Kampagne „Jung und wählerisch“ : Vor der Kommunalwahl in SH: Schüler an die Macht

Debatte im Stuhlkreis: Iven Lützen (2. v. r.) will die Schülerinnen und Schüler der Eichenbachschule in Eggebek für Politik interessieren.

Debatte im Stuhlkreis: Iven Lützen (2. v. r.) will die Schülerinnen und Schüler der Eichenbachschule in Eggebek für Politik interessieren.

Wie Mitarbeiter des Landesbeauftragten für politische Bildung versuchen, Erstwähler an die Urnen zu bringen.

Kay Müller von
01. Mai 2018, 09:38 Uhr

Eggebek | „Was wird denn am 6. Mai gewählt?“ Die Frage, die Iven Lützen den 25 Zehntklässlern an der Eichenbachschule in Eggebek (Kreis Schleswig-Flensburg) stellt, klingt relativ leicht. Doch es folgt Stille. Der Mitarbeiter des Landesbeauftragten für politische Bildung in Schleswig-Holstein versucht es noch einmal anders: „Welche Gremien wählt Ihr denn?“ Wieder weiß keiner der Schüler eine Antwort.

„Das ist nichts Ungewöhnliches“, sagt Lützen, denn er ist genau deswegen in die Gemeinschaftsschule gekommen, um Erstwählern zu erklären, worüber sie bei der Kommunalwahl am 6. Mai entscheiden können. Der 28-Jährige ist einer von 17 Studenten, die mit der überparteilichen Kampagne „Jung und wählerisch“ 59 Veranstaltungen an 23 Schulen im Norden absolvieren. Ziel: Die Jugendlichen zum Gang an die Urne zu bewegen.

Aus der Klasse in Eggebek wollen nur zwei Schüler nicht wählen. Sagen sie zumindest, vielleicht sind es auch mehr unter den 16- und 17-Jährigen, die sich nicht trauen. In anderen Schulen habe er schon ganz andere Sachen gehört, erzählt Lützen. „Wenn in manchen Problemstadtteilen die Wahlbeteiligung niedrig ist, dann liegt die Quote der Schüler, die nicht zur Wahl geht, auch schon mal bei 60 oder 70 Prozent.“ Dabei haben die Veranstalter auch schon mal heiklere Auftritte zu meistern. „Einmal hatten die keinen Bock auf uns und wollten sich lieber untereinander prügeln.“

Lehrer müssen draußen bleiben

In Eggebek geht alles friedlich zu. Lehrer müssen bei dem Projekt draußen bleiben, die Schüler sind auch so aufmerksam. Dass sie nicht so genau wissen, worum es bei der Wahl geht – das haben sie mit vielen Erwachsenen gemeinsam. Bei der letzten Kommunalwahl 2013 lag die Beteiligung bei 46 Prozent. „Und es sind meist Ältere, die zur Wahl gehen, die werden nicht unbedingt Eure Interessen vertreten“, sagt Lützen, der schon seit mehreren Jahren bei „Jung und wählerisch“ dabei ist.

Das leuchtet den Jugendlichen ein. Und als Iven Lützen und seine beiden Kollegen Themen sammeln, die den Schülern am Herzen liegen, kommt innerhalb von wenigen Minuten eine lange Liste zusammen. Melissa will wie viele andere auch bessere Busverbindungen, Lion möchte, dass die Preise im Nahverkehr sinken, Leonie verlangt bessere Straßen, Tjard möchte einen Bahnhof in Eggebek, Patrick das Dorf durch einen Laden attraktiver machen. „Bei anderen Veranstaltungen diskutieren die Jugendlichen noch mehr über eine bessere Ausstattung der Schulen – das scheint hier aber kein großes Thema zu sein“, sagt Lützen.

Die Diskussion kommt allerdings schnell in Gang, als das Team eine so genannte Positionslinie in die Mitte des Klassenzimmers klebt. Auf der einen Seite ein Plus-, auf der anderen ein Minuszeichen. „Sind Wahlen das wertvollste Mittel, um in der Demokratie mitzumischen?“, will Lützen wissen. Fast alle Schüler stellen sich zum Pluszeichen, sogar die beiden, die zu Anfang gesagt haben, dass sie am 6. Mai nicht wählen wollen. Nur einer steht zwischen den beiden Polen und muss die Fragen und Vorwürfe der anderen ertragen. Dabei will er doch nur mehr Demokratie, Volksabstimmungen und nicht seine Stimme nur einer Partei übertragen.

Iven Lützen macht das gleich zum Thema, fragt, wie sich die Jugendlichen selbst einbringen können, wenn sie etwas in ihrer Kommune verändern wollen. Plötzlich ist wieder Stille im Raum. Doch dann sagt ein Junge: „Man kann demonstrieren.“ Ein Mädchen ergänzt: „Oder zum Amt gehen.“ Ein anderes erklärt: „Ja, Anträge stellen.“ Wieder ein anderes: „Es gibt doch auch so Jugend..., wie heißt das noch?“ Iven Lützen hilft: „Meist heißen die Jugendbeiräte, und da könnt Ihr Euch selbstverständlich beteiligen.“ Vielleicht geht da wirklich einer der Schüler mal hin. Aber erstmal ist am 6. Mai Kommunalwahl – und da wollen sie wählen gehen.

Jung und wählerisch

Es ist ein Angebot für Erstwähler: Studierende der Universität  Kiel, die durch den Landesbeauftragten für politische Bildung als Teamer vorbereitet wurden, kommen  in die Schulen. In den 90-minütigen Veranstaltungen geht es nicht darum, Parteiprogramme oder Positionen zu vergleichen, sondern   Schüler zur Wahl zu motivieren.  Das Angebot richtet sich an Gymnasien, Gemeinschaftsschulen und berufliche Schulen in ganz Schleswig-Holstein. Die Projektteilnahme ist für die Schulen kostenlos. In diesem Jahr konnten nicht alle Wünsche der Schulen berücksichtigt werden, weil der Zeitraum durch die Ferien zu eng war – wie auch schon bei der Bundestagswahl, als  es 46 Veranstaltungen an 18 Schulen gab. Bei der Landtagswahl 2012 gab es  102 Veranstaltungen an 42 Schulen.

 
zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen