zur Navigation springen

„Viele Behandlungsfehler wären vermeidbar“

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Mal wird der falsche Finger operiert, mal ein Stück Drainage im Körper vergessen oder eine Blutvergiftung nicht erkannt: 3900 Patienten haben sich 2013 in Schleswig-Holstein und Hamburg wegen des Verdachts auf einen Behandlungsfehler bei offiziellen Stellen beschwert. Zu 812 dieser Vorwürfe haben Ärzte des MDK Nord (Medizinischer Dienst der Krankenversicherungen) ein Gutachten geschrieben – und den Verdacht in 196 Fällen (24 Prozent) bestätigt.

Die Entwicklung im Norden deckt sich mit der bundesweiten Statistik, die der MDK gestern in Berlin veröffentlichte. Insgesamt äußerten mehr als 26 000 Menschen Vorwürfe, die 15 Medizinischen Dienste erstellten 14 600 Gutachten – 2000 mehr als im Vorjahr. 25,3 Prozent (3700 Fälle) wurden bestätigt, sechs Prozent weniger als 2012. Die Zahl der Beschwerden stieg damit, die der nachgewiesenen Fehler sank. In Schleswig-Holstein und Hamburg lag die Bestätigungsquote 2012 bei 29 Prozent (715 Gutachten). Zwei Drittel der Vorwürfe betrafen Kliniken, ein Drittel niedergelassene Ärzte. Die meisten geprüften Fehler treten laut MDK Nord bei orthopädischen Eingriffen auf, beim Einsetzen von Hüftgelenksprothesen und künstlichen Kniegelenken. „Wenn das Ergebnis einer OP nicht dem erwarteten entspricht, ist das für den Patienten augenfälliger als zum Beispiel die Folgen eines falsch eingestellten Blutdrucks, der nach Jahren zum Schlaganfall führt“, sagt Prof. Dr. Dimitrios Psathakis, Leiter des Fachbereichs Erstattungsansprüche beim MDK Nord. In der Bundesstatistik liegt mit mehr als der Hälfte aller bestätigten Behandlungsfehler die Pflege (in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen) vorn.

Die Dunkelziffer ist nach Psathakis Schätzung im Norden um ein Drei- bis Vierfaches höher als die gemeldeten Fälle. „Gerade in ländlichen Regionen scheuen sich Patienten, Vorwürfe öffentlich vorzutragen, weil ihnen bei der Wahl des Arztes oder der Klinik die Alternative fehlt.“ Gründe dafür, dass es vor allem in Krankenhäusern immer wieder zu Fehlern kommt, seien steigende Fallzahlen und Zeitdruck. Oft würden einfachste Kontrollmaßnahmen unterlassen – mit teilweise tragischen Folgen: Etwa, wenn eine Ernährungssonde in die Atemwege gelange und nicht sofort entfernt werde. Der Großteil der Fälle sei jedoch der „Komplexität der Behandlung und mangelnder Kommunikation“ zwischen Haus-, Fach- und Klinikärzten sowie des Krankenhauspersonals untereinander geschuldet.

„Viele Behandlungsfehler wären vermeidbar“, bestätigt auch der leitende Arzt des Medizinischen Dienstes des Kassen-Spitzenverbands (MDS), Stefan Gronemeyer. Die Risiken für Krankenhauspatienten seien nach wie vor viel zu hoch, weil neue Vorgaben zur Einführung von Fehlermelde- und Risikomanagementsystemen nicht ausreichend umgesetzt würden.

Die Krankenkasse AOK geht bei ihrer Kritik einen Schritt weiter: „Offensichtlich können nicht mehr alle Krankenhäuser garantieren, dass ausschließlich aus medizinischen Gründen operiert wird“, sagt AOK-Vorstand Uwe Deh. Hintergrund ist der zunehmende Konkurrenzdruck unter den Krankenhäusern. Das Risiko für die Patienten steige, wenn Kliniken mangels Erfahrung suboptimale Ergebnisse erzielten.

Operationen aus finanziellen Erwägungen – ein „frecher“ Vorwurf, findet der Chef der Krankenhausgesellschaft Schleswig-Holstein. „In unseren Kliniken wird nicht mehr operiert, als medizinisch notwendig ist“, sagt Bernd Krämer auf Anfrage gegenüber unserer Zeitung. Die gesunkene Zahl der Behandlungsfehler zeige, dass die Bemühungen um mehr Patientensicherheit erfolgreich seien. „Es ist unverantwortlich, wie die AOK mit bloßen Vermutungen die Menschen verunsichert.“

Für Armin Tank, Chef des Verbands der Ersatzkassen in Schleswig-Holstein, ist dagegen nicht auszuschließen, dass Kliniken wegen der Vergütung nach Fallzahlen auch dann operieren, wenn eine konservative Therapie ausreichend wäre. „Bei Gelenkersatz- und Rückenoperationen gibt es einen überproportionalen Anstieg, der durch die Alterung der Gesellschaft allein nicht zu erklären ist.“ Er rät Patienten, vor einer Operation eine ärztliche Zweitmeinung einzuholen. Dem Verein der Patientenombudsleute Schleswig-Holstein sind Fälle „überflüssiger“ Operationen bislang nicht bekannt. „Aber für den Patienten ist es auch schwer festzustellen, ob er auf den Eingriff hätte verzichten können“, sagt Geschäftsführer Hans-Peter Bayer.

zur Startseite

von
erstellt am 06.Mai.2014 | 19:43 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen