Ausbreitung von Covid-19 : Schulunterricht online: Lernen am Wohnzimmer-Tisch

Bildungsministerin Karin Prien.
Bildungsministerin Karin Prien.

Corona-Virus: Schleswig-Holsteins Bildungsministerium Karin Prien bereitet Schulunterricht über das Internet vor.

Margret Kiosz von
11. März 2020, 20:30 Uhr

Kiel | Bildungsministerin Karin Prien (CDU) regelt ihre Amtsgeschäfte quarantänebedingt derzeit vom häuslichen Wohnzimmertisch aus. Ihr Ministerium arbeite seit zwei Monaten auf Hochtouren daran, auch Schulunterricht im Home-Office möglich zu machen.

Es gibt schon Schulen, in denen das in Vorbereitung ist, andere sind noch nicht so weit. David Ermes, Pressesprecher im Bildungsministerium
 

Grundsätzlich sei es zwar in Schleswig-Holstein nicht vorgesehen, kompletten Schulunterricht über das Internet zu erteilen. Aber: „In der derzeitigen, sehr dynamischen Situation durch das Coronavirus arbeiten im Ministerium Schulaufsicht und das IQSH eng zusammen, um Positivbeispiele und funktionierende Lösungen weiter zu verbreiten“.

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Viele Schulen hätten „durch engagierte Lehrkräfte selbst Möglichkeiten geschaffen, einzelne Lehreinheiten oder Themen von zu Hause, online und mittels Video- und Kommunikationstechnik zu vermitteln“.

Da inzwischen 86 Prozent der Bundesbürger – bei den 14- bis 49-jährigen Deutschen sogar nahezu 100 Prozent – zu Hause einen Netzzugang haben, müssen die Kinder und Jugendlichen nicht zwangsläufig vom Land mit Laptops ausgestattet werden. Online-Unterricht gibt es schon lange für Kinder, die aus persönlichen oder familiären Gründen keine öffentliche Schule besuchen können.

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Im Ausland ist Online-Unterricht in Corona-Zeiten sogar mittel der Wahl. So haben in Hongkong Kinder schon seit Tagen Cyber-Untericht. In China wurde solch ein Unterricht vor Ausbruch von Corvid-19 vor allem als Mittel zur Bekämpfung von Kinderarmut eingesetzt. Laut einem Bericht der Tageszeitung FAZ haben viele Kinder auf dem Land keinen Zugang zu guter Schulbildung, weshalb die Regierung in manchen abgelegenen Provinzen und Bergdörfern Unterricht über das Internet organisiert. Neuerdings soll dieser Unterricht in ganz China eingeführt werden und läuft in manchen Städten bereits seit Anfang Februar. Die Shanghaier Regierung setzt dabei vor allem auf Unterrichtsstunden, die mehr als 1000 Lehrer aufgezeichnet haben, der dann zu den Schülern über Kabelfernsehen in der heimischen Wohnung kommt.

Deutschland hinkt in der Digitalen Ausrüstung allerdings nach Ansicht von Fachleuten deutlich hinterher. „Für einen flächendeckenden Fernunterricht wären wir Stand heute schlicht nicht gerüstet“, vermutet Ilka Hoffmann, Vorstandsmitglied der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Dies liege unter anderem daran, dass Schulen durch den Föderalismus sehr unterschiedlich ausgestattet werden und selbst in den Ländern große Unterschiede von Region zu Region festzustellen sind.

Im Mai 2019 hatte der Bund fünf Milliarden Euro für die Digitalisierung der Schulen zugesagt. Bis zum Februar 2020 wurden bundesweit aber nur 40 Millionen Euro abgerufen. Viele Bundesländer setzen die Förderrichtlinie des Bundes nur schleppend um, und auch die Konzepte für die Aus- und Fortbildung von Lehrern fehlen. Würden Schulen etwa Tele-Unterricht anbieten, müssten das „selbstständige Lernen“ und „offenere Lernformen“ pädagogisch begleitet und eingeübt werden, meint Hoffmann. Viele Kinder und Jugendliche seien derzeit „nicht darauf vorbereitet, die nötige Selbstdisziplin aufzubringen, um selbstständig mit digitalen Medien zu lernen“. Zudem komme Tele-Unterricht nicht für alle Altersklassen infrage.

Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Heinz-Peter Meidinger, stellt fest: „Für die jetzige Krise kommen wir allemal zu spät. Aber wir sollten sie zum Anlass nehmen, massive Defizite im Digitalen aufzuarbeiten.“ So gelte es etwa im Bund und in den Ländern, an gemeinsamen digitalen Lernplattformen zu arbeiten. Die könnten zwar den Präsenzunterricht mit guten Pädagogen nicht ersetzen, seien aber für längere Krankheiten einzelner Schüler und Krisenfälle wie Corona eine gute Ergänzung.

Von Panik will das Kieler Ministerium nichts wissen. „Am heutigen Tage gehen wir noch nicht von landesweiten Schulschließungen aus“, erklärt Ermes.

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