Tierschützer beklagen Pferdeleid

Viele Pferde stehen zu lange in zu kleinen Boxen, beklagt die Vorsitzende des Landestierschutzbeirats, Sabine Petersen.
Viele Pferde stehen zu lange in zu kleinen Boxen, beklagt die Vorsitzende des Landestierschutzbeirats, Sabine Petersen.

Zu wenig Auslauf, Stacheldraht und dunkle Ställe machen viele Tiere krank und depressiv

fju_maj_0203 von
14. November 2019, 09:43 Uhr

Der vom Umweltministerium bestellte Vertrauensmann für Tierschutz in der Nutztierhaltung, Edgar Schallenberger, hält Pferdebesitzern in Schleswig-Holstein teils schwere Defizite vor. „Ich sehe erschreckend häufig Depressionen bei Pferden“, sagte der Professor auf einem Forum des Landestierschutzbeirats im Kieler Landeshaus.

Einige der „Problemfelder“, die der Veterinär auflistete: „zu wenig Auslauf“, „Einfriedung teilweise mit Stacheldraht“, „zu viele Stallumbauten sind zu dunkel ausgefallen“, „zum Teil schauerlich schlechte Einstreu“, „permanentes Bandagieren“. Standards, wie sie die offiziellen Leitlinien für Pferdehalter setzen, sind Schallenberger „zu wenig, was den Tierschutz anbelangt“. Diese Vorgaben „sind nur der allerniedrigste Kompromiss, auf den man sich noch so gerade eben einigen konnte“. Als Beispiel für seine Kritik nannte der Wissenschaftler das Tränken: Mindestens dreimal täglich stehe in den Leitlinien – „artgerecht wären hingegen 24 Stunden freier Zugang zu Wasser“.

Die Vorsitzende des Landestierschutzbeirats, Sabine Petersen, hatte den „Parlamentarischen Abend“ initiiert, weil ihrer Ansicht nach „viele dieser sensiblen Tiere viel zu lange in kleinen Boxen stehen müssen oder unter den Praktiken des Reitsports leiden“. „Diese grenzen teilweise an Gewalteinwirkung oder gehen darüber hinaus“. Als Indiz verwies Petersen auf Anzeigen in Fachmagazinen. Darin werde für Heilmittel gegen Wunden und Schwellungen geworben, die „nach intensivem Training“, so der Wortlaut, aufträten. Wäre alles in Ordnung, so Petersens Schlussfolgerung, gäbe es derartige Werbung nicht.

Christiane Müller, landesweit tätige Sachverständige für Pferdehaltung aus dem Kreis Stormarn, bescheinigte der Pferdehaltung zwar, sie habe sich „in den letzten 20 Jahren sehr verbessert. Es gibt viel mehr Offen- und Bewegungsställe.“ Aber: Julie von Bismarck, in Ostholstein lebende Buchautorin und Pionierin für Pferde-Osteopathie und -Akupunktur, vermisst, dass im Leistungssport Gewalteinwirkung nicht ausreichend geächtet werde. Etwa zeigte sie Fotos von Turnieren, bei denen gar Spikes am Pferdekiefer benutzt wurden, um ein Tier zu führen. Von Bismarck betonte aber auch: „Ein Pferd in liebevollen Freizeithänden kann genauso Schaden nehmen wie ein Wettkampfpferd.“ Und zwar aus Unkenntnis. Schon allein, wenn ein Halter mangels Knowhow ständig widersprüchliche Signale aussende, setze dies das Tier unter inakzeptablen Stress. „Oft wird heutzutage nicht mehr die Notwendigkeit gesehen, sich echtes Pferdewissen anzueignen“, stellt von Bismarck fest. Es lasse sich nicht an ein paar Wochenenden erlernen.

Etwas, was – durch mehrere Wortmeldungen aus dem Publikum unterstützt – auch der Geschäftsführer des Pferdesportverbands Schleswig-Holstein, Matthias Karstens, beklagt: „Es gibt Handlungsbedarf in der Ausbildung bei den Reitern.“ Dort „hat sich eine gewisse Schnelllebigkeit eingestellt“, unterstützt „auch durch die neuen Medien“. Das sorge dafür, das manche gewillt sind, Defizite mit Hilfsmitteln auszugleichen“. Karstens: „Richtig Reiten reicht“ – dann brauche es mancher in der Kritik stehender Hilfsmittel beim Führen des Pferdes nicht.

Von Bismarck prophezeite allerdings auch: Würden sich nur noch Menschen ausbilden lassen, die den tatsächlich angebrachten Zeit- und Arbeitsaufwand auf sich nehmen – dann würde der Interessentenkreis derart zusammenschmelzen, „dass dies an Reitschulen zu massiven Einbrüchen führen würde“.

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