„Ohne Kultur droht Verblödung“

Musiker Grönemeyer fordert wohlhabende Privatleute dazu auf, Künstlern zu helfen

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04. November 2020, 19:53 Uhr

Hamburg | Er plädiert für eine „Kultur der gemeinsamen Verantwortung und des Mitgefühls“ in Deutschland – der Musiker Herbert Grönemeyer (64). Er fordert in der „Zeit“ wohlhabende Privatleute dazu auf, Künstlern, die in der Corona-Pandemie in Not geraten sind, stärker zu helfen.

„Wäre die Zeit nicht günstig für eine Solidaritätssonderzahlung der Vermögendsten in diesem wohl rauen Herbst und einem drohenden Komplett-Lockdown?“ Grönemeyer regte an, Millionäre könnten mit Sonderzahlungen die Not im Kreativbereich lindern: „Wenn sich die Wohlhabendsten bereit erklären würden zu einer zweimaligen Sonderzahlung von zum Beispiel 50 000 bis 150 000 Euro, jeweils in diesem wie auch im nächsten Jahr, stünden ad hoc circa 200 Milliarden Euro pro Jahr zur Verfügung, um Existenzen zu sichern, Pleiten aufzufangen und Ängste zu mildern.“

Eine Gesellschaft sei wie eine Familie, so Grönemeyer, in der man sich unterstütze. Die Kultur sei ein wesentlicher Teil des gesellschaftlichen Lebens.

„Wir unterhalten, aber wie das Verb beinhaltet, wir halten von unten. Kultur stützt die Menschen in ihrer Verzweiflung, Trauer, in ihrer Lust, Freude, ihrem Lachen, ihrem Mut und ihrer Zuversicht.“ Diese Stützfunktion drohe wegen der Pandemie verloren zu gehen.

„Ein Land ohne die so unmittelbare Livekultur gibt und öffnet den Raum für Verblödung, krude und verrohende Theorien und läuft Gefahr, nach und nach zu entseelen.“

Tausende gerieten in Not: „Das sind unsere Crews, Techniker, Bühnenbauer, Beleuchter, Trucker, Busfahrer, Caterer, Roadies, Aufbauhelfer, Toningenieure, Clubbesitzer, Veranstalter, Securities und viele weitere, ohne die alle Künstler hilf- und glanzlos sind.“ Vielen Soloselbstständigen drohten Insolvenzen, sie nutzten bereits Altersreserven, da sie keine Arbeitslosenversicherung hätten.

Auch die staatliche Unterstützung für Selbstständige im Kunst- und Veranstaltungsbereich ist aus Sicht Grönemeyers nicht zufriedenstellend. Der Zugang zu dem Hilfsfonds der Bundesregierung sei zu kompliziert. Außerdem solle den Betroffenen Kurzarbeitergeld zustehen.

„Der Zeitpunkt für den ersten Schritt ist und wäre jetzt und gut und wichtig“, so der Musiker. „Und auch ein Zeichen, dass diese Zeiten eine neue Kultur der gemeinsamen Verantwortung und des Mitgefühls hervorrufen, eines tieferen Sinns und eines wacheren Wahrnehmens und Sichhineindenkens in den anderen.“

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