Große regionale Unterschiede : Viele Erstklässler in SH haben große Sprachprobleme

Viele ABC-Schützen im Land haben Förderbedarf.
Viele ABC-Schützen im Land haben Förderbedarf.

Schuleingangsuntersuchungen belegen: Viele Kinder zeigen Verhaltensauffälligkeiten und sind zu dick.

shz.de von
29. August 2018, 13:56 Uhr

Kiel | Viele Kinder sind zu dick, verhaltensauffällig und sprechen schlecht. So lassen sich die Ergebnisse der Schuleingangsuntersuchungen in Schleswig-Holstein zusammenfassen, die das Sozialministerium jetzt veröffentlichte. Bei jedem fünften Kind halten die Schulärzte die Kompetenzen in der deutschen Sprache für nicht ausreichend für den Schulbesuch. „Eine Migrationsbiografie beider Eltern ist der wichtigste Risikofaktor“ heißt es in dem Bericht, der alljährlich von Professor Ute Thyen von der Uni Lübeck erstellt wird.

Dabei sind die regionalen Unterschiede gravierend: Im Kreis Plön können über 70 Prozent der Kinder fehlerfrei und flüssig Deutsch sprechen, in Flensburg nicht mal die Hälfte. Weil sich der Anteil sprachauffälliger Kinder über die Zeit kaum geändert habe, müsse die Effizienz der Fördermaßnahmen überprüft werden, so Thyen. Dafür spreche auch die Häufigkeit individueller logopädischer Therapien (15 Prozent).

Mehr Entwicklungsauffälligkeiten

Sorge bereitet den Schulärzten auch die Zunahme von Verhaltensauffälligkeiten angehender Abc-Schützen. Waren 2006 bei einer standardisierten Untersuchungsmethode 7,2 Prozent der Kinder auffällig, stieg die Zahl der Kinder, die den Schulalltag in besonderem Maße beeinflussen, 2013 auf 12,7 und jetzt auf 15,7 Prozent. Zugenommen haben auch die Entwicklungsauffälligkeit, zum Beispiel bei der Körperkoordination. Hier bestehe ein Zusammenhang mit der sozialen Lage der Familie, „der sich angesichts der verfestigten Armutsrisiken weiter sehr deutlich auswirkt“, erklärt Thyen.

9,8 Prozent der Kinder von Eltern mit niedrigem Bildungsniveau haben vor der Einschulung keine Kita besucht, während dies für nur 3,5 Prozent der Kinder von Eltern mit hohem Bildungsniveau galt. Zudem besuchen Kinder aus Familien mit Migrationsbiografie drei Mal seltener eine Kindertagesstätte (13,2 Prozent) als deutsche Kinder (4,1 Prozent).

Garg sieht auch die Eltern in der Verantwortung

Die Zunahme des Übergewichts und der Adipositas bei jungen Kindern hat sich stabilisiert, „wobei immer noch 5,1 Prozent der einzuschulenden Mädchen und 4,7 Prozent der Jungen eine behandlungsbedürftige Adipositas haben“, so Thyen. Auch hier zeige sich noch kein Effekt der bisherigen Präventionsmaßnahmen in den Kitas.

Für Sozialminister Heiner Garg (FDP) ist der Bericht „ein deutliches Signal, dass eine frühzeitige Förderung essenziell für die Entwicklung der Kinder ist“. Nicht nur der Besuch in der Kita unterstütze den frühzeitigen Spracherwerb, sondern auch die Eltern seien in der Verantwortung. „Einfache Mittel wie Vorlesen oder eine stärkere direkte Kommunikation in den Familien können dabei helfen.“ Das Land habe die Mittel für die Sprachförderung 2018 um 680.000 Euro auf 9,18 Millionen Euro erhöht.

Der Staat muss notfalls mit einer Kitapflicht für betroffene Familien reagieren, kommentiert Margret Kiosz:

Kinder sind unsere Zukunft – auch wenn sie dick sind, nicht auf einem Bein hinken können, wenn das Stillsitzen nicht klappt oder es Sprachprobleme gibt. Meistens gibt sich das mit der Zeit von allein: Nicht jedes Kind, das bei der Schuleingangsuntersuchung auffällt, ist krank. Wer als Abc-Schütze zu dünn ist, legt meist in der Pubertät zu. Wer als Dreijähriger vom „Buffabong“ erzählt, kann als Vierjähriger Luftballon sagen. Weil im globalen Wettbewerb angeblich nur die Perfekten bestehen, sind Eltern heute hypernervös. Sie sollten die Variationsbreite der kindlichen Entwicklung akzeptieren, anstatt zu therapieren, was das Zeug hält. 

Trotzdem: Einige Befunde sind alarmierend. Wenn das Sprachvermögen bei jedem sechsten Abc-Schützen kurz vor der Einschulung so gering ist, dass eine erfolgreiche Teilnahme am Unterricht unwahrscheinlich ist, liegt das Kind schon im Brunnen. Hier muss früher – möglichst schon bei Dreijährigen – getestet und reagiert werden, notfalls mit einer Kitapflicht für die Betroffenen. Sprechen – als Schlüssel zur Bildung – lernt der Nachwuchs im Gespräch. Wenn Eltern die Einsicht oder das Vermögen fehlt, die deutsche Sprache zu vermitteln, muss der Staat einspringen. Das ist er auch den übrigen Kindern schuldig, die sonst ausgebremst werden.

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