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11. Dezember 2017 | 03:29 Uhr

Wie echt ist der echte Norden?

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Erst sorgte der neue Schleswig-Holstein-Slogan für Unmut im eigenen Land – jetzt ärgern sich die Nachbarn über die Kampagne

shz.de von
erstellt am 06.Feb.2014 | 00:33 Uhr

Auch das noch: Nicht nur zwischen Nord- und Ostsee schlägt Schleswig-Holsteins neuer Slogan „Der echte Norden“ weiter politische Wellen. Jetzt rebellieren auch Unionspolitiker im vermeintlich „falschen“ Norden gegen die von Ministerpräsident Torsten Albig (SPD) freigegebene „Dachmarke“.

Auf der Zinne ist die CDU im Niedersachsen-Landtag. Die Kampagne, wetterte deren Chef Björn Thümler, sei ein „Affront gegen die Zusammenarbeit der norddeutschen Länder“ und „nicht sehr konstruktiv.“ So bringe man den Norden nicht voran. Besser sei es, etwa in Fragen der Energiewende oder Infrastruktur gemeinsam aufzutreten. Den Hinweis des Kieler Wirtschaftsminister Reinhard Meyer (SPD), Niedersachsen sei „wegen seiner Berge“ gar kein echter Norden, nannte Thümler hanebüchen: „Offenbar kennt Herr Meyer sein eigenes Land nicht. Schließlich finden sich in der Holsteinischen Schweiz auch zahlreiche Hügel.“

Kritik auch aus Hamburg: „Ungeschickt“ findet der Bürgerschaftsabgeordnete Klaus-Peter Hesse den Vorstoß aus Kiel. „Wir versuchen doch gerade, als norddeutsche Bundesländer gemeinschaftlich aufzutreten“. Mecklenburg-Vorpommerns Wirtschaftsminister Harry Glawe (CDU) dagegen reagierte gelassen: „Wir wissen, dass wir „echt“ sind und brauchen dies nicht zu betonen.“

Im Kieler Landtag steht der umstrittene Slogan weiter auf der Agenda. Strategischer Kopf der Kampagne ist die Kieler Werbeagentur Boy. Die Referenzen der PR-Profis in Schleswig-Holstein reichen vom Umweltministerium über das Wissenschaftsressort bis zu SPD- Landtagsfraktion der Nordelbischen Kirche und der Stadt Kiel. Hier liegt Boy dem Vernehmen nach gut im Rennen, um eine PR-Kampangne für die umstrittene und von der Rathaus-Kooperation aus SPD, Grünen und SSW geplante Stadt-Regional-Bahn zu flankieren.

Seit 2004 ist die Agentur unter verschiedenen Regierungskoalitionen auch für das Wirtschaftsministerium tätig. Mit dem „echten Norden“ blitzte Boy allerdings beim früheren Peter Harry Carstensen (CDU) ab. Der Nordfriese wollte lieber am bewährten Slogan „Land der Horizonte“ festhalten. Mit Nachfolger Albig kam die Kehrtwende.

Nicht nur die Kosten von 90 000 Euro für die Entwicklung der Kampagne stoßen bei der Opposition übel auf. Wie viele Werbeagenturen denn angeschrieben worden seien für die neue PR-Landeslinie, wollte FDP-Fraktionschef Wolfgang Kubicki wissen. Antwort des Wirtschaftsministeriums: „Keine“. Absolut sinnlos nennt Kubicki den Slogan. Der CDU-Abgeordnete Hans-Jörn Arp assistiert: „Absolut dilettantisch“ sei die neue Marke mit Löwe und Nesselblatt. Beide von der Agentur leicht abgewandelten Landessymbole kommen in fast identischer Gestalt auch bei der von Boy entwickelten Kampagne „feinheimisch“ daher, mit der seit Jahren regionale Produkte und Kochkunst in Schleswig-Holstein unterstützt werden.

Die Regierung sieht sich auf der sicheren Seite. Der neue „Claim“ verstärke „die Attraktivität des Landes nach außen“ und „wirkt identitätsstiftend nach innen“, so das Wirtschaftsministerium. Und weiter: Mittelfristig „vereinfacht die Dachmarke die Kommunikationsprozesse, reduziert dadurch die Kosten der Kommunikation und verstärkt Synergieeffekte“.

Solche „Synergien“, will die CDU erfahren haben, wird es demnächst auch an Zügen auf der Bahnstrecke zwischen Hamburg und Westerland geben. Eine parlamentarische Anfrage an die Regierung soll klären, ob durch den Aufdruck der Logos die Auslieferung der Züge verzögert wird und was das alles kostet. Die Antworten stehen noch aus.



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