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Streit um den 50-Zentimeter-Streifen

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Landwirte fühlen sich beim Knick-Erlass von Habeck übergangen – der Umweltminister relativiert die Ängste über wirtschaftliche Schäden

shz.de von
erstellt am 05.Sep.2013 | 00:31 Uhr

Uwe Muxfeld versteht die Welt nicht mehr: „Wir treiben einen enormen Aufwand, um unsere Knicks zu pflegen. Und das hat immer gut funktioniert.“ Der 46-jährige Milchbauer aus Nortorf (Kreis Rendsburg-Eckernförde) bewirtschaftet 85 Hektar Land. Durch den 50-Zentimeter-Streifen an seinen zehn Kilometern Knick verliert er davon einen Hektar. Er ist einer von drei Bauern, die gestern ihre Klage in Schleswig eingereicht haben.

Seiner Meinung nach tut das Umweltministerium mit der neuen Verordnung dem Knickschutz keinen Gefallen – „ich sehe nicht, wie die jetzt besser geschützt werden“. Im Gegenteil: In Zukunft würden die Gehölze stärker wuchern und verholzen, bis sie nach sechs Jahren erstmals geschnitten werden dürfen. „Wir müssen dicke Äste kappen und die Gehölze verkrüppeln.“ Zudem gehe durch die wuchernden Büsche weiteres Land verloren. Habeck hat allerdings bereits zugesagt, die Schnittfristen zu prüfen und falls nötig anzupassen – etwa bei rasch wachsenden Weidengehölzen.

Besonders verärgert sind die Landwirte, weil sie sich nicht ausreichend berücksichtigt fühlen. Zwar habe es in der Vorbereitung der Verordnung Gespräche mit dem Bauernverband gegeben. „Keiner unserer damals vorgebrachten Punkte wurde aufgegriffen“, sagt Bauernverbands-Justiziar Michael Müller-Ruchholtz. Dass die 50-Zentimeter-Regelung ein Kompromiss sei, sei falsch. „So stand es von Anfang an in der Verordnung.“

Das sieht der Grünen-Minister jedoch anders. Da auch die Naturschutzverbände höchst unzufrieden sind, weil sie sich mit ihrer Forderung nach einem Ein-Meter-Streifen nicht durchsetzen konnten, könne der Kompromiss so schlecht nicht sein. Auch den Vorwurf, den Landwirten drohe ein wirtschaftlicher Schaden, versucht er zu relativieren. „Bei Ortsterminen habe ich gesehen, dass die meisten Bauern ohnehin nicht bis an den Knick pflügen und sähen.“ Oft würden schon heute annähernd 50 Zentimeter frei gelassen.

Doch Ackerbauer Carl von Müller aus Riepsdorf (Kreis Ostholstein) bleibt hart: Nach eigenen Berechnungen verliert er pro Jahr 12 000 bis 15 000 Euro durch die Randstreifen an seinen 25 Kilometer langen Knicks. „Und da ist schon der Zuschuss von 2000 Euro eingerechnet, den wir für die Knicks bekommen.“ Ähnlich betroffen ist Marion Ilse aus Fredesdorf im Kreis Segeberg. Die 48-Jährige ist die Dritte im Bunde der Kläger und hat für ihren Betrieb einen ungefähren Verlust von 14 500 Euro pro Jahr errechnet.

Besonders sauer ist von Müller darüber, dass Landwirte im Wahlkampf „als geldgierig bezeichnet werden“ und der Obergrüne Jürgen Trittin von „Drogenhandel im Stall“ spricht. Eine Entgleisung, über die offenbar auch Habeck nicht froh ist. Zwar weigerte er sich gestern, konkret zu Trittin Stellung zu beziehen, aber seine Worte waren deutlich: Zuspitzungen und Übertreibungen würden komplexen Zusammenhängen nicht gerecht. „Dieser Hinweis schließt auch Leute meiner Partei ein“, so Habeck, der von einem „momentan bleihaltigen Klima“ sprach. Er wolle die Motive für die neuen Erlasse und Verordnungen künftig noch transparenter machen, die Motive selbst stelle er aber nicht in Frage. Keine guten Aussichten also für Bauern-Anwalt Arno Witt, der sich von der Klage in Schleswig auch verspricht, dass das Ministerium „das Gespräch suchen wird, um eine bessere Regelung zu finden“.

Selbst von Bauernprotesten auf der Norla lässt sich der Minister nicht einschüchtern. Damit könne er als Grüner gut leben, schließlich sei die Partei selbst mit Demos groß geworden. Nur mit einer Tomate schmeißen – das findet Habeck nicht gut. „Das ist Verschwendung von Lebensmitteln, die niemand gutheißen kann.“

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