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19. August 2017 | 11:39 Uhr

Was Tieren das Leben schwermacht

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Die Artenvielfalt in Nord- und Ostsee ist mehr denn je gefährdet / Probleme durch Schleppnetze, Abwässer und Kiesabbau

Wie schlecht es um die Artenvielfalt an Land bestellt ist, war ganz detailliert schon länger klar. Jetzt hat das Bundesamt für Naturschutz (BfN)in Bonn in der bisher umfassendsten nationalen Gefährdungsanalyse für Meeresorganismen festgestellt: Die Arten in Nord- und Ostsee sind ähnlich stark bedroht. 30 Prozent der Fische, der am Boden lebenden wirbellosen Tiere und der Großalgen in den deutschen Küsten- und Meeresgebieten sind so stark dezimiert, dass sie auf der Roten Liste geführt werden müssen.

Im Vergleich zur vorhergehenden, weniger genauen Roten Liste aus dem Jahr 1998 stellt BfN-Präsidentin Beate Jessel fest: „Die Situation der Knorpelfische wie Dornhai und Glattrochen ist kritisch und hat sich weiter verschärft.“ Bei den etablierten Fischarten stellt die neue Studie ein gestiegenes Risiko über die letzten 16 Jahren fest. Das betrifft etwa Aal, Schellfisch oder Sternrochen. Die Nordsee ist am schlechtesten dran: In ihrem deutschen Gebiet sind 27 Prozent der Arten auf die Rote Liste gerutscht. Im deutschen Teil der Ostsee gilt das für 17 Prozent.

Als eine Hauptursache für die Probleme sehen die Autoren der Analyse die „nach wie vor viel zu hohe Fischerei-Intensität mit Grundschleppnetzen“ an. Sie finde „selbst in den Meeresschutzgebieten weitgehend unreguliert statt“. Gemeint ist damit die gängige Fangmethode vor allem der Berufsfischer. Grundschleppnetze pflügen den Meeresgrund regelrecht um. Am Boden vorkommende Organismen wie Schwämme und Muscheln oder die Lebensgemeinschaften der Sandkorallenriffe würden so schwer beeinträchtigt. Einzelne Gebiete in der südlichen Nordsee würden bis zu zehnmal pro Jahr mit Grundschleppnetzen befischt, was in diesen Gebieten auch zur Veränderung der Lebensgemeinschaften am Boden beigetragen habe.

Ein kleiner Lichtblick: Gebietsfremde Arten, die durch den Klimawandel eingewandert sind, stellen nach den neuesten Erkenntnissen kein wesentliches Risiko für die heimischen Meeresfische dar. Galten etwa Sardelle und Streifenbarbe vor rund zwei Jahrzehnten noch als Irrgäste vor Schleswig-Holstein , sind sie durch die Erwärmung des Nordseewassers inzwischen regelmäßig anzutreffen.

Neben der Bodenfischerei tragen nach Meinung der Spezialisten Abwässer und Düngemittelreste zum Artenschwund bei. Die Rückstände werden ins Meer geleitet und erhöhen dort den Nährstoffgehalt. Dadurch bilden sich verstärkt Mikroalgen, die den Lichteinfall in größere Tiefen verringern. Zum Beispiel ist deshalb der Blasentang nicht mehr in seiner ursprünglichen Verbreitungstiefe anzutreffen – nur noch bis in vier Meter statt zehn Meter jenseits der Oberfläche. Die Abwässer schaden laut BfN vielen Großalgen und den sogenannten Filtrierern unter den wirbellosen Tieren. Außerdem zerstörten maritimer Kiesabbau und Baggerarbeiten, beispielsweise an Häfen oder Fahrrinnen, den Lebensraum von Lebewesen, die fest auf dem Meeresboden sitzen.

„Der Bericht vertieft mit auf Arten bezogenen Zahlen das Wissen aus anderen Untersuchungen“, sagt der Meeresschutzexperte des Naturschutzbunds Deutschland (Nabu), Kim Detloff. Die Politik müsse die Ergebnisse bei den Managementplänen berücksichtigen, die derzeit für die Außenwirtschaftszone jenseits der nationalen Zwölf-Meilen-Grenze vor der Küste entstehen. Dort gilt es nach Nabu-Auffassung, Nullnutzungszonen ohne Fischerei, Pipelines oder Kies- und Sandabbau auszuweisen. Vorschläge von Fachbehörden lägen seit 2011 in der Schublade.

Laut Landesfischereiverband sind vor Schleswig-Holsteins Nord- und Ostseeküste je 100 Kutter im Einsatz, die meist Grundschleppnetze haben. Verbands-Geschäftsführerin Elke Horndasch-Petersen wehrt sich gegen Kritik an deren Verwendung: „Grundschleppnetze werden nicht weitgehend unreguliert eingesetzt. Wir haben vorgegebene Quoten, und die sind strengstens reguliert.“ Zunehmend, vor allem in der Krabbenfischerei, kämen Netze mit Rollen darunter zum Einsatz, um die Grundberührung zu minimieren.

Das Kieler Umweltministerium sah sich gestern wegen einer Konferenz der zuständigen Experten zu einer fachlichen Bewertung nicht in der Lage. Grundsätzlich macht der Bericht für Minister Robert Habeck einmal mehr klar: „Wir müssen dringend Wege finden, Einträge in Gewässer zu reduzieren.“

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erstellt am 12.Mai.2014 | 13:34 Uhr

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