Warum immer weniger Kinder

Die Schwierigkeiten beim Erlernen des Radfahrens häufen sich, so der Befund der Deutschen Verkehrswacht. Ein Gespräch über gesellschaftliche Veränderungen und zunehmende Motorikprobleme der Kleinen.

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20. August 2018, 17:03 Uhr

Die meisten Erwachsenen verschwenden keinen Gedanken daran, wie sie Fahrrad fahren – sie können es einfach. Aber irgendwann haben auch sie es einmal gelernt. Doch nicht alle geben es ihrem Nachwuchs so weiter, wie ihre Eltern es taten. Das Ergebnis: Immer mehr Kinder bestehen die Fahrradprüfung in der 4. Klasse nicht.

Experten der Landesverkehrswacht Nordrhein-Westfalen erklären, dass pro Klasse drei Kinder nach einer Fahrradprüfung nachgeschult werden müssen. Die Tendenz hatte sich schon in einer Studie der Bundesanstalt für Straßenwesen abgezeichnet. Dafür waren 7000 Lehrer, Polizisten, Eltern und Kinder zum „Stand der Radfahrausbildung an Schulen und die motorischen Voraussetzungen bei Kindern“ befragt worden. Martin Kraft von der Deutschen Verkehrswacht war einer der Autoren der Studie.

Herr Kraft, Radfahren lernen, das klingt so banal. Wie kommt man auf die Idee, das in einer Studie zu untersuchen?
Martin Kraft: Es geht um die Radfahrausbildung in der Schule. Die letzte Erhebung davor war von 1980. Seither hatte sich Deutschland nicht nur in seinen Grenzen, sondern auch in seiner Verkehrswirklichkeit geändert. Seit Mitte der 90er-Jahre hatten wir den Verdacht, dass es neue Gründe für die Unfälle von Kindern gab. Wir vermuteten, dass es ihnen immer öfter an Koordination und Bewegungssicherheit mangelte, und fragten Polizisten in ganz Deutschland, ob sie unser Gefühl bestätigen könnten. Eine so hohe Rücklaufquote wie bei dieser Befragung hatten wir noch nie – mehr als 90 Prozent! Seitdem haben auch Kinderärzte, Sportwissenschaftler, Orthopäden oder Erzieher das Thema auf dem Zettel. Also hat die Bundesanstalt für Straßenwesen das Thema ausgeschrieben, und wir konnten die Studie dazu durchführen.

Und das Ergebnis?
Ein Ergebnis ist zum Beispiel, dass das motorische Leistungsvermögen der Kinder abnimmt – alle 25 Jahre um zehn Prozent. Und das ist in allen westlichen Gesellschaften so.

Haben Sie denn auch eine Ursache dafür gefunden?
Wir haben nach dem einen Schuldigen gesucht. Den gibt es aber nicht. Die Kinder sitzen zu viel. Familien werden kleiner. Eltern sind heute älter und ängstlicher. Der Mediengebrauch in der Schule und in der Freizeit nimmt enorm zu, Fernseher, Handy, Computerspiele. Kinder bekommen mehr Verbote, etwas draußen zu machen, dürfen weniger selbstständig irgendwohin gehen. Das Sichausprobieren geht verloren. Sie werden zu sehr in Watte gepackt. Die Spielräume werden kleiner. Der Straßenverkehr ängstigt die Eltern. Sie haben Angst vor Kriminalität. Zunehmende Fehl- und Kurzsichtigkeit sowie Adipositas machen sich bei den Kindern bemerkbar. Es kommt einfach alles zusammen. Wenn wir Eltern zum Beispiel klarmachen, was sie in ihrer Kindheit alles durften und was sie ihren Kindern heute nicht erlauben, ist das für viele ein Aha-Erlebnis. Es gibt zu viele Angebote im Sitzen, auch von den Schulen. Förderung ist heute oft einseitig, geistig gedacht, also beispielsweise Nachhilfe – und auch die findet dann wieder im Sitzen statt. Dabei kann gesunde Bewegung zur Entwicklung der Intelligenz einiges beitragen.

Welche Kinder sind denn die besseren Fahrradfahrer?
Das sind die, die mit gleichaltrigen Geschwistern oder Freunden als Spielkameraden aufwachsen. Oder wenn Fahrräder in der Kita einfach beim Spielzeug zur Verfügung stehen. So lernen die Kinder das quasi nebenbei mit. Und manche sind gleich in mehreren Sportvereinen, die haben mit dem Fahrradfahren aus motorischer Sicht auch kein Problem. Dann sind da aber auch die, die einfach sehr ungeschickt sind. Sie stolpern leicht und wissen dann nicht einmal, wie sie sich abfangen können. Viele dieser Kinder haben ein Wahrnehmungsproblem. Manche schaffen es kaum, sich für eine 20-minütige Fahrt im Straßenverkehr zu konzentrieren. Die Schere zwischen den Könnern und den Ungeschickten geht nach unserer Wahrnehmung immer weiter auseinander.

Wann geht es denn für die meisten mit dem Fahrradfahren los?
Kinder in Deutschland haben mit 3,6 Jahren ihr erstes Spielfahrrad. Viele beginnen mit einem Laufrad. Das ist aber nur der Durchschnitt. In Familien mit Wurzeln außerhalb Europas wird ein Rad zum Beispiel oft nicht für so wichtig erachtet. Das ist schade, weil es zum Beispiel für das Training des Gleichgewichts eine gute Übung wäre. Und in allerjüngster Zeit, bei Migranten und Flüchtlingen, sehen wir noch einmal Verschiebungen, weil Fahrräder zwar in aller Welt verbreitet sind, nur im arabischen Raum so gut wie nicht. Diese Menschen lernen das Fahrradfahren oftmals erst hier.


„In jedem Alter sollten Eltern ihrem Kind

möglichst viele Anregungen zur Bewegung bieten und die kognitive Förderung auch mal limitieren“.

Können wir nicht auf Fahrradunterricht in den Schulen vertrauen?
Das ist beim Thema Bewegungssicherheit eigentlich zu spät. 80 Prozent der Grundlagen der motorischen Entwicklung sind nach den ersten sechs Lebensjahren schon weitgehend abgeschlossen. Schon in den Kitas sind die Tagesabläufe recht starr. Da geht es am Vormittag einmal zum Spielen ins Freie und am Nachmittag in den Gymnastikraum. Es wäre schön, wenn es für Rollgeräte oder gar für das Fahrrad mehr Zeit gäbe. In jedem Alter sollten Eltern ihrem Kind möglichst viele Anregungen zur Bewegung bieten und die kognitive Förderung auch mal limitieren. Schließlich sind es bis zu einem bestimmten Alter die Eltern, die über das Zeitbudget ihrer Kinder bestimmen. Optimal wäre, wenn Mütter und Väter, die Kindergärten und später die Schule alle an dieser Baustelle mitarbeiten.

In deutschen Großstädten ist das Fahrradfahren selbst für Erwachsene schon in manchen Stadtteilen wegen des dichten Verkehrs anstrengend. Färbt das auf die Kinder ab?
Auf jeden Fall. Kinder werden sicherer auf dem Rad, wenn auch die Eltern Radfahrer sind. Wenn es normal ist, dass so viele Wege wie möglich mit dem Rad erledigt werden. Andererseits sagen uns Kinder in manchen Kiezen in Großstädten, dass sie im Fahrradfahren gar keinen Sinn sehen und es gar nicht erst lernen, weil sie vor Ort alles haben. In Mecklenburg-Vorpommern aber zum Beispiel lernen es alle, weil sie oft gar keine Alternative haben, wenn sie mal irgendwohin wollen.

Wo bringe ich meinem Kind das Fahrradfahren am besten bei? Vor meiner Haustür?
Bei kleinen Kindern sollte das an einem Ort sein, an dem es keinerlei Autoverkehr gibt. Das kann ein Hinterhof sein, eine Einfahrt, eine Spielstraße, ein Park oder auch mal nachmittags ein Schulhof. Wenn das Kind aber so gar nicht will, dann sollte man es auch nicht drängen. Und die Eltern sollten gleich deutlich die Grenzen festlegen – wo das Rad benutzt werden darf und wo nicht.

Und wenn mein Kind stürzt?
Natürlich fallen Kinder auch mal hin. Zur Entwicklung der Bewegungssicherheit gehört, dass sie lernen, wie sie sich bei einem Sturz abrollen, wie sie kontrolliert abfedern. Aber auch wenn die Kleinen quengeln – Eltern sollten darauf bestehen, dass ein Helm getragen wird. Der Kopf ist in dem Alter im Verhältnis zum Gesamtgewicht schwerer als bei einem Erwachsenen. Er prallt bei einem Sturz dann als Erstes auf den Boden. Früher haben sich Kinder auch bei einem Sturz den Fahrradlenker in den Bauch gerammt. Seitdem die Lenker Griffe mit Ballons oder Prallschutz haben, sehen wir diese Unfälle praktisch nicht mehr. Deshalb sollten Eltern darauf auch achten, wenn sie ein Fahrrad gebraucht kaufen.

Martin Kraft ist Pädagoge beim Medien-Center der Deutschen Verkehrswacht. Er betreut Veröffentlichungen zum Radfahren lernen und zur psychomotorischen Förderung von Kindern.


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