Von Schwedeneck nach China : „Titanic II“: Norddeutsche Expertise gefragt

Beeindruckt: Malte Fiebing-Petersen auf einer Aussichtsplattform vor der „Titanic II“ – dem Nachbau der gesunkenen „Titanic“.
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Beeindruckt: Malte Fiebing-Petersen auf einer Aussichtsplattform vor der „Titanic II“ – dem Nachbau der gesunkenen „Titanic“.

Malte Fiebing-Petersen berät einen chinesischen Konzern beim Bau eines Themenparks in Sichuan: Dort entsteht eine originalgetreue Kopie der „Titanic“.

shz.de von
20. Juli 2018, 06:24 Uhr

Sie war das für ihre Zeit größte Passagierschiff der Welt. Die „RMS Titanic“ sollte Anfang des 20. Jahrhunderts neue Maßstäbe in der Passagierschifffahrt setzen. Doch nur wenige Tage nach ihrer Indienststellung riss der Ozeanriese während seiner Jungfernfahrt insgesamt 1500 Menschen mit in den eisigen Tod des Nordatlantiks. Zwar liegt das Wrack der „Titanic“ bis heute in 4000 Metern Tiefe vor der Küste Neufundlands. In der chinesischen Provinz Sichuan entsteht aktuell jedoch ein Nachbau des 269 Meter langen und 28 Meter breiten Schiffes – die „Titanic II“. Als einer der Berater fungierte hierbei Malte Fiebing-Petersen. Jetzt durfte der 34-Jährige einen ersten Blick auf die Baustelle in Daying werfen. Mit dabei: ein Kamerateam der Pro-Sieben-Sendung „Galileo Time Freeze“.

Malte Fiebing-Petersen besitzt als Vorsitzender und Pressewart des Deutschen Titanic-Vereins nicht nur das Detailwissen zur Schiffskonstruktion, sondern auch einen Teil der Originalbaupläne der „Titanic“. „Die Werft hat in den 90er-Jahren Pläne verkauft und die ,Titanicer’ haben sie untereinander aufgeteilt.“ So holten sich die chinesischen Konstrukteure für ihren Themenpark Rat bei dem Schwedenecker und den Vereins-Kollegen der „British Titanic Society“. Am Ufer des Flusses in Daying, der nach Fertigstellung angestaut werden soll, begutachtete der 34-Jährige jetzt die noch unvollendete „Titanic II“. Seine Bilanz: „Sehr sehr beeindruckend, in vielerlei Hinsicht.“ Äußerlich werde die Kopie dem Original schon recht nahe kommen, prognostiziert Fiebing-Petersen. Trotzdem vermutet der Sonderschul-Leiter, dass bei Fertigstellung des Schiffes nur „etwa ein Viertel an Bord auch eins zu eins mit dem Original übereinstimmt“. Denn die „Titanic II“ soll künftig als Hotel und Veranstaltungsort für Hochzeiten dienen. Im Gegensatz zu 1912 wird also die Inneneinrichtung heutigen Bedürfnissen mit Badezimmern, Aufzügen oder Klimaanlagen angepasst. „Die Erbauer nehmen es mit der historischen Präzision nicht so genau, das gefällt mir natürlich nicht. Aber der normale Chinese hat bei der ,Titanic’ nur den Film im Kopf und für diese Zwecke reicht es eben.“

<p>So soll der Themenpark nach Fertigstellung der Sehenswürdigkeiten aussehen.</p>
Privat

So soll der Themenpark nach Fertigstellung der Sehenswürdigkeiten aussehen.

 

Trotz Fernsehteams im Schlepptau bestand Fiebing-Petersen darauf, die erste Stunde allein durch den Schiffsnachbau zu wandeln. „Und ich war wirklich platt. Wenn ich im Jahre 2018 schon durch den Bug laufe und sprachlos bin, wie ist es dann dem armen ungarischen Arbeiter 1912 ergangen?“

Ein bitterer Beigeschmack bleibt dennoch: Für den Themenpark wurde nicht nur ein ganzes Dorf enteignet, es wird zusätzlich durch den künstlichen Wasserarm geflutet, damit die „Titanic II“ künftig im Wasser liegt. „Und für die Chinesen ist das überhaupt kein Thema“, stellt Malte Fiebing-Petersen ungläubig fest. „Aber es ist ein gleichgeschalteter Staat, da muss man sich nichts vormachen.“ Von einem künstlichen Eisberg konnten die ,Titanicer’ die Konstrukteure glücklicherweise noch abbringen, so der Vereinsvorsitzende.

Dass der Titanic-Nachbau – wie angekündigt – im Herbst 2019 eröffnet, bezweifelt Fiebing-Petersen. „Bis jetzt ist die Hälfte des Schiffes fertig. Es fehlt noch die gesamte Inneneinrichtung. Das ist nicht zu schaffen.“ Egal wann die Parkanlage eröffnet wird, für Malte Fiebing-Petersen ist klar – er kommt wieder. „Ich behalte mir vor, das ganze Projekt kritisch zu hinterfragen. Trotzdem ist es beeindruckend.“

Der Schiffsnachbau kostet 500 Millionen Euro, in den gesamten Park steckt Investor und Energiekonzern Seven Star Energy 5 Milliarden Euro. Neben der „Titanic II“ entstehen auf dem Gelände unter anderem ein zweites Venedig sowie das Schloss aus dem Disneyfilm „Die Schöne und das Biest“. Das Konzept kopierter Sehenswürdigkeiten ist in China nicht ungewöhnlich. „Es gibt dort mehrere, sehr erfolgreiche Parks dieser Art – mit Nachbauten von Heidelberg oder Venedig“, sagt Malte Fiebing–Petersen.

Ob der Untergang der Titanic hätte verhindert werden können, beantwortet Malte Fiebing-Petersen am 16. September 19.05 Uhr bei „Galileo Time Freeze“ auf Pro Sieben.

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