Nach Interview-Aussage : Robert Habeck im Shitstorm – Wer ist „das Volk“?

Sorgt für eine „Volksdebatte“ – Robert Habeck.

Sorgt für eine „Volksdebatte“ – Robert Habeck.

Robert Habeck steht im Netz massiv in der Kritik. Anlass ist sein Interview zu Themen „Volk“ und „Volksverräter“.

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10. Mai 2018, 18:47 Uhr

Kiel/Berlin | Grünen-Chef Robert Habeck hat Ärger wegen eines Satzes zum Thema „Volk“ und „Volksverräter“. Habeck hatte auf dem Debatten-Kanal „Informr“ erklärt, es gäbe kein Volk und war daraufhin vor allem von der AfD massiv kritisiert worden. Habeck war zu seiner Assoziation zum Begriff „Volksverräter“ gefragt worden und antworte: „Ist ein Nazibegriff. Es gibt kein Volk, und es gibt deswegen auch keinen Verrat am Volk. Sondern das ist ein böser Satz, um Menschen auszugrenzen und zu stigmatisieren.“

Seit dem tobt der digitale Shitstorm: Das „Volk“ kommt unter anderem im Grundgesetz vor, am Berliner Reichstagsgebäude steht der Schriftzug „Dem deutschen Volke“ – wie unter anderem AfD-Chef Jörg Meuthen auf Facebook schrieb. „Selbstverständlich gibt es ein deutsches Volk, genau wie es auch ein italienisches, spanisches, französisches und türkisches Volk gibt“, erklärte er und ging damit auf Konfrontationskurs zu Habeck.

Auf Twitter und in seinem Blog äußerte sich Robert Habeck zur Kritik:

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Wir sind das Volk

Im Revolutionsherbst 1989 riefen Hunderttausende auf den Straßen der Heldenstadt Leipzig „Wir sind das Volk!“ Die friedliche Revolution fegte das SED-Regime hinweg. Doch wer war das Volk? Es waren Menschen aller sozialen Schichten ( ja, die gab es auch in der DDR) und es waren Menschen verschiedener Herkunft. Und – auch das gehört zur Wahrheit – es waren viele, aber bei weitem nicht alle. 40 Jahre SED-Herrschaft hatten das Volk des selbsternannten „Ersten Arbeiter- und Bauernstaats auf deutschen Boden“ tief gespalten. In überzeugte Gegner und Verfechter des Kommunismus, in Sozialismus-Reformer, in politisch Uninteressierte und in viele, die sich desillusioniert in eigene private Nischen zurückgezogen hatten.

Am Ende einte eine Mehrheit nur ein Ziel: „Die Mauer muss weg.“ Das einfache Volk, wie es so schön heißt, hatte sich erhoben und dieser Begriff meint die Mehrheit der Bevölkerung eines Landes, das staatstragende Volk. Umgangssprachlich auch die „breite Masse“ – in Abgrenzung zur herrschenden Elite.

Einfach nur Menschenmenge

Ursprünglich bezeichnete das Wort „Volk“ schlicht eine Menschenmenge, also viele Leute, so wie im Englischen von „a lot of people“ die Rede ist. Schon im antiken Rom wurde eine Gesellschaft oder Großgruppe von Menschen mit gleicher Sprache und Kultur ein Volk genannt (Senatus Populusque Romanus).

Heute hat der Begriff zwei Seiten. Zum einen eine völkerrechtliche Kategorie – das Staatsvolk. Dieses besteht laut Definition „aus der Gesamtmenge der Staatsbürger, es bildet dessen Demos (griechisch für Gemeinde oder Volk) als Grundlage der Demokratie“.

Robert Habeck dagegen setzte sich mit der ethnischen Kategorie auseinander, die er für problematisch hält. Der Grund liegt für ihn in der deutschen Geschichte und dem langen Fehlen eines Nationalstaates in Deutschland. „Die Idee einer kulturellen Identität ersetzte die Idee einer politischen. Und weil aus der kulturellen Identität bei den Rechten schließlich eine völkische wurde, die sich biologisch zu rechtfertigen suchte, ist dieser Volksbegriff auch ein gefährlicher. Denn die Idee eines ethnisch-identitären Volkes ist totalitär und ausgrenzend“, schreibt der Grünen-Politiker in seinem Blog.

Brüder & Schwestern 

Alle sind gleich? Nicht für Habeck. „Gibt es den identitären Volkskörper, von dem die Nazis schwadronierten? Man muss nicht an Hitlers Erscheinungsbild denken, um auf die Idee zu kommen, dass es dieses propagierte deutsche Volk, zusammengesetzt aus irgendwelchen angeblich reinen Genen, nie gab und nie geben wird“, schreibt er. Schon die Völkerwanderung der Germanen sei ein „ethnischer Gemischtwarenladen“ gewesen.

Habeck hat Recht. Gleichmacherei ist ein beliebtes Mittel von Diktaturen. Zuerst proklamierten Nazis und Kommunisten, alle seien gleich, um dann zu bestimmen, wer ungleich sei. Wer nicht „dazugehört“. Heute versuchen Rechte die Gesellschaft in „hart arbeitende und brav Steuern zahlende Bürger“ auf der einen und in Migranten, Wirtschaftsflüchtlinge und Zugezogene auf der anderen Seite zu spalten. Für die Linke gibt es noch immer „Ossis“ und „Wessis“, obwohl das zur Begründung angeführte Wohlstandsgefälle längst inzwischen Nord und Süd verläuft.

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