Höherer Schulabschluss auf Umwegen : Pauken zur Prime Time: Zweite Chance Abendschule

<p>Mal abends, mal tagsüber im Einsatz: Lehrer Thorsten Dwinger unterrichtet in beiden Schulformen.</p>

Mal abends, mal tagsüber im Einsatz: Lehrer Thorsten Dwinger unterrichtet in beiden Schulformen.

In SH müssen vor allem Bewohner der Westküste für die Möglichkeit, Abschlüsse nachzuholen, weite Wege in Kauf nehmen.

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17. Juni 2018, 18:31 Uhr

Flensburg | An so einem warmen Juniabend wissen die meisten Flensburger genau, was zu tun ist: Ab zum Wasser, ein Feierabendbier trinken, vielleicht noch ein Bad in der Förde nehmen und vor allem entspannen, den Arbeitstag hinter sich lassen. Solche Gedanken schwirren sicherlich auch durch einige Köpfe in R3, einem kleinen Klassenzimmer mit stickiger Luft, als um 18.10 Uhr der Gong den Stundenbeginn ankündigt. Erdkunde bei Herrn Dwinger, der schon mal den Beamer justiert und die Anwesenheitsliste rumgehen lässt. „Wir haben heute vier Krankmeldungen“, ruft ihm Schulleiter Sebastian Bergsma vom Flur aus zu.

Drei Abendgymnasien gibt es in Schleswig-Holstein; in Flensburg, Kiel und Lübeck. Bis zum Schuljahr 2003/2004 existierte noch eins in Heide, das aber aufgrund von Sparzwängen durch die Regierung Simonis (SPD) geschlossen wurde – und mit ihm auch alle Abendrealschulen im Land. In diesem Zuge verloren auch die verbliebenen Abendgymnasien ihre Eigenständigkeit und wurden organisatorisch an Tagesschulen angegliedert, als „Schule in der Schule“.

Also legt Herr Dwinger mit acht Schülern los. Er zeigt Luftbilder von Karlsruhe, San Francisco, Bogotá – ein Ratespiel zum Stundenthema Stadtmodelle beginnt. Doch so richtig ratefreudig sind die Männer und Frauen irgendwo im Alter zwischen 20 und 40 nicht. Viele von ihnen haben bereits einen Acht-Stunden-Arbeitstag hinter sich, sind dann direkt ins Auto gestiegen, haben im ungünstigsten Fall, wie zwei Schüler aus dem nordfriesischen Leck, rund eine Stunde bis Flensburg gebraucht und auf dem Weg vom Parkplatz in die Schule noch schnell ein Brötchen verdrückt.

Nun steht bis 22 Uhr Unterricht an. Nach dieser Erdkunde-Lektion schreibt die 11b sogar noch eine Geschichts-Klausur. Man merkt den Schülern die Anspannung an. Nebenbei wird auf Lernzettel mit den wichtigen Stichworten geäugt, die Gedanken sind bei der anstehenden Prüfung. Eine Schülerin greift im Minutentakt in eine Tüte mit Nüssen. Nervennahrung muss sein.

<p>Stadtmodelle analysieren steht auf dem Plan der 11b – Lehrer Thorsten Dwinger teilt dazu ein Arbeitsblatt aus. </p>
Michael Staudt

Stadtmodelle analysieren steht auf dem Plan der 11b – Lehrer Thorsten Dwinger teilt dazu ein Arbeitsblatt aus.

Denn für viele ist das hier die letzte Chance. „Wenn man Ende 20 ist, fällt man irgendwann durchs Raster des Bildungssystems“, sagt Sebastian Bergsma. „Manche haben in der Schulzeit einfach Mist gebaut und sagen mir: ,Ganz ehrlich: Ich war stinkenfaul’. In der Abendschule sehen sie dann die Möglichkeit, das nochmal auszubügeln.“

Die Klientel am Abendgymnasium ist vielfältig

Da sind die ehemals Faulen, die irgendwann aufwachen; da sind aber auch junge Frauen, bei denen zuerst die Familien- und dann die Berufsplanung kam. Manche haben gesundheitliche Probleme. Viele streben aber auch schlicht nach mehr Geld. Da ist zum Beispiel die Rechtsanwalts- und Notarfachangestellte, welche täglich die Rechnungen für ihren Chef schreibt und sich gesagt hat: Das will ich auch verdienen. Nun holt sie das Abitur nach, um studieren zu können. „Viele kommen auch aus dem öffentlichen Dienst und machen die Fachhochschulreife nach, um in den gehobenen oder höheren Dienst gelangen zu können“, erklärt Bergsma. Das Durchschnittsalter der Schüler liege bei Mitte, Ende 20; sein aktuell ältester Schüler ist 53.

Mit der Schließung der einzigen Abendschule an der Westküste entstand ein extremes Ungleichgewicht im Land. „Das halbe Einzugsgebiet Schleswig-Holsteins fehlt durch die Lage aller drei Schulen an der Ostküste“, bemängelt Hugo Krause, langjähriger Leiter des Kieler Abendgymnasiums. Wen die langen Fahrzeiten nicht gänzlich abschrecken, der muss bis zu anderthalb Stunden im Auto sitzen, um zur Schule zu kommen. Für einen Weg. Das ist neben einem regulären Job so gut wie unmöglich zu schaffen. Denn Abendgymnasium bedeutet: Fast drei Jahre lang von montags bis freitags jeden Abend sechs Stunden Unterricht. Jeden zweiten Freitag ist frei, außerdem gelten die regulären Ferienzeiten. Möglich ist dieses Pensum nur durch einen Verzicht auf Nebenfächer, auch Hausaufgaben werden während der Woche möglichst vermieden.

<p>„Mehr Lernbegleiter als Erzieher“: Schulleiter Sebastian Bergsma schätzt die besonderen Bedingungen am Abendgymnasium.</p>
Michael Staudt

„Mehr Lernbegleiter als Erzieher“: Schulleiter Sebastian Bergsma schätzt die besonderen Bedingungen am Abendgymnasium.


„Die Klassen dünnen  sich immer stark aus. Meist macht maximal die Hälfte das Abitur.“

Sebastian Bergsma, Leiter Abendgymnasium Flensburg

Der Gong läutet die nächste Doppelstunde ein, die 12a nimmt im Bio-Raum Platz. Die Klasse hat eine ebenfalls überschaubare Größe: Sechs Schüler sind heute da. Vollzählig sind sie acht. Zu Beginn, also am Anfang von Klasse 11, waren es 24 – die Klasse ist also auf ein Drittel geschrumpft. Das ist nichts Ungewöhnliches für Schulleiter Sebastian Bergsma. „Die Klassen dünnen sich immer stark aus. Meist macht maximal die Hälfte das Abitur, immer mehr gehen auch schon mit der Fachhochschulreife nach Klasse 12 ab – oder brechen eben ohne Abschluss ab. Da spielen häufig persönliche Gründe eine Rolle, meist ist es das Scheitern an der hohen Belastung.“ Aber dafür ist das Ansehen derjenigen, die es schaffen, umso höher: „Der erfolgreiche Abschluss einer Abendschule macht sich gut im Lebenslauf, weil er auch die Belastbarkeit und Motivation zeigt“, so Bergsmas Erfahrung.

Dafür sind die Schüler hier eindrucksvolle Belege. Die Uhr zeigt mittlerweile 20.05, das Thermometer ein wenig mehr. Sechs Köpfe brüten über einem Text zu neuen Forschungsergebnissen in der Humanevolution, „Was den Menschen zum Menschen macht“. Es geht um Erbgutvergleiche mit Primaten, Enhancer, regulatorische Genombereiche – die Schüler arbeiten hochkonzentriert, fragen nach, diskutieren. Ein junger Mann, gelernter Augenoptiker, erzählt, dass er Mathe und Physik studieren möchte, um Lehrer zu werden. „Nach meiner Ausbildung habe ich gemerkt, dass das Geld, 1600 Euro brutto , einfach nicht reicht. Also habe ich mich gefragt: Was brauche ich? Einen höheren Schulabschluss.“ Eigentlich wollte er neben dem Abend-Abi weiter arbeiten, doch da machte ihm sein Arbeitgeber einen Strich durch die Rechnung, weil er sich nicht auf die am späten Nachmittag eingeschränkten Arbeitszeiten einlassen wollte. Der 27-Jährige musste kündigen und stand plötzlich ohne Einkommen da – denn Schüler-Bafög (rund 700 Euro monatlich rückzahlungsfrei) gibt es erst ab der Hälfte der 12. Klasse. Bis dahin hat er sich mit Aushilfsjobs über die Runden gerettet.

Bio-Lehrer Sebastian Bergsma sitzt mit baumelnden Beinen auf dem Pult, während er mit den Schülern den Text auswertet. Die Atmosphäre ist entspannt, freundschaftlich, dennoch fokussiert. Der Pädagoge schätzt das sehr. „Man ist hier mehr Lernbegleiter als Erzieher. Es ist im Vergleich zur Tagesschule ein ganz anderer Umgang, denn man kann die Schüler auf einer anderen Ebene abholen, sie bringen eine ganz andere Erfahrung mit – wenngleich es vielen schwerfällt, nach vielen Jahren plötzlich wieder zu lernen.“ Sein Kollege Thorsten Dwinger arbeitet tagsüber an einem regulären Gymnasium und ist abends hier im Einsatz, hat also den direkten Vergleich. „Die Schüler hier haben eine hohe intrinsische Motivation“, findet er. „Wenn man sich nach einem Arbeitstag noch aufrafft, ist ein starker Wille da. Als Lehrer ist man fachlich mehr gefordert, die Lerngruppen sind deutlich kleiner und die Arbeit dadurch viel intensiver.“

Kein Personalmangel

Und was man beim Thema Schulen in Schleswig-Holstein nicht oft hört: Die Personalausstattung wird gelobt. „Es gibt acht Stellen pro Abendgymnasium, also 24 insgesamt, das ist unabhängig von den Schülerzahlen fix – da sind wir vor allem im Vergleich zu anderen Bundesländern wirklich gut aufgestellt und können nicht klagen“, sagt der Kieler Schulleiter Hugo Krause. So habe zum Beispiel Baden-Württemberg die Finanzierung der Abendschulen komplett eingestellt und ihren Betrieb an private Träger übergeben.

Insgesamt 318 Schüler paukten im vergangenen Schuljahr an den drei Abendgymnasien in Schleswig-Holstein. Das ist etwa ein Viertel weniger als vor 20 Jahren. Die Anmeldezahlen gehen tendenziell eher zurück, wenngleich es in der jüngeren Vergangenheit immer auch mal wieder Anstiege gab. Sebastian Bergsma hat dafür eine Erklärung. „Die Abendschulen sind auch ein Stimmungsbarometer der Wirtschaft.“ So sei der Zulauf immer antizyklisch. „Wenn es den Leuten im Job gut geht, kommen sie nicht zu uns.“ Steigen die Anmeldezahlen, deutet das auf eine Rezession hin.

„Wir könnten natürlich mehr Menschen erreichen“, meint Hugo Krause. Eine große Chance sieht er im Blended Learning, einer Mischform aus Präsenz- und Online-Lehre. Damit würden die Fahrzeiten zum Teil entfallen und die Schüler zeitlich stark entlastet werden. Vielleicht würde sich so auch der eine oder andere mehr für die Abendschule entscheiden. Rostock praktiziert das Modell schon mit großem Erfolg, Schleswig-Holstein schielt auf die Erfahrungen und arbeitet an einem eigenen Konzept. Nach Schätzung der Schulleiter wird es aber noch mindestens drei Jahre dauern, bis der Weg geebnet sein wird.

Krause beobachtet aber auch, dass viele potenzielle Abendschüler mittlerweile auf anderem Wege zu einem höheren Schulabschluss gelangen. „Die beruflichen Gymnasien haben einen hohen Zulauf, die klassischen Realschüler machen auf Gemeinschaftsschulen mit Oberstufe Abitur“, sagt er. Fertige Azubis haben die Möglichkeit, durch einen anschließenden Besuch von Berufs- oder Fachoberschule FH-Reife oder das Abitur zu erlangen.

Doch sein Flensburger Kollege warnt: „Das sind alles Möglichkeiten für jüngere Menschen, die noch sehr flexibel sind und nicht im Arbeitsleben stecken“, so Bergsma. Deshalb hält er das Modell Abendgymnasium für weiterhin relevant, um der breiten Menge den Zugang zu Bildung zu ermöglichen. Zumal mit den Flüchtlingen eine große neue Zielgruppe hinzugekommen ist.

Das neue Schuljahr an den Abendgymnasien in Flensburg, Kiel und Lübeck beginnt am 20./21. August, Bewerbungen sind noch möglich.


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