Kommentar : Zwischen-Landung

juergen_muhl-1270

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22. Mai 2020, 14:46 Uhr

Bis gestern Vormittag hieß es, der Verhandlungspoker um die Deutsche Lufthansa habe ein Ende. Die Bundesregierung und Europas größtes Luftfahrtunternehmen seien sich einig. Ein Rettungspaket von neun Milliarden Euro sollte die Lufthansa vor dem Absturz bewahren und der Bund in Zukunft Anteile von 20 Prozent halten. Was in Deutschland seit Gründung der freien Marktwirtschaft umstritten ist – eben eine staatliche Beteiligung an einem bis vor kurzem noch gesunden Unternehmen - war so gut wie unterschrieben. Bis in den gestrigen Mittagsstunden der Deal erst einmal auf Eis gelegt wurde. Nichts ist perfekt. Die „Staatshansa“ ist zwischengelandet.

Zuvor hatte es Kritik aus den eigenen Reihen gegeben. Ufo, die Gewerkschaft des Kabinenpersonals, vermisst Absicherungen wie Beschäftigungsgarantien. Auch solle das Unternehmen mit Staatsbeteiligung doch bitteschön an dem großzügigen Luxus-Tarifvertrag festhalten. Dazu gehören auch Gratisflüge und Sonderleistungen, wovon Beschäftigte in anderen Branchen nur träumen können. Und die Piloten-Vereinigung „Cockpit“ wird alles daransetzen, dass die hohen Ruhestands-Zahlungen bestehen bleiben. Diese hohen Sozialbelastungen haben mit dazu beigetragen, dass die Fluggesellschaft bereits nach drei Corona-Monaten in finanzielle Schieflage geraten ist. Was derzeit all jene Kunden spüren, die monatelang auf die Rückzahlung ihrer Beträge für ausgefallene Flüge warten. Die Lufthansa begründet dies mit Überlastung des Personals. Die Wahrheit ist wohl eine andere - es fehlt nämlich offenbar an der Liquidität. Ein Alarmzeichen. Der bislang gute Ruf des Unternehmens als seriöse Fluggesellschaft, die ihren Verpflichtungen nachkommt, steht auf dem Spiel.

Gut zwanzig Jahre nach ihrer vollständigen Privatisierung ist der Lufthansa bereits nach einer kurzen Notlandung die Luft ausgegangen. Die Beteiligung des Staates könnte den Weg in eine schwierige Zukunft der Luftfahrt ebnen. Die jetzige Verhandlungspause darf nur eine Zwischenlandung sein. Andernfalls stünde die Lufthansa zum Verkauf.

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