Nordfriesland : Winzig, unscheinbar und sehr selten

Dr. Uwe Sörensen kümmert sich um seltene Ameisen im nordfriesischen Naturschutzgebiet.
Dr. Uwe Sörensen kümmert sich um seltene Ameisen im nordfriesischen Naturschutzgebiet.

Im nordfriesischen Naturschutzgebiet „Süderlügumer Binnendünen“ findet sich weltweit das größte Vorkommen der Kerbameise.

shz.de von
18. Juli 2018, 17:03 Uhr

Kurz vor der Grenze zu Dänemark, im Naturschutzgebiet Süderlügumer Binnendünen, gibt es eine Kostbarkeit, die leicht zu übersehen ist: Eine beeindruckende Anzahl von Nestern der seltenen Kerbameise (Formica forsslundi) und Uralameise (Formica uralensis) sind dort angesiedelt. Beide Arten stehen auf der sogenannten Roten Liste, sind also vom Aussterben bedroht. Mit über 1200 registrierten Nestern der Kerbameise ist an diesem Ort nicht nur das größte Vorkommen weltweit festgehalten – die Ameise kommt in den Binnendünen zudem in einer außergewöhnlich hohen Konzentration vor.

Eigentlich handelt es sich bei beiden Insekten um Moorameisen. Warum sie sich trotz der trockenen Heidelandschaft in dem Gebiet sehr wohl fühlen, weiß Dr. Uwe Sörensen aus Süderlügum. „Für beide Ameisenarten ist ein großer Abstand zur Waldameise überlebenswichtig“, erläutert der Biologe, der 1986 die Kerbameise erstmalig innerhalb Deutschlands in Süderlügum nachgewiesen hat. „Die Kerbameise hat zwar sehr starke Kiefer, aber gegen die Überzahl der Waldameise dennoch keine Chance.“ In einem durchschnittlichen Nest von Kerbameisen finden sich 2000 bis 3000 Insekten, bei der Waldameise sind es bis zu 800.000 pro Nest.

Keberameise dringt in das Nest der Dienerameise ein

Allerdings sichert nicht nur die Entfernung zu ihren Feinden ihr Überleben: Ebenso wichtig ist für die Kerbameise die Nähe zu einer anderen Ameisenart, da sie Sozialparasitismus betreibt. Die Königin sucht zunächst ein Nest der Schwarzen Dienerameise (Formica picea) auf, die so ähnlich lebt, wie die Kerbameise. Ist sie eingedrungen, tötet sie die Königin des Stammes und versucht dann, sich das fremde Ameisenvolk untertan zu machen und ihre eigenen Eier im Nest zu legen. Als Nahrung dient beiden bedrohten Ameisenarten der süße Saft von Wurzelläusen, der Zucker und Aminosäuren enthält und offensichtlich reichlich in den Binnendünen vorhanden ist.

„Ich hatte entdeckt, dass in den Binnendünen besonders seltene Arten vorkommen, was mein Interesse geweckt hat“, erklärt der Oberstudienrat, der hauptberuflich Biolehrer am Niebüller Gymnasium ist und sich der Grundlagenforschung in der Biologie und Naturschutz in seiner Freizeit widmet. Das Staatenleben dieser Tiere sei sehr interessant. „Die Ameisen sorgen für die Dezimierung von Schadinsekten, und das ist wiederum für den Naturschutz wichtig“, erläutert der Biologe, der unter anderem im Naturschutzverein Südtondern Mitglied ist.

Lebensräume müssen vor Vergrasung geschützt werden

Damit die Süderlügumer Binnendünen ein geeignetes Naturareal für viele Arten aus Flora und Fauna bleibt, muss der Mensch jedoch von Zeit zu eingreifen. So werden regelmäßig Heideflächen „abgeplaggt“, damit die sich die Heide regenerieren und erneuern kann. Diese Maßnahmen findet in Gemeinschaftsarbeit mit den Schleswig-Holsteinischen Landesforsten statt. „Die zunehmende Vergrasung der Fläche stellt ein Problem dar“, erläutert der Biologe. „Durch die regelmäßige Düngung der umliegenden landwirtschaftlichen Flächen werden Stickoxide in der Luft über den Regen hier eingewaschen. Dadurch findet auch in den Binnendünen eine mittelstarke Düngung statt, wodurch die Gräser zu stark wuchern und die Heide verdrängen.“ Ohne den Eingriff zur Regenerierung würde auf längere Sicht die Heide komplett absterben und das kostbare Kleinod Süderlügumer Binnendünen zu einer Grasfläche verkommen.

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