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Minijob zum Minilohn: Ein Chauffeur für den Synodenpräsident

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

shz.de von
erstellt am 26.Sep.2013 | 00:33 Uhr

Die neue Nordkirche ist flächenmäßig riesig. Offenbar haben die Fusionsbefürworter die Entfernungen zwischen Sylt im Nordwesten und Usedom im Südosten – in Unkenntnis der Geographie – unterschätzt. Synodenpräsident Andreas Tietze (Foto) fordert nämlich neuerdings die Einrichtung einer 450-Euro-Stelle für einen Chauffeur. Für sein Ehrenamt in der Nordkirche müsse er weite Strecken zurücklegen, sagte er auf der Synode in Travemünde. Vor allem Termine im Osten seien nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu bewältigen, da er in der Regel noch am selben Tag die Rückreise antreten müsse. Schließlich sei er ja auch noch Landtagsabgeordneter der Grünen.

Sein ehrenamtliches Arbeitspensum für die Synode belaufe sich auf 70 bis 90 Stunden pro Monat, erklärte Tietze – eine Äußerung, die jetzt Kritiker auf den Plan ruft. Sollte ihm der Chauffeur in dieser Zeit ständig zur Verfügung stehen, käme der auf einen Stundenlohn zwischen 5,00 und 6,43 Euro, hat der Liberale Ekkehard Klug nachgerechnet. Selbst wenn man Termine in Kiel und Hamburg abzieht, die Tietze zu Fuß oder per Bahn erledigen kann, kommt man bei einer Arbeitszeit von 55 Stunden pro Monat immer noch auf einen Lohn, der mit 8,20 Euro deutlich unter der Mindestlohngrenze liegt, die der Grünen-Politiker als Mitglied der Regierungskoalition fordert. Nämlich: 9,18 Euro. „Das ist ja wirklich ein bemerkenswerter Beitrag unseres grünen Kirchenoberhauptes, Hochwürden Tietze, zur politischen Glaubwürdigkeit“, ulkt Klug. Auch FDP-Fraktionschef Wolfgang Kubicki kann sich den Hinweis nicht verkneifen, dass Tietze öffentlich als vehementer Gegner von 450-Euro-Jobs auftritt, den Fahrer aber mit Minilohn im Minijob beschäftigen will. Ein Widerspruch der aufgelöst werden muss, zumal offenbar nicht nur Tietze sich durchs Land kutschieren lassen will. Zu überlegen sei angesichts der weiten Strecken „wie die drei ehrenamtlichen Präsidiumsmitglieder in ihrer Arbeit unterstützt werden können“, erklärte ein Kirchensprecher.

Beruhigend für Kirchensteuerzahler: Zunächst will sich Tietze, wohnhaft auf Sylt, in seinem Privatauto chauffieren lassen. Sollte ein Dienstwagen angeschafft werden, versprach er, auf Bescheidenheit und die Klimabilanz zu achten. Ein Zugeständnis, das nach Ansicht der CDU nicht darüber hinwegtäuscht, dass der grüne Tietze und der evangelische Tietze mit zwei Zungen sprechen. Als Vertreter der Ökopartei wolle er, dass alle aufs Rad oder auf die Bahn umsteigen und verhindere Verkehrsprojekte, und als Vertreter der Kirche habe er erkannt, dass es ohne Auto nicht geht, beschrieb Faktionschef Callsen gestern im Landtag genüsslich Tietzes Spagat.

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