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„Esso-Häuser“ : Wackelnde Wände auf St. Pauli

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

50 Mieter müssen die „Esso-Häuser“ an der Reeperbahn verlassen – und dürfen ihre Wohnungen zunächst nicht wieder betreten.

shz.de von
erstellt am 16.Dez.2013 | 00:31 Uhr

Dramatische Zuspitzung im Ringen um die Zukunft der Esso-Häuser auf St. Pauli: Weil zwei Mieter am Sonnabend gegen 22.30 Uhr unabhängig voneinander wackelnde Wände gemeldet hatten, ließen die Behörden die 60er-Jahre-Bauten an der Reeperbahn umgehend räumen. Begründung: akute Einsturzgefahr. Zeitgleich rieselte im angrenzenden Musik-Club „Molotow“ Putz von den Wänden.

Die Polizei rückte zur Evakuierung des maroden Gebäudeensembles an, deren Balkone und Tiefgarage schon seit Sommer wegen Baufälligkeit gesperrt waren. Hastig mussten etwa 50 zumeist ältere Mieter aus ihren Wohnungen und dabei zum Teil Haustiere, aber auch notwendige Medikamente zurücklassen. Zunächst warteten die Menschen in einem HVV-Bus an der Reeperbahn ab, ob sie womöglich schnell zurückkehren könnten. Nach einer ersten Begutachtung der achtgeschossigen Hochhäuser und der Ladenzeile entschieden die Verantwortlichen des Bezirksamts Mitte dann aber, dass die Wohnungen bis auf Weiteres nicht betreten werden dürften. Bezirksamtsleiter Andy Grote: „Sicherheit geht über alles.“ Auch die benachbarte Esso-Kult-Tankstelle sowie die Gewerbebauten, darunter der Musik-Club „Molotow“, wurden geräumt. Nicht alle Betroffenen waren mit der Anordnung einverstanden. Beim Verlassen der Hochhäuser und der Läden kam es teils zu tumultartigen Szenen.

Gegen 2 Uhr brachte der Bus die meisten der obdachlos gewordenen Mieter in die Turnhalle einer Schule an der Königstraße in Altona. Dort wurden sie vom Roten Kreuz versorgt.

Gestern Vormittag machten sich Statiker ein Bild vom Zustand der Gebäude. Dabei blieb zwar unklar, was genau die Erschütterungen in der Nacht ausgelöst hatte. Bezirk und der Eigentümer, die Bayerische Hausbau, entschlossen sich am Mittag dennoch zu einem drastischen Schritt: „Die Bewohner dürfen bis auf Weiteres nicht zurück in die Wohnungen“, sagte Bezirkschef Grote bei einer Pressekonferenz. Die Gebäude befänden sich in einem kritischen statischen Zustand. „Es gibt Gefahr von Schäden für Leib und Leben.“ Die Suche nach Ersatzwohnungen für die Bewohner laufe bereits, sagte Grote. Für die Club-Betreiber wolle das Bezirksamt schnell andere Räume finden. Am Nachmittag durften Mieter kurz in ihre Räume, um private Gegenstände herauszuholen.

Die Bayerische Hausbau hatte bereits im Sommer einen Abrissantrag gestellt. Nach jahrelanger Prüfung waren Techniker zu dem Schluss gekommen, dass eine Sanierung der baufälligen Substanz teurer werde als ein Neubau. Die Bayern wollen in bester Kiezlage ein neues Ensemble mit Wohnungen, Büros, Läden und Lokalen errichten. Vorgesehen ist dabei eine Verdoppelung der Wohnfläche. Für die jetzigen Bewohner gilt die Zusage, zu den bisherigen günstigen Mietpreisen in den Neubau zurückkehren zu dürfen.

Eine Initiative kämpft seit langem gegen einen Abriss und fordert den Erhalt und die Sanierung der unansehnlichen Nachkriegsbauten. Ein Initiativensprecher machte der Bayerischen Hausbau gestern schwere Vorwürfe: „Dieser Notstand ist das Resultat einer jahrzehntelangen Vernachlässigung durch die Eigentümer.“ Die Logik der Investoren und der Politik, „die Häuser verfallen zu lassen und auf den Abriss zu spekulieren“, gefährde Bewohner und Gewerbetreibende. Die Initiative fordert eine „öffentlich-genossenschaftliche Lösung“ nach dem Vorbild des Gängeviertels.

Für Hamburgs Politik und Polizei kommt der Zeitpunkt der Räumung denkbar ungünstig. Für den kommenden Sonnabend hat die„Rote Flora“ zu einer Großdemonstration in Hamburg aufgerufen, bei der die Teilnehmer auch für den Erhalt der Esso-Häuser auf die Straße gehen wollen. Sicherheitsbehörden befürchten nun ein weiteres Aufheizen der ohnehin brisanten Atmosphäre im links-autonomen Spektrum. Vorige Woche hatte der „Flora“-Eigner den Dauerbesetzern des Gebäudes ein Ultimatum bis zum 20. Dezember gestellt, das Haus zu verlassen.

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