Zehn Jahre Rettungsaktion der „Cap Anamur“ – Gottesdienst erinnert an Flüchtlingsdramen

karin lubowski
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shz.de von
19. Juni 2014, 13:18 Uhr

20. Juni 2004, Mittelmeer. Hundert Seemeilen vor Lampedusa sichtet die Mannschaft der „Cap Anamur“ ein marodes Schlauchboot, in dem sich 37 schwarzafrikanische Flüchtlinge drängen. Kapitän Stefan Schmidt, heute Beauftragter des Landes für Flüchtlings-, Asyl- und Zuwanderungsfragen beim Schleswig-Holsteinischen Landtag, rettet die Männer aus Seenot – und katapultiert sich, seinen ersten Offizier und „Cap Anamur“-Chef Elias Bierdel ins Gefängnis und vor Gericht. Vor und in der Lübecker Seefahrerkirche St. Jakobi wird heute der Rettungsaktion gedacht. „Menschenrechte in Seenot“ ist der Nachmittag überschrieben.

„Kein Trinkwasser, der Motor qualmte“ – dass er Menschen vor dem sicheren Tod gerettet hat, ist für Schmidt nicht weiter erwähnenswert. „Das war selbstverständlich“, sagt der Kapitän, der in seinem Leben „alles gefahren“ hat und an der Schleswig-Holsteinischen Seemannsschule Schiffssicherheit lehrt; er verweist auf Recht, Gesetz und Menschlichkeit. Trotzdem hat diese „ganz normale Aktion“ vor zehn Jahren zu dem geführt, was Schmidt seinen „persönlichen Paradigmenwechsel“ nennt. Nicht, weil er erst nach langer Irrfahrt mit den Geretteten an Bord einen italienischen Hafen anlaufen konnte, nicht, weil er und seine Mitstreiter verhaftet, verleumdet und erst nach einem fünfjährigen Prozess von der „Beihilfe zur illegalen Einreise in einem besonders schweren Fall“ freigesprochen wurden.

Es ist das Schicksal der Flüchtlinge, das ihn seit diesem Tag nicht mehr losgelassen hat. Wie Elias Bierdel hält er seitdem Vorträge über die Ereignisse und die Zustände im Mittelmeer. „Das ist voller Toter“, mahnt er. Mit Bierdel ist Schmidt Mitbegründer des Vereins „borderline-europe – Menschenrechte ohne Grenzen“, der auf seiner Internet-Plattform akribisch die erschütternde Flüchtlingsrealität an den EU-Außengrenzen dokumentiert. Die Zahl der Toten ist nur schätzbar. Seit dem Jahr 2000 starben oder verschwanden laut Flüchtlingsorganisationen mehr als 23 000 Menschen allein auf dem Weg von Afrika nach Europa. „Die machen sich ja nicht aus Jux und Dollerei auf den Weg“, sagt Schmidt.

An und in der Lübecker Jakobikirche soll heute an die täglichen Flüchtlingsdramen erinnert werden. Beginn ist um 16 Uhr mit einer Andacht zum Gedenken an die Toten an Europas Außengrenzen, geleitet von Bischöfin Kirsten Fehrs und Pastor Lutz Jedeck. Grußworte sprechen Anke Spoorendonk, Ministerin für Kultur, Justiz und Europa, sowie Björn Engholm. Erwartet werden Elias Bierdel und Aminu Munkaila, einer der 2004 Geretteten, der heute in Ghana Jugendliche vor den Gefahren der Überfahrt nach Europa warnt – und natürlich Stefan Schmidt, an dessen couragiertes Engagement an diesem Tag erinnert werden soll. Der Shanty-Chor ,Möwenschiet’ und der Passat-Chor begleiten durch das Erinnerungstreffen, das unter anderem von der Flensburger Brauerei unterstützt wird: Der Erlös des verkauften Bieres fließt 1:1 an den Verein „borderline-europe“.


> www.borderline-europe.de


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