Blackfordia virginica : Neue Quallenart im Nord-Ostsee-Kanal entdeckt

Ein Exemplar der Art „Blackfordia virginica“.

Ein Exemplar der Art „Blackfordia virginica“.

Quallen gehören zu den ältesten Lebensformen. In Schleswig-Holstein wurde nun eine bisher nicht heimische Art entdeckt.

shz.de von
16. September 2018, 17:17 Uhr

Kiel | Eine neue Quallenart hat sich im Nord-Ostsee-Kanal etabliert.“ Diese Meldung des Geomar Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung Kiel hat kürzlich die Aufmerksamkeit auf eine Spezies gelenkt, die sonst eher für Negativschlagzeilen sorgt. Zum Beispiel wenn, wie erst kürzlich wieder in der Ostsee, Feuerquallen Badende in Angst und Schrecken versetzen. Viele Menschen sehen Quallen – bestenfalls – als geheimnisvolle, glibberige Meerestiere. Dabei handelt es sich um faszinierende Geschöpfe, um eine der ältesten Lebensformen der Erde.

Und eine von großer Vielfalt: Die einen sind unscheinbar, andere auffällig und farbenfroh, einige gehören zu den giftigsten Tieren der Welt. Manche sind kugelig, andere schirmartig oder würfelförmig. Die kleinsten haben einen Durchmesser von nicht einmal einem Millimeter, die größten wie zum Beispiel die japanische Nomura-Qualle bis zu zwei Meter; es gibt Quallenarten, deren Fangarme, Tentakeln genannt, 30 Meter und länger sind.

Die Tiere, die schon seit mehr als 500 Millionen Jahren wie schwerelos im Wasser schweben, sind in nahezu allen Ozeanen der Welt zu Hause. Mehr als 2500 verschiedene Arten sind bekannt. In Schleswig-Holstein leben Quallen sowohl in der Ost- als auch in der Nordsee – und eben auch im Nord-Ostsee-Kanal.

Blackfordia virginica auch in der Kieler Förde

Die neu entdeckte, brackwasserliebende Art mit dem wissenschaftlichen Namen Blackfordia virginica sei „seit Sommer 2016 ein neuer Spieler im dortigen Ökosystem“, heißt es in einer Pressemitteilung des Geomar. Die Wissenschaftler sehen ihr Vorkommen als weiteren Hinweis auf die zunehmende Zahl von Arten, die in fremde Ökosysteme einwandern. Da der Kanal die am stärksten befahrene künstliche Wasserstraße der Welt ist, sei diese vermutlich durch Schiffe eingeschleppt worden und vermehrt sich mittlerweile am neuen Standort.

Gesichtet wurde die durchscheinende, mit rund 14 Millimetern vergleichsweise kleine Qualle den Angaben zufolge nicht nur im Nord-Ostsee-Kanal, sondern auch in der Kieler Förde, und zwar bei den regelmäßigen Monitoring-Fahrten von Forschenden des Geomar-Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung, der Technischen Universität Dänemark und der Universität Kiel. Monitoring ist der Fachbegriff für die Langzeitbeobachtung von Lebensräumen, um so Veränderungen festzustellen – in diesem Fall den Einzug einer in der Region neuen Tierart.

Quallenart stammt aus dem Schwarzen Meer

Blackfordia virginica wurde im Jahr 1904 in den Gewässern vor dem US-Bundesstaat Virginia entdeckt. „Spätere Studien lassen aber vermuten, dass sie ursprünglich aus dem Schwarzen Meer stammt“, so das Geomar. Mittlerweile komme sie auch in Südamerika, in Südafrika, Indien, seit den 1970er-Jahren in Nord-Frankreich und seit den 1980er-Jahren in Portugal vor.

Quallen wie Blackfordia virginica gehören biologisch betrachtet zum Stamm der Nesseltiere, so wie auch Korallen und Blumentiere, zum Beispiel Seeanemonen. Gemeinsam sind ihnen die Nesselkapseln an ihren Tentakeln. Diese sondern bei Berührung ein Gift ab, das mehr oder weniger stark nesselt. Dieses Gift ist allerdings nur bei den Würfelquallen gefährlich, harmlos dagegen sind die Schirmquallen, von denen mehrere Arten auch in Schleswig-Holstein zu finden sind. Die häufigste hierzulande in Massen vorkommende Art ist die Ohrenqualle Aurelia aurita.

Und dann gibt es noch die, die zwar ebenfalls glibberig und durchsichtig sind und Qualle genannt werden, aber zoologisch betrachtet keine sind, weil ihnen die Nesselkapseln fehlen; ein Beispiel ist die (auch in der Nordsee heimische) Rippenqualle. Quallen ernähren sich hauptsächlich von Plankton, die größeren unter ihnen auch von kleinen Fischen oder Krebsen. Ihre Tentakel nutzen sie dazu, die Beute in die Mundöffnung zu befördern.

Was wir „Qualle“ nennen, ist allerdings lediglich ein Lebensstadium dieser Meerestiere, die Meduse. Denn die Fortpflanzung der Quallen geschieht durch mehrere Generationswechsel. Zunächst geben weibliche Medusen Eier ins Wasser ab, männliche Artgenossen Samenzellen. Wenn beide aufeinandertreffen, werden die Eier befruchtet. Die daraus entstehenden Larven setzen sich am Boden der Gewässer fest und verwandeln sich in Polypen. Von diesen wiederum schnürt sich die nächste Lebensform ab, kleine, freischwimmende Wesen, Ephyren genannt, die in der Folgezeit zu den uns bekannten Medusen heranwachsen.
 

Buchtipp: Lisa Ann Gershwin: „Quallen – von der Faszination einer verkannten Lebensform“, Delius Klasing Verlag 2017, ISBN978-3-667-11024-4, 29,90 Euro

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