Wohnungsmarkt ist angespannt

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Vermieter berichten: Neubauten in Tornesch können Bedarf an Mietwohnungen nicht decken

shz.de von
11. August 2018, 17:03 Uhr

Bezahlbarer Wohnraum, den Menschen mit geringem Einkommen, Rentner, Kranke, Arbeitslose oder Flüchtlinge dringend benötigen, ist deutschlandweit knapp. Auch Vermieter und Verwaltungsmitarbeiter in Tornesch berichten von einem angespannten Wohnungsmarkt. Aus Sicht des SoVD-Ortsverbands benötigen viele Menschen mit geringer Rente günstige Wohnungen. Er beteiligt sich daher an der „Volksinitiative für bezahlbaren Wohnraum in Schleswig-Holstein“, initiiert vom SoVD-Landesverband.

Das Wohnungsunternehmen Semmelhaack ist Eigentümer mehrerer hundert Wohneinheiten in Tornesch, mehr als 200 Wohnungen davon sind öffentlich gefördert. „Hier gibt es eine geringe Fluktuation, Wartelisten und keinerlei Leerstände“, berichtet der Leiter für Projektentwicklung Hartmut Thede. „Bedarfe gibt es hier in erster Linie für preiswerte Wohnungen, gefördert und freifinanziert, für Menschen der älteren Generation, für Singles, Alleinerziehende mit Kind und kleine Familien und nicht zuletzt für Menschen mit besonderem Hilfebedarf.“ Thede kritisiert die Entscheidung der Politik, in „Tornesch am See“ Eigentumswohnungen zu bauen: „Es ist allgemein bekannt, dass Eigentumswohnungen relativ selten von Eigennutzern erworben werden, sondern vielmehr von Kapitalanlegern, die dann diese Wohnungen entsprechend hochpreisig vermieten. Hier hätten wir uns mehr Sensibilität von Verwaltung und Politik gewünscht, um sozial ausgewogen allen Nutzergruppen dieses attraktive Neubaugebiet erlebbar zu machen.“

„Die Lage auf dem Wohnungsmarkt in Tornesch ist, wie in den übrigen Regionen der Metropolregion Hamburg, nach wie vor angespannt“, sagt Benjamin Schatte von der Baugenossenschaft Adlershorst. Das Unternehmen hat in Tornesch 355 Wohnungen im Bestand, 151 davon öffentlich gefördert. Weitere 70 freifinanzierte Wohnungen befinden sich zurzeit im Bau und werden voraussichtlich ab März 2019 zum Erstbezug zur Verfügung stehen. „Die bisher realisierten Neubauten konnten den Nachfrageüberhang nicht wesentlich reduzieren“, berichtet Schatte. „Insbesondere öffentlich geförderte Wohnungen, welche entsprechend mietpreisreduziert sind, werden sehr stark nachgefragt.“ Rund 250 Personen haben sich aktuell für Mietwohnungen von Adlershorst in Tornesch vormerken lassen. „Dies entspricht in etwa dem Niveau der Vorjahre“, so Schatte. Nach den Beobachtungen des Abteilungsleiters für Unternehmenssteuerung hat sich die Situation auf dem Wohnungsmarkt in den vergangenen Monaten nicht noch weiter zugespitzt.

Die Wohnungsbaugenossenschaft Neue GeWoGe verfügt in Tornesch derzeit über 86 Wohnungen. Alle Wohnungen seien frei finanziert, erläutert Sandra Maader von der GeWoGe. Die Nachfrage nach öffentlich gefördertem Wohnraum in Tornesch könne das Unternehmen somit nicht beurteilen. „Im frei finanzierten Bereich ist die Nachfrage nach Wohnungen in Tornesch bei uns konstant. Auch die Fluktuationsrate ist nahezu gleichbleibend im Verhältnis zu den letzten Jahren“, so Maader. Sie betont, dass die GeWoGe grundsätzlich an Flächen für die Errichtung von öffentlich gefördertem Wohnraum im gesamten Kreisgebiet interessiert sei.

Sven Reinhold vom Ordnungs- und Einwohnermeldeamt der Stadt bezeichnet den hiesigen Wohnungsmarkt ebenfalls als seit geraumer Zeit angespannt. Mehr Menschen, die mangels Wohnung in städtischen Unterkünften untergebracht werden müssen, resultieren daraus indes nicht. Wie Reinhold mitteilt, sind in Tornesch derzeit 223 Personen ordnungsrechtlich in Unterkünften einquartiert, davon 207 Flüchtlinge. Lediglich 16 Personen gelten als obdachlos, sie stammen aus Deutschland oder anderen EU-Staaten. Auch in den zehn Jahren vor der Flüchtlingskrise schwankte deren Zahl auf einem niedrigen Niveau zwischen fünf und 40. „Für Personen aus städtischen Unterkünften ist es derzeit schwer, hier vor Ort einen eigenen Mietvertrag abzuschließen“, berichtet der Verwaltungsmitarbeiter, „die letzten Auszüge erfolgten daher zu einem großen Teil in Nachbarstädte, zum Beispiel nach Uetersen oder Elmshorn.“ Lediglich ein größerer Vermieter habe in Tornesch in der Vergangenheit in einem größeren Rahmen Mietverträge an Flüchtlinge vergeben. „Für Obdachlose“, so Reinhold, „stellt sich die Situation ungemein schwerer da, da diese häufig mit Verwahrlosung und Alkoholismus zu kämpfen haben und daher bei Vermietern oft nicht berücksichtigt werden.“

Der Ortsverband Tornesch des Sozialverbands Deutschland (SoVD) setzt sich für mehr bezahlbare Wohnungen ein. Dessen Landesverband bringt in Kooperation mit dem Deutschen Mieterbund gerade die „Volksinitiative für bezahlbaren Wohnraum in Schleswig-Holstein“ auf den Weg. Gefordert wird unter anderem, das „Recht auf eine angemessene Wohnung“ in der Landesverfassung zu verankern, mehr geförderte Wohnungen zu bauen und kommunale Wohnungsbaugesellschaften zu fördern. Auch viele Mitglieder des SoVD-Ortsverbands haben sich mit ihrer Unterschrift an der Aktion beteiligt, und die Mindestanzahl an Unterstützern ist inzwischen überschritten. „Das Ziel ist, solchen Wohnraum zu schaffen, den auch Leute mit schmalerem Budget oder einer kleinen Rente bezahlen können“, sagt Joachim Selk, Vorsitzender des Ortsverbands. Insbesondere Rentnerinnen, die in ihrem Arbeitsleben nicht viel verdient haben, könnten sich viele Wohnungen nicht mehr leisten.

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