Mehr Zeit fürs Handy, weniger für Freunde

Tippen statt Klönen: Der Medienkonsum steigt.
Tippen statt Klönen: Der Medienkonsum steigt.

Freizeit-Studie: Medien beherrschen Mußestunden – Sozialkontakte bleiben oft auf der Strecke

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05. September 2018, 19:16 Uhr

Soziale Medien versus soziales Leben: Bei den liebsten Freizeitbeschäftigungen der Deutschen sind Medien die Gewinner der vergangenen fünf Jahre. Sieben bis neun von zehn Aktivitäten in der Freizeit seien heute von Fernsehen, Radio hören, Telefonieren oder Smartphone-Nutzung geprägt, heißt es in der repräsentativen Studie Freizeit-Monitor. Auf der Strecke blieben immer häufiger echte Sozialkontakte – von Besuchen bei Oma bis zum Plausch mit den Nachbarn. Dazu kommt ein Springen von einem Freizeitereignis zum nächsten. Pro Woche sind es heute im Schnitt 23 – vor 20 Jahren waren es erst 12.

Diese Rastlosigkeit zeigt sich schon länger. Und glücklich seien viele mit dieser Entwicklung nicht, sagt Ulrich Reinhardt, wissenschaftlicher Leiter der Untersuchung. Viele wünschten sich in ihren rund 2500 Mußestunden im Jahr mehr Zeit für sich und für andere. Zwischenmenschliche Beziehungen seien wie sozialer Kitt, der das Land zusammenhalte. „Wir müssen aufpassen.“

Der Freizeit-Monitor wird von der Stiftung für Zukunftsfragen erhoben. Dahinter steht das Tabakunternehmen British American Tobacco. Im Juli wurden rund 2000 Bundesbürger ab 14 Jahren gefragt, wie sie ihre freie Zeit verbringen. Seit mehr als 20 Jahren führt das Fernsehen diese Hitliste an. Im Vergleich zu 2013 gibt es aber deutliche Verschiebungen in anderen Bereichen. Eine Auswahl der Hauptergebnisse:

Gewinner Das sind die neuen Medien. Rund die Hälfte der Interviewten nutzt in Mußestunden ein Smartphone – ohne zu telefonieren. Das sind rund 20 Prozentpunkte mehr als vor fünf Jahren. Drei Viertel der Befragten sind in ihrer Freizeit regelmäßig im Internet unterwegs, 2013 war es rund die Hälfte. Mit sozialen Medien beschäftigt sich die Hälfte regelmäßig. Das sind fast 20 Prozentpunkte mehr als zuvor.

Verlierer Pech fürs Buch – weniger als ein Drittel der Bundesbürger (29 Prozent) liest noch regelmäßig darin. Vor fünf Jahren war es noch 35 Prozent. Zeitaufwändigere Hobbys wie Musizieren oder Malen büßten ebenfalls spürbar an Attraktivität ein.

Sozialkontakte Nur noch ein gutes Viertel der Bundesbürger (27 Prozent) spielt regelmäßig mit Kindern. 2013 war es fast ein Drittel (31 Prozent). Auch Großeltern und Enkel sehen sich seltener. Nachbarschaftshilfe ebbt ab. Stark ging auch die Gepflogenheit zurück, sich mit Freunden zu Hause zu treffen – von 24 auf 17 Prozent.

Trends Konjunktur hat aus Sicht Reinhardts das sogenannte Freizeit-Hopping, getrieben von der Sorge, etwas zu verpassen oder sich zu langweilen. „Muße und Ruhe weichen immer deutlicher einem Freizeitstress.“ So dauerten Freizeit-Aktivitäten im Schnitt kaum noch länger als zwei Stunden. Immer seltener werde eine einzelne Sache zu einer Zeit gemacht. Fernsehschauen, telefonieren, auf dem Smartphone daddeln, essen, bügeln – das alles passiere heute eher gleichzeitig.

Der Verführung durch Medien sei schwer zu widerstehen. „In sozialen Medien geht es um Selbstdarstellung. Bei Events sind viele Selfies wichtig“, ergänzt der Forscher. Die Selbstinszenierung nehme heute in der Freizeit einen festen Platz und deutlich mehr Raum ein als früher.

Alltagspflichten Die Erholung von und für die Arbeit war über Jahrhunderte Hauptzweck der Freizeit. Heute wird dieses Zeitbudget immer häufiger angefressen, zum größten Teil durch Einkaufen und Hausarbeit – vor allem bei Frauen.

Fast ein Fünftel der Befragten nennt inzwischen aber auch Weiterbildung und Engagement für den Job. Hier sind es häufiger Männer.

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