Gründer des Museums der Westküste : Milliardär Frederik Paulsen: „Ich bin täglich dankbar“

Nimmt keinen Einfluss auf die Ausstellungen: Frederik Paulsen vor seinem Museum.
Nimmt keinen Einfluss auf die Ausstellungen: Frederik Paulsen vor seinem Museum.

Begegnung auf Föhr mit dem Museumsstifter, Wissenschaftler, Unternehmer, Abenteurer, Philanthropen und Milliardär Frederik Paulsen.

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29. Juli 2019, 13:01 Uhr

Das schmiedeeiserne Tor ist verschlossen. Mein Blick durch die Ornamente der gut drei Meter hohen Flügeltüren schweift über die gepflegte Allee – bis sie nach gut 50 Metern eine Linkskurve nimmt. Ich weiß, dass nach der Kurve – eingebettet in weitläufige Rebfelder – das Herrenhaus sichtbar ist. Ein Gebäude mit Turm und barocken Giebeln, in dessen sandfarbenen Mauern sich lichte Räume befinden. Eine Bibliothek, Empfangs- und Tagungssäle, Arbeits- und Gästezimmer.

Waalem heißt das Weingut, vor dessen Tor ich stehe. Prof. Dr. Frederik Dag Arfst Paulsen heißt der Mann, der diese Vision verwirklicht hat. Dort, wo man eigentlich keinen Weinbau vermutet: Auf Föhr. Ich bin mit Paulsen verabredet. Nicht wegen des Weinguts, sondern wegen des Museums Kunst der Westküste (MKdW), das in Alkersum, wenige Kilometer von Waalem entfernt, in diesen Tagen sein zehnjähriges Jubiläum feiert. Frederik Paulsen hat es gestiftet und finanziert es jährlich mit gut zwei Millionen Euro.

15 Jahre in Paris und vielen anderen Ländern

Wer ist dieser Mann, der seinen ersten Wohnsitz in der Schweiz hat, in Schweden aufwuchs, 15 Jahre in Paris lebte, der sich in Dänemark, Spanien, Russland oder in Bhutan, der Ukraine und Georgien genauso wohl und heimisch fühlt wie auf Föhr? Wer ist der Mann, der einen, von seinem Vater gegründeten, weltweit agierenden Pharmakonzern überaus erfolgreich weiterentwickelt hat, mit russischen Forschern in über 4000 Meter abtauchte, um den Meeresboden zu erkunden? Der mit Putin ebenso bekannt ist wie mit der Königin von Bhutan oder der von Dänemark. Wer ist der Mann, der Expeditionen zu den Polaren unternimmt oder eine renommierte Kunstsammlung aufbaut und ein mittlerweile bundesweit beachtetes Museum gründete und fördert?

Natürliche Eleganz und Präsenz

Langsam rollt ein großer alter Chevrolet auf mich zu, aus dem mir Frederik Paulsen und seine beiden kleinen Kinder zuwinken. Das Tor zum Weingut öffnet sich. Ich darf in den Chevrolet einsteigen. Eine durch die Kinder sehr muntere, quirlige Stimmung erwartet mich. Frederik Paulsen spricht französisch mit den beiden, deutsch mit mir und als ihn im Auto ein Anruf auf dem Handy zum Abnehmen nötigt, spricht er englisch. Alles perfekt. Der leger, aber auch sommerlich stilvoll gekleidete 68-Jährige ist eine respektable Erscheinung. Groß gewachsen, schlank, irgendwie alterslos, von natürlicher Eleganz und Präsenz.

Interesse für Meer und Küstenlandschaften

Als wir das Herrenhaus betreten, begrüßt uns ein aufrecht stehender Eisbär. Das Präparat strahlt fast etwas Freundliches aus, ein Willkommensgruß aus einer Welt, die Frederik Paulsen fasziniert. Aber dazu erfahre ich später mehr. Auch zu den zwei gewaltigen Stoßzähnen, die auf dem Boden des Konferenzraums liegen „Es sind die Stoßzähne eines Mammuts. Gut 50.000 Jahre alt“, erzählt Frederik Paulsen. Er konnte sie – „ganz legal!“ – in Russland erwerben. Schnell wird klar, ihn fasziniert die Welt, die Entwicklung der Erde, ihre stete Veränderung. Sein Interesse gilt dabei vorzugsweise dem Meer und den Küstenlandschaften.

Man muss sich Frederik Paulsen als einen eher stillen, bescheiden wirkenden Menschen vorstellen, der mit Bedacht antwortet. Chevrolet, Mammutstoßzähne, ausgestopfte Eisbären und ein Weingut auf Föhr (es gebe noch viele andere exotisch wirkende Leidenschaften dieses Mannes zu erwähnen) lassen an einen Exzentriker denken.

Doch Frederik Paulsen ist – das zeigt sich während unseres Gespräches – ein sehr freundlicher, dankbarer, aber auch leidenschaftlich neugieriger Mensch, er sich als sehr erfolgreicher Pharma-Unternehmer (Ferring) erlauben kann, zu forschen, zu entdecken und zu stiften, was ihm interessant, wichtig oder unergründet scheint.

Wir sitzen in der Bibliothek von Waalem. Offensichtlich kostbare antiquarische und bibliophile Exemplare, aber auch aktuelle wissenschaftliche Schriften füllen die dunklen Bücherschränke und Regale. Durch ein großes Fenster mit Blick auf das Weinfeld, illuminiert warmes Sommerlicht den anheimelnd wirkenden Raum. Ein Ort der Kontemplation und des Diskurses oder des Gesprächs.

Herr Paulsen, was hat Sie veranlasst, ein Museum Kunst der Westküste zu gründen?

Mich haben die Künstler der Westküste interessiert, die im Zeitraum von 1830 bis 1930 das Meer und die Küste thematisiert haben, die Landschaften, Menschen und ihre Lebensbedingungen. Aber ich habe keine kunstgeschichtlich konzentrierte Auseinandersetzung damit gefunden. Das wollte ich ändern. Deshalb habe ich mit Kunstexperten aus Norwegen, Dänemark, Deutschland und den Niederlanden eine Sammlung aufgebaut, aus der dann das Museum hier entstehen sollte. Dass wir das realisieren konnten, ist aber auch ein Verdienst der Gemeinde Alkersum, die sich sehr kooperativ gezeigt hat.

Auch Ihr Vater, dessen Eltern Föhrer waren, hat sich bereits mit seiner Ferring-Stiftung sehr für Föhr und die Bewahrung der hiesigen Kultur und ihrer Sprache eingesetzt. Ist das Museum ein weiterer Baustein der Stiftung?

Nein, das Museum gehört nicht zur Stiftung, es ist eigenständig, soll sich auch ganz unabhängig entwickeln können. Hier soll es um die Kunst der Westküste, um die kulturellen-künstlerischen Bezüge, aber auch Eigenheiten der Kunst von Norwegen bis Holland gehen.

Inwieweit nehmen Sie auf die Ausstellungen und Ankäufe des Museums Einfluss?

Gar nicht. Das Museum hat mit Frau Wolff-Thomsen und hatte mit ihrem Vorgänger, dem Gründungsdirektor Thorsten Sadowsky, sehr profilierte Direktoren, die sehr genaue und eigene Vorstellungen von den Ausstellungen hier haben.

Neben den Werken des ausgehenden 19. und des beginnenden 20. Jahrhunderts zeigt das Museum, quasi begleitend, auch Kunst der Gegenwart. Warum?
Zugegeben, dieser Ansatz erschließt sich mir auch nicht so recht, aber das war schon der erklärte Wille des Gründungsdirektors, den ich akzeptiert habe. Meine Leidenschaft ist das nicht, aber es scheint ja die richtige Mischung zu sein.

Die Besucherzahlen sprechen dafür?
Ich denke schon. Wir haben gut 42.000 Besucher im Jahr, die sich in der Regel vom Museum, seiner Architektur, dem Garten und Gasthof und den Ausstellungen begeistert zeigen.

Dennoch müssen Sie das Museum jährlich mit rund zwei Millionen Euro subventionieren. Ist das ein tragfähiges Konzept für die Zukunft?
Nein, es soll und muss sich zukünftig eine neue Gesellschaftsform dafür finden, vielleicht eine Art Beteiligung von Bürgern, die Interesse daran haben, dieses Haus und seine Sammlung zu fördern. Denn natürlich muss ich daran denken, wie das alles weitergehen soll, wenn ich einmal nicht mehr bin.

Wir sprechen über Frederik Paulsen Senior, den Vater des Museumsstifters. Über das Verhältnis zwischen Vater und Sohn, das weniger von Herzlichkeit, dafür aber von sehr nachhaltiger Vermittlung von Bildung und Werten geprägt war.

Paulsen: „Mein Vater war ein Humanist, einer, der nicht seine Person oder ihre Verdienste herausstellte, sondern ein Mensch, der sich sehr zurücknahm und sich vor allem für wissenschaftliche und philosophische Erkenntnisse interessierte. Er hat uns oft bei Tisch lange Vorträge gehalten. Kein Geschwätz, sondern eine Art Vorlesung.“

Hat er von seiner Jugend, seiner kommunistischen Gesinnung erzählt, die ihn schließlich unter den Nazis ins Gefängnis brachte und danach seine Emigration nach Schweden erforderte?
Nein, er hat nie über sich und seine Vergangenheit erzählt, es sollte nicht um seine Person gehen.

Er ging mit knapp 60 Jahren nach Föhr, der Insel seines Vaters, erwarb dort das Haus seiner Mutter und begann die Ferring Stiftung aufzubauen.

Warum?
Weil er hier in Alkersum sehr zurückgezogen und bescheiden für die Stiftung und sein Engagement für die friesische Kultur und Sprache leben wollte. Ein fast mönchisches Leben. Sehr bewundernswert.

Sein Blick führt über die Folianten in der Bibliothek. Wir haben ein wenig Tee getrunken, über all die Orte, Sprachen, Begegnungen, Abenteuer und Pläne gesprochen. Über seine Familie, die fünf Kinder, drei aus der ersten Ehe, die längst erwachsen sind, den Sohn, der gerade in Barcelona geheiratet hat, seine junge ukrainische Frau, die Vielsprachigkeit in der Familie, die Lust auf Expeditionen, auf den steten Austausch mit Forschern, Erfindern, und Abenteurern.

Irgendwann kommt der Moment, als Frederik Paulsen sehr nachdenklich wirkt und fragt, ob man eigentlich sagen soll, welche Initiativen er unterstützt, wieviel Geld er für wissenschaftliche und soziale Projekte ausgibt, wie hoch die Summe ist, die er jährlich ins Museum Kunst der Westküste investiert? Man könnte das missverstehen, als Wichtigtuerei.

Paulsen: „Es würde mich freuen, wenn man es für das nimmt, was es sein soll: ein Engagement für unser soziales und kulturelles Leben, eine Investition in ein friedliches Miteinander. Eines, das den Fortschritt fördert, damit die Welt für alle Menschen ein guter Ort ist. Ich durfte erfolgreich sein in meinem Unternehmen, durfte viel sehen und erleben. Täglich bin ich dankbar dafür und spüre die Verpflichtung, meinen Beitrag für die Allgemeinheit und ihre positiven Entwicklung zu leisten.“

Die Kinder von Frederik Paulsen laufen durch das Gut, haben offensichtlich ihren Spaß an Haus und Hof, freuen sich jetzt, dass in dem alten Chevrolet die Sitzbank im Kofferraum für sie hochgeklappt wird. Wir fahren gemeinsam von Waalem nach Alkersum ins Museum. Dort laufen die Vorbereitungen für die Jubiläumsausstellung auf Hochtouren.

„Da mische ich mich nicht ein“, sagt Frederik Paulsen. Seine Kinder wollen jetzt etwas im Museumsrestaurant, Grethjens Gasthof, essen. Geduldig bespricht er mit den beiden zehn und fünf Jahren alten Geschwistern das Speiseangebot. Seine Frau kommt, man begrüßt sich auf Französisch. Eine ganz normale, lebhafte Familie – werden die Gäste des Gasthofes denken…

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