Historische Serie zum Ende des 2. Weltkriegs : Zivilkleidung, Augenklappe, neuer Name: Doch für Himmler gab es kein Entrinnen

Heinrich Himmler.
Heinrich Himmler.

Flucht durch SH: Der einst mächtigste Mann nach Hitler wechselte zum Kriegsende fast täglich seinen Aufenthaltsort.

Medienexperte Stephan Richter.    von
13. Mai 2015, 11:38 Uhr

Deutschland vor 70 Jahren. Der Zweite Weltkrieg ist verloren, die Gesamtkapitulation unterschrieben. Doch es gibt ein Nachspiel. Am 9. Mai 1945 meldet der einzige verbliebene Reichssender in Flensburg das „Schweigen der Waffen“ an allen Fronten. Aber noch bis zum 23. Mai bleibt die letzte Reichsregierung unter Hitler-Nachfolger Dönitz in Amt. Untergang und Neuanfang, Niederlage und Befreiung, Verzweiflung und Hoffnung bestimmten die Tage. In unserer zwölfteiligen Serie besuchen wir mit Historiker Prof. Gerhard Paul Orte, an denen das Ende auf so unterschiedliche Weise deutlich wurde. Es sind oft unscheinbare Erinnerungsorte, an denen Kriegsverbrecher abzutauchen versuchten, Marineschiffe versenkt, angebliche Deserteure immer noch hingerichtet wurden oder KZ-Häftlinge auf dem Weg in die Freiheit waren.

Wer Mitte Mai durch die Landschaft Angeln fährt, freut sich über blühende Rapsfelder. Wer käme auf die Idee, dass hier die „Rattenlinie Nord“ verlief? So wie sich die Reichsregierung Dönitz nach Norden abgesetzt hatte, taten es auch viele andere Nazis, die der Verfolgung durch die Alliierten zu entgehen versuchten. Schleswig-Holstein wurde so nach Einschätzung von Historikern eines der größten Rückzugsgebiete von NS-Verbrechern zum Ende des Zweiten Weltkrieges.

Prof. Gerhard Paul kennt die Bauernhöfe rund um Flensburg, auf denen die einstigen Schergen, die nun zu Gejagten geworden waren, Unterschlupf fanden. Unter den Flüchtenden ist auch der Chef der SS und Polizei, Reichsinnenminister Heinrich Himmler. Die Höfe liegen in kleinen Ortschaften, meist ein wenig abseits von anderen Häusern. „Stellen Sie sich vor, was in dem einst mächtigsten Mann nach Adolf Hitler vorging: Er muss fast täglich seinen Aufenthaltsort wechseln und flüchtet am Ende zu Fuß“, sagt der Flensburger Historiker.

 

Am 3. Mai 1945 erreichte Himmler Flensburg, wo er sich nach Berichten des Flensburger Sozialdemokraten und KZ-Häftlings Heinrich Lienau zunächst noch „mit voller Kriegsbemalung“ in den Straßen der Stadt zeigte. Doch dann wurde es ihm auch hier zu brenzlig. Himmler verzog sich in die Feuerwehrschule nach Harrislee, wo er sich eine Feuerwehruniform verpassen ließ, die er später gegen Zivilkleidung wechselte. Zur besseren Tarnung legte er zudem seine Brille ab und sich eine Augenklappe zu.

In Ellgard bei Esgrus tauchte er unter, in Atzbüll und Kollerup. Auf den Bauernhöfen, auf denen er Unterschlupf fand, tauchte er stets mit mehren Wagen, einem guten Dutzend Leibwächter, seinem Adjutanten und zwei Leibärzten auf.

Johannes Festesen aus Ellgard hielt im Frühjahr 1945 in seinem Tagebuch fest, wie plötzlich Himmler vor der Tür stand. „Es pochte an unserem Schlafzimmerfenster und mit vor Ehrfurcht ersterbender Stimme hörten wir ihn sagen: ‚Der Reichsführer und Oberste Befehlshaber der SS, Heinrich Himmler‘. Es blieb mir nichts anderes übrig, als ihn hereinzulassen. Himmler stand vor unserem Haus auf dem Rasen und begrüßte mich mit den Worten: ‚Sie sollen mich aufnehmen.‘ Ich sagte: ‚Ja, das muss ich ja wohl.‘ Darauf er wieder: ‚Ja, das müssen Sie.‘ … Am anderen Morgen verschwand er wieder.“

„Die Flüchtenden hatten Geld und Gold dabei, um sich den Unterschlupf notfalls zu erkaufen“, sagt Prof. Paul. In Flensburg sei offen darüber gemunkelt worden, dass sich Himmler und andere gesuchte Nazi-Größen im Norden aufhielten. Doch auch das Fördepflaster war für sie nicht mehr sicher. Am 9. Mai wechselte der ehemalige Reichsführer-SS und Reichsinnenminister auch seinen Namen und nahm die Identität des „Heinrich Hitzinger“ an, eines vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilten und hingerichteten Feldwebels. Dann ging die Flucht nach Dithmarschen; übernachtet wurde jetzt in Bahnhöfen und im Freien.

Bei Delve setzte Himmler über die Eider über. Von dort schlug er sich in den Dieksanderkoog – ehemals Adolf-Hitler-Koog – durch. Hier hatte Adolf Hitler 1935 den Grundstein für den Bau der Neulandhalle gelegt, einem nationalsozialistischen Versammlungs- und Schulungsort. Dort, so glaubte wohl Himmler, würden die Einheimischen ihn noch schützen. Doch die Koogbewohner schickten ihn weg. Weiter ging es nach Friedrichskoog, wo ihn Fischer Willi Plett am 16. Mai mit seinem Kutter über die Elbe in die Mündung der Oste bei Neuhaus brachte. „Ein gutes Geschäft; pro Person sollen für die Angehörigen der Gruppe je nach Zeugenaussage 500 bis 1000 Reichsmark gezahlt worden sein“, sagt Prof. Gerhard Paul.

Zu Fuß ging die Flucht weiter, bis Heinrich Himmler am 21. Mai in Meinstedt, südöstlich von Bremervörde, bei einer Personenkontrolle von befreiten russischen Kriegsgefangenen festgenommen und an die Briten übergeben wurde. Diese brachten ihn zur Klärung der Identität nach Lüneburg. Der Todesstrafe entging Himmler, indem er zwei Tage später in britischem Gewahrsam auf eine Zyankali-Kapsel biss, die sich viele Nazi-Größen in eine Zahnlücke hatten implantieren lassen. Die tödliche Wirkung des Giftes war zuvor in Auschwitz in verbrecherischen Menschenversuchen erprobt worden.

„Es hat viele Jahre gedauert, bis sich die Geschichtswissenschaft auch mit Tätergeschichten befasste und nicht nur mit Opferbiographien“, sagt Gerhard Paul. Himmlers letzte Tage und seine Fluchtroute durch Schleswig-Holstein sind das Gegenstück zu den Schicksalen jener, die sogar noch nach der Kapitulation von der deutschen NS-Militärjustiz zum Tode verurteilt und in und um Flensburg hingerichtet wurden.  

> Lesen Sie am Freitag: Das traurige Ende des Kapitänleutnants Asmus Jepsen.

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