Wenn die Mutter ein Junkie ist

Nadine Martens war viele Jahre abhängig von Heroin / Ihre Töchter schwiegen aus Scham / Ein Kieler Projekt hilft Kindern drogensüchtiger Eltern

shz.de von
04. Juni 2014, 19:48 Uhr

Angst und Sprachlosigkeit bestimmten die Jugend von Melanie Martens*. „Für mich war es schlimm, dass ich niemanden zum Reden hatte“, sagt die Kieler Studentin. Reden über die Drogensucht ihrer Mutter, die abhängig war vom Heroin, seit Melanie die Schule besuchte. Und über die Angst, die sie um ihre Mutter hatte. „Wenn sie die Wohnung verlassen wollte, habe ich oft versucht, sie aufzuhalten, habe ihr den Wohnungsschlüssel und die Busfahrkarte weggenommen. Ich wollte verhindern, dass sie sich Drogen kauft.“

Umgekehrte Rollen, eine Tochter, die ihre Mutter beschützen will: „Das sind typische Merkmale einer Familie, die durch die Sucht der Eltern geprägt ist“, sagt Jan Rademann. Der Sozialpädagoge leitet die Kieler Beratungsstelle HiKiDra, die sich an Kinder drogenabhängiger Eltern wendet. HikiDra ist Teil der Fachambulanz Kiel, an der Drogensüchtige beraten, begleitet und behandelt werden. Zurzeit nehmen etwa 50 Kinder und 80 Eltern die kostenlose Hilfe in Anspruch. „Oft bestimmt Armut den Alltag, die Mädchen und Jungen müssen notgedrungen viele Aufgaben der Eltern übernehmen.“

Auch für Melanie war es „normal“, dass ihre große Schwester Nina* oft die Mutterrolle innehatte. Und dass sie selbst sich viel draußen oder bei Freunden aufhielt, während die Erwachsenen zu Hause „Party machten“.

Die Suchtgeschichte von Nadine Matens*, Melanies Mutter, begann mit Alkohol, Tabletten und Joints. Als sie mit 20 Jahren schwanger mit ihrer ersten Tochter Nina* wurde, sei sie glücklich gewesen, erzählt die 47-Jährige. „Die Verantwortung für das Kind half mir, mein Leben ohne Drogen auf die Reihe zu bekommen.“ Doch die stabile Phase endete mit der Beziehung zu Ninas Vater: Nadine Martens konsumierte regelmäßig Kokain und Ecstasy. Melanie, die heute Anfang 20 ist, wurde geboren.

Ihr neuer Lebenspartner konnte ihr den Halt, den die junge Mutter dringend gebraucht hätte, nicht geben. Im Gegenteil: Er war süchtig nach Heroin – und irgendwann wollte Nadine Martens die Droge selbst ausprobieren. Seitdem kreiste ihr Leben um zwei Pole: Sich Stoff zu besorgen, den sie rauchte oder schnupfte, und die Sucht geheim zu halten. Vor ihren Töchtern und vor der Außenwelt. „Ich hatte Angst, dass man mir die Kinder wegnimmt.“

Die ahnten nichts von der Abhängigkeit – bis ihre Mutter sie ihnen beichtete. Nina war damals 16, Melanie zwölf Jahre alt. „Ich hatte Panik, dass meiner Mutter etwas passiert. Und dass sie sich prostituiert“, erinnert sich Melanie an ihre Gefühle in dieser Zeit. Darüber zu sprechen wagte sie nicht. „Wie soll man seine Mutter fragen, ob sie auf den Strich geht?“

Melanie hätte es geholfen, wenn ihre Mutter offen mit ihr über die Sucht geredet hätte. Doch Nadine Martens war nicht fähig, auf die seelische Not ihrer Tochter zu reagieren. „Ich war gefühlskalt“, sagt sie rückblickend. „Heute weiß ich, dass mein Verhalten grenzwertig war.“

Ihre jüngste Tochter Sophie* soll mehr Unterstützung erfahren – darum kommt Nadine Martens mit ihr seit vier Jahren regelmäßig zu HiKiDra. Die Präventionsgruppe für Grundschulkinder bietet der Neunjährigen einen Rückzugsort außerhalb der Familie, an dem sie sich öffnen kann und Gehör findet mit dem, was sie bewegt.

„Wir wollen die Kinder in ihrer schweren Lebenssituation stärken“, sagt Jan Rademann. Geht es um Frust und Enttäuschungen, sprechen die Mädchen und Jungen meist in der dritten Person von sich. „Das Kind von den Nachbarn spielt immer alleine im Hof“, heißt es dann etwa. „Die Kinder benutzen Synonyme, um ihre Eltern zu schützen oder sich von Problemen abzugrenzen“, erklärt Rademann. „Aber sie meinen immer sich selbst.“ Manche wollten einfach nur kuscheln, eine Auszeit erleben.

Rademann und sein Team ermöglichen den Kindern einen „seichten Einstieg in das eigene Erleben“. Es wird viel gespielt und gemalt; von Krankheiten und Medikamentenabhängigkeit ist die Rede. In der Gruppe lernen die Kinder, mit der Sucht der Eltern umzugehen – und dass sie nicht schuld daran sind. Denn davon gingen die meisten aus. Sie üben Strategien, wie sie Konflikte anders lösen können als ihre Eltern – um zu verhindern, dass auch sie eines Tages zu Drogen greifen. „Bei diesen Kindern besteht ein stark erhöhtes Risiko dafür“, sagt Jan Rademann.

Die kleine Sophie war schon süchtig, bevor sie zur Welt kam. Nachdem ihre Mutter die Schwangerschaft festgestellt hatte, war sie auf ein Drogenersatzpräparat umgestiegen. Stück für Stück reduzierte sie die Dosis, um die Entzugserscheinungen des Kindes nach der Geburt gering zu halten. Mit dem Heroin komplett aufzuhören, schaffte Nadine Martens trotz der Substitution jedoch nicht.

Ihre Kleine sei „gut durchgekommen“, sagt sie heute. „Sophie ist gesund.“ Die Verantwortung für das kleine Kind habe ihr geholfen, nicht abzustürzen. „Ohne meine Töchter wäre ich heute nicht mehr.“ Seit fünf Jahren arbeitet sie daran, besser auf sich aufzupassen, wie sie sagt. Von Sophies Vater hat sie sich getrennt. Wöchentliche Gespräche mit einer Psychotherapeutin haben ihr geholfen, Gefühle wieder zuzulassen und offen mit ihrer Sucht umzugehen. In der Kieler Fachklinik erzählt sie Schülern von dem Leben als Abhängige, aus dem sie den Absprung noch nicht geschafft hat. „Das Suchtgedächtnis holt einen immer wieder ein.“ Viel habe sich auch durch den Kontakt zu HiKiDra verändert. „Ich bin froh, dass die Mitarbeiter hinter mir stehen“, sagt Nadine Martens.

Melanie, die nach dem Haupt- und Realschulabschluss im vergangenen Jahr ihr Abitur gemacht und ein Studium begonnen hat, lobt ihre Mutter: „Sie hat zu Hause alles ganz gut im Griff.“ Trotzdem unterstützt sie ihre Mutter noch bei der Fürsorge um ihre kleine Schwester: Sie holt sie von der Schule ab oder spricht mit Sophies Vater, wenn er das Mädchen am Wochenende bei sich hat. „Ich versuche, eine schützende Hand über meine Schwester zu halten.“

* Namen von der Redaktion geändert



HiKiDra (Hilfe für Kinder Drogenabhängiger), Boninstraße 27a in Kiel; Telefon 0431- 66846 - 0, Fax 0431- 66846 - 16; www.fachambulanz-kiel.de


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