„Wagners Frauenbild ist überholt“

Anja Harteros behält auch vor ihrem Debüt in Bayreuth einen kritischen Blick auf den Medienrummel um die Festspiele.
Anja Harteros behält auch vor ihrem Debüt in Bayreuth einen kritischen Blick auf den Medienrummel um die Festspiele.

Als neue Bayreuther Elsa eröffnet die Sopranistin Anja Harteros die Richard-Wagner-Festspiele

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16. Juli 2018, 12:35 Uhr

Ihre Stimme beeindruckt Kritiker und Publikum gleichermaßen. In diesem Jahr debütiert Anja Harteros (45) bei den Bayreuther Festspielen: als Elsa in der Richard-Wagner-Oper „Lohengrin“ morgen zur Eröffnung des Festivals. Musikalischer Leiter ist Christian Thielemann.

Frau Harteros, Sie geben in diesem Jahr Ihr Bayreuth-Debüt. Die Inszenierung bildet den Auftakt der Festspiele. Macht Sie das sehr nervös – oder sehen Sie diesem Auftritt wie jedem anderen entgegen?

Man sollte das zwar nicht überbewerten, aber es ist schon etwas Besonderes: Die Eröffnungspremiere und gleichzeitig mein Debüt in diesem Haus. Natürlich hat Bayreuth diese ganz spezielle Stimmung – die ich allerdings nur aus den Medien kenne. Ich selbst war bisher noch nie zu Gast. Das Haus kenne ich nur aus meiner Schulzeit, da haben wir mal einen Ausflug dahin gemacht und eine Führung bekommen. Bei einer Aufführung war ich allerdings noch nie.

Warum nicht? Interessiert Sie Wagner nicht so sehr?

Doch, Wagner interessiert mich sehr. Ich habe mir aber nie gesagt, dass ich unbedingt in Bayreuth auftreten muss. Zumal auch die Bedingungen in Bayreuth speziell sind. An anderen Theatern kann man mehr Geld verdienen und man ist auch bei den Proben etwas flexibler. Dazu kommt, dass ich bei den Festspielen in München immer sehr involviert bin, die gehen ja bis Ende Juli. Das war mir wichtig, denn ich wollte München nicht für Bayreuth opfern.

Aber Bayreuth umweht ein schon ganz besonderer Glamour...

Ja, Bayreuth steht im Sommer immer irgendwie im Fokus – zumindest medial. Vor allem aber freue ich mich darauf, dass ich in dem Richard-Wagner-Haus auf Spurensuche gehen kann: Wie hat sich der Komponist das vorgestellt? Was war sein Ideal von einem Opernhaus? Ich bin gespannt, inwiefern mich das berührt und ob ich das überhaupt spüre. Vor allem aber freue ich mich auf die Arbeit mit Christian Thielemann.

Wie nahe stehen Sie grundsätzlich Wagner?

Das ist eine schwierige Frage. Die Musik von Richard Wagner ist ein absoluter Traum. Das geht mir schon sehr nahe. Ich habe ja mehrfach Wagner gespielt: Eva aus den „Meistersingern“, bei „Tannhäuser“ die Elisabeth, Sieglinde in der „Walküre“ und natürlich auch die Elsa im „Lohengrin“. Wenn ich auf der Bühne in diesen Rollen stehe, erlebe ich manchmal auch aggressive Momente. Das Frauenbild, das hier gezeigt wird, ist teilweise völlig überholt. Aus dem Blickwinkel einer modernen Frau ist das gelegentlich schwer zu ertragen.

Sie treten mittlerweile ausschließlich in Europa auf, warum?

Ich wollte einfach diese weiten Übersee-Reisen nicht mehr machen. Wir sind ja auch sehr in diesem speziellen Mechanismus gefangen: Ein Engagement dauert rund vier Wochen, eine Neuproduktion mit Proben auch mal fünf Wochen. Diese ganze Zeit ist man weg von Zuhause, was ich nicht so sehr mag.

Ist dieses Weg-Sein für Sie die Kehrseite der Medaille?

Ja. Man muss sein Leben diesem Job in einem sehr hohen Maße unterordnen – nicht weil man überlastet ist, sondern weil man einfach von Zuhause weg ist. Da habe ich irgendwann die Entscheidung getroffen, das zu ändern. Ich habe ja schon überall gesungen, in allen großen Häusern der Welt. Ich konnte es mir aussuchen, hätte dauerhaft nach New York gehen können. Aber ich habe mich dazu entschieden, hier zu bleiben.

Eine Entscheidung zugunsten der Lebensqualität?

Genau. Lebensqualität. Dazu gehören auch so banale Dinge, wie das Schlafen im eigenen Bett. Das ist mir wahnsinnig wichtig. Man kennt das ja: Man ist ständig unterwegs, lebt aus dem Koffer und so weiter. Jeder Mensch zieht sich morgens ein frisches Hemd, eine frische Bluse an – und wir „Diven“ müssen morgens im Waschbecken eines Hotelzimmers unsere Sachen waschen.

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