Ruhestätte und Biotop zugleich

Mit viel Detailwissen erläuterte Annette Schlapkohl (Mitte) die Geschichte des Tornescher Friedhofs.  Fotos: plückhahn
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Mit viel Detailwissen erläuterte Annette Schlapkohl (Mitte) die Geschichte des Tornescher Friedhofs. Fotos: plückhahn

Historikerin Annette Schlapkohl erläutert die Geschichte des Tornescher Friedhofs − dort sind auch viele Vogelarten heimisch

shz.de von
07. August 2018, 16:47 Uhr

Gut besucht war die jährliche Führung über den Tornescher Friedhof, zu der der Friedhofsverband Uetersen-Tornesch für Sonntag eingeladen hatte. Dass der Friedhof in der Friedensallee unter historischen Aspekten recht jung ist, erläuterte Ortshistorikerin Annette Schlapkohl den 20 Teilnehmern.

Erst 1910 wurden die ersten Tornescher hier beerdigt. Zuvor gehörte die Gemeinde zum Kirchspiel Rellingen, weshalb die Esinger dort ihre letzte Ruhe fanden. Nach der Abspaltung richtete die Gemeinde Esingen einen eigenen Friedhof auf einem Gelände ein, das sie dem Esinger Hof abkaufte. Da es damals üblich war, im Hause des Verstorbenen Abschied zu nehmen, bot die alte Kapelle nur Platz für dessen Sarg. Beim Auszug signalisierte der Totengräber einem Kollegen an der Esinger Schule mit einer Fahne, die Glocke zu läuten, denn der Kirchensaal befand sich damals im Schulgebäude.

Heute dient die alte Kapelle als Abstellraum. Ein Besucher regte an, sie als Begegnungsraum umzuwidmen und erfuhr von Schlapkohl, dass die Ernst-Martin-Groth-Stiftung in Erwägung zieht, das Gebäude zu sanieren. Die Pflege historischer Grabsteine hat die Stiftung bereits übernommen und sie so vor der Vernichtung bewahrt. In einem Wall an der Rückseite der alten Kapelle sind die Steine historischer Qualität oder von bekannten Persönlichkeiten des Orts zu besichtigen.


Bestattung heute vor allem halbanonym

Auch an ihnen lässt sich die Veränderung der Grabkultur ablesen, die Schlapkohl in den Mittelpunkt ihrer Führung stellte. Wurden zu Zeiten der Friedhofsgründung Glasplatten mit den Daten der Verstorbenen sowie Sprüchen oder Ornamenten versehen in aufrechte Steinstelen eingepasst, überwiegt heute die halbanonyme Bestattungskultur mit einer liegenden Steinplatte in der Rasenfläche, die sowohl bei der Feuer- als auch bei der Erdbestattung möglich ist. Die Form der komplett anonymen Bestattung ohne Stein oder Plakette war Ende des vergangenen Jahrhunderts sehr gefragt, ist aber heute stark rückläufig. Die großen Familiengräber, wie sie vor 100 Jahren bei wohlhabenden Familien üblich waren, sind heute historische Zeitzeugen.

An der Gedenkstätte der Opfer beider Weltkriege erfuhren die Teilnehmer, dass sich diese erst seit 1948 an ihrem jetzigen Ort befindet. Die Steine für die gefallenen Soldaten des Ersten Weltkrieges wurden Anfang der 1950er Jahre dorthin gebracht. Vor zwölf Jahren hat die Ernst-Martin-Groth-Stiftung einen Stein zum Gedenken an die Opfer des Zweiten Weltkrieges errichtet, auf dem nicht nur die Namen von Gefallenen, sondern auch von Bombenopfern in Tornesch vermerkt sind.

Mit vielen interessanten Details und historischen Fotografien bereicherte Schlapkohl die gut einstündige Führung. Auch auf die Bedeutung des Tornescher Friedhofs als Biotop wies sie hin. Etwa 50 Vogelarten sind auf dem mittlerweile fünf Hektar großen Gelände gezählt worden, gegenüber fünf Arten im Stadtzentrum. Die Vegetation bietet ihnen, wie einigen Bienenvölkern auch, Nahrung und Lebensraum.

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