtbeteiligung an der Bremer Ausstellung als "problematisch". Haithabu sei ein "Meilenstein der modernen Archäologie" und ein "Hotspot der Mystifizierung", der Erschaffung einer politisch motivierten Ersatzreligion. "Es wäre besser, mit Haithabus NS-Geschichte offensiv umzugehen."

"Warum sollten wir das sonst tun?"

Doch fehlendes Interesse oder gar eine Verweigerungshaltung gegenüber einer Aufarbeitung und Offenlegung der Verflechtung Haithabus mit dem Dritten Reich mag Frank Zarp nicht erkennen. "Wir haben doch Dirk Mahsarski bei der Recherche zu seiner Doktorarbeit über Herbert Jankuhn mit großem Aufwand unterstützt, warum sollten wir das sonst tun?"

Bleibt nur die Frage, wieso es bald 70 Jahre nach Ende des Dritten Reichs in der Ausstellung von Haithabu immer noch keine erklärenden Tafeln - geschweige denn eine spezielle Schau - zur kritischen Würdigung Herbert Jankuhns und der Bedeutung Haithabus im Dritten Reich gibt. Zarp begründet das mit Problemen, an wichtiges Archivmaterial heranzukommen, "Sperrfristen" würden teilweise einen Zugriff behindern. Eine Ausstellung oder Schautafeln zum Thema kann er sich zukünftig aber vorstellen.

Stoff dazu gibt es spätestens mit Mahsarskis Doktorarbeit mehr als genug. Jankuhn, dem unter anderem Denunziation jüdischer Kollegen und Kunstraub vorgeworfen wurden, blieb Haithabu übrigens treu. Er nahm dort nach mehrjähriger Internierung und einer auf offensichtlichen Lügen begründeten Entnazifizierung ab 1949 im Auftrag der Landesregierung über mehrere Jahre weitere Grabungen vor. Dann wurde er als Professor nach Göttingen berufen, wo er 1990 starb.

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