Späte Genugtuung

Typisch Neutra: Sicht auf das Haus von Andreas Klingberg. Der Hamburger Fotograf erwarb es vor zwei Jahren.
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Typisch Neutra: Sicht auf das Haus von Andreas Klingberg. Der Hamburger Fotograf erwarb es vor zwei Jahren.

Lange verkannt und verspottet: Der kalifornische Star-Architekt Richard Neutra schuf in den 60er Jahren Little-Hollywood in Quickborn

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21. Juli 2018, 17:34 Uhr

Als der Hamburger Andreas Klingberg (39) vor zwei Jahren als potenzieller Käufer vor dem Bungalow in der Marienhöhe stand, war ihm nicht klar, welche architektonische Kostbarkeit sich hinter der hohen Eibenhecke und der unscheinbaren Straßenfront verbarg. Grundstücksgröße, Anzahl der Zimmer, Energiewerte – all das las er im Exposé des Immobilienmaklers, nicht aber, wer das Bauwerk eigentlich schuf. Familie Klingberg, die raus aus der Großstadt wollte, verliebte sich in jenes Haus, in dem jahrzehntelang eine ältere Dame gelebt hatte und in dem vom Stäbchenparkett bis zur Deckenleuchte alles noch so aussah, wie Anfang der 60er Jahre. „Dass es ein echtes Neutra-Haus war, das war uns anfangs gar nicht so bewusst“, erinnert Klingberg.

Neutra? Welcher Neutra? Kennern ist der Name ein Begriff – dem Durchschnittsbürger aber wohl eher nicht. Dabei gilt der gebürtige Österreicher Richard Neutra (1892-1970) als Ikone der Moderne, ein Superstar der Baukunst. In seiner Wahlheimat Kalifornien schuf er diverse Luxusvillen für Hollywoodstars und schwerreiche Bonzen. Bauten, die heute für etliche Millionen die Besitzer wechseln.

Und ausgerechnet dieser Richard Neutra war es, der in den 60er Jahren der Kleinstadt im Kreis Pinneberg ein wahres Kunstwerk schenkte. Eine herausragende Wohnsiedlung, die aber lange wenig Beachtung fand und über die ein ehemaliger Quickborner Bürgermeister einst gespottet haben soll, dass sie zu der Stadt wie ein Iglu in die Wüste passe.

In einer Zeit, in der in den meisten deutschen Wohnzimmern noch Gelsenkirchener Barock mit Eiche rustikal und Spitzendecke vorherrschte, galt Neutras Schnörkellosigkeit als zu modern, futuristisch – einfach zu anders.

Zu verrückt erschien daher auch der Plan der Hamburger Bewobau, den Stararchitekten nach Norddeutschland zu holen – mit dem Ziel, den Mittelstand als neue Kaufgruppe zu gewinnen. Um Neutra zu überzeugen, reiste der damalige Bewobau-Direktor Friedrich Wilhelm Krüger, Vater des Komikers Mike Krüger, eigens nach Kalifornien. Neutra sagte zu, denn es reizte ihn, gleich eine ganze Siedlung zu konzipieren.


Schnörkelloser Biorealismus

Platz fand sich südlich des Harksheider Wegs, in der Marienhöhe, zweieinhalb Kilometer Luftlinie von der A7 entfernt. Neun Bungalow-Typen und einen zweigeschossigen Bautyp entwickelte Neutra auf dem Reißbrett. Hochmoderne Gebäude mit Wohnflächen von 90 bis 160 Quadratmetern, die auf Grundstücken von 800 bis 1000 Quadratmetern entstanden. Die Bungalows boten alles, was schon in Amerika den Traum vom Eigenheim ausmachte: stufenlose, fließende Übergänge zwischen Innen und Außen, bodentiefe Glasfronten und damit Licht, sehr viel Licht. Wasserbassins, sogenannte Reflecting Pools, direkt am Haus warfen sonst die südkalifornische Landschaft in die großzügigen Wohnzimmer zurück, nun aber Quickborns Himmel.

1963 war Baubeginn. Richard Neutra, den Zeitzeugen als bescheiden beschreiben und der äußerlich an Albert Einstein erinnert, flog mehrmals zum Großprojekt rüber, um die Arbeiten zu kontrollieren. Auch sein Spätwerk wies den für ihn so typischen Biorealismus auf: Die Gebäude, alle in Stichstraßen entlang einer Hauptverkehrsader gelegen, komponierte er in die Natur hinein. Das Eigenheim werde zur Medizin für die Seele, so lautete Neutras Kredo.

Der Erfolg des besonderen Vorhabens blieb jedoch aus. Durch Details wie Stahlrahmenfenster, Deckenvertäfelungen aus Douglasie und eine aus den USA importierte Chrysler-Airtemp-Warmluftheizung erhöhte sich der Kaufpreis auf 162 000 bis 249 000 D-Mark – viel für die damalige Zeit. Nicht gerade verkaufsfördernd war auch der Standort der Siedlung. Quickborn? Welches Quickborn? Noch so eine Frage, die zu wenig potenzielle Käufer aus der Hansestadt Hamburg zu beantworten wussten. Ein Bungalow zu solch einem Preis in der Provinz – das war vielen zu viel, obwohl die Bewobau fleißig die Werbetrommel drehte und Käufern einen VW-Käfer als Zugabe versprach. 1964 berichtete „Der Spiegel“ ausführlich über die Fehlkalkulation. Bewobau-Direktor Friedrich Wilhelm Krüger räumte in dem Artikel ein: „Der Kreis der Menschen, die solche Häuser kaufen, ist doch sehr klein.“ Der Bauträger reagierte. 180 hätten es sein sollen, gebaut wurden letztendlich jedoch nur 67 Neutra-Einheiten. Der Rest der Fläche wurde mit konventionellen Ein- und Mehrfamilienhäusern aufgefüllt, der ursprünglich geplante Tennisplatz zum Parkplatz umfunktioniert. Friedrich Wilhelm Krüger gab sich geschlagen: „Auch die Bewobau-Direktoren möchten mal wieder ruhig schlafen.“

Und schon bald wurde es tatsächlich ruhig um die Marienhöhe. Als der Stararchitekt 1970 starb, war sein Spätwerk in Quickborn schon fast vergessen. Neutra? Welcher Neutra? Während manch ein Bungalow-Besitzer über Jahre sein Eigenheim mit Zierleisten, Schindeldach und Butzenfenstern in etwas verwandelte, was so gar nichts mehr mit Neutra zu tun hat, bewahrten andere wiederum den Spirit des Österreichers. Seit 2006 stehen fast alle Neutra-Bungalows auf der Denkmalliste des Landes als „einzigartiges Zeugnis innerhalb der europäischen Nachkriegsmoderne“.

Auch Andreas Klingberg führte nur die notwendigsten energetischen Sanierungsmaßnahmen durch. Unter anderem ließ er die Warmluftheizung, die in Kalifornien gut funktioniert haben mag, dem norddeutschen Wetter aber nie wirklich gerecht wurde, in eine Hauslüftungsanlage umbauen. Die vielen Glasfronten und der besonders angelegte Garten als wichtiger Bestandteil des Gesamtkonzepts aber blieben. Klingberg schwärmt: „Auch jetzt noch, zwei Jahre nach Einzug, fühlen wir uns, als wären wir hier im Urlaub.“

Was in Quickborn großes geleistet wurde, wird Jahrzehnte später erst bewusst. Inzwischen schlendern manchmal Neutra-Kenner durch die Siedlung, ab und an finden Führungen statt. Erst wenige Jahre ist es her, dass Richard Neutras Sohn, ebenfalls Architekt, nach Quickborn reiste, um sich das Erbe des Vaters anzuschauen. Das Interesse an den Bauten ist gestiegen – wer ein Haus in der Marienhöhe hat, kann sich glücklich schätzen. Seit 2016 stehen zwei Stelen mit Infotafeln, die auf die Bedeutung der Bungalow-Siedlung hinweisen, am Straßenrand. Denn wer als Laie entlang der Marienhöhe läuft, ahnt ja gar nicht, was sich hinter den hohen Hecken verbirgt.

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