Landeseigenes Internat zu teuer: Bootsbau-Azubis müssen campen

DGB fordert schnelle Lösung / Schrecken auch Verhaltensregeln der Unterkunft die Lehrlinge ab?

Margret Kiosz von
04. Dezember 2020, 22:40 Uhr

Travemünde | „Im Winter geht es noch“, meint die 26-jährige Hanna. „Da können wir uns zu viert für 52 Euro pro Person und Woche ein Ferienhaus mieten – ganz luxuriös mit Whirlpool“. Ab Ostern sei das aber vorbei, „dann beginnt die Saison und es wird richtig teuer“. Dann übernachten viele Bootsbaulehrlinge während des vierwöchigen Berufsschulblocks auf dem Priwall (Travemünde) im Zelt oder im Campingwagen. Die Kosten für die Unterbringung samt Verpflegung im landeseigenen Internat (357 Euro ) seien bei einer Ausbildungsvergütung von maximal 518 Euro pro Monat im 1. Ausbildungsjahr einfach zu hoch. „Das können wir uns nicht leisten, denn die Mietkosten am Wohnort laufen in der Zeit weiter“. Hanna findet es ungerecht, „dass uns Bildung so schwer gemacht wird“. Sie liebe ihren Beruf, aber die ständigen Geldsorgen wegen der Berufsschulwochen seien belastend.

Die Gewerkschaften fahren deshalb jetzt schweres Geschütz gegen das Land auf. „In 14 von 16 Bundesländern ist das geregelt, nur nicht in Bremen und Schleswig-Holstein“, beklagt gestern DGB-Nord-Chef Uwe Polkaehn. Die kleinen Handwerksbetriebe, eigentlich zuständig für die Kostenübernahme, seien überfordert und weigerten sich zu zahlen, obwohl ihnen wegen des Fachkräftemangels an Nachwuchs gelegen sei. Die Landesregierung sei gut beraten, hier einzuspringen: „Anstatt in Corona-Zeiten den Leerstand der Ferienwohnungen zu finanzieren, kann man da die Azubis unterbringen.“

In Kiel regierten die Ministerien gestern verärgert. „Es ist bereits seit längerem ein Gespräch für den 14. Dezember zu diesem Thema mit IG Metall, Handwerkskammer Lübeck und Wirtschaftsstaatssekretär Rohlfs verabredet“, hieß es. Das Land prüfe aktuell, ob im kommenden Jahr aus dem Corona-Nothilfe-Topf des Landes Geld für die Fahrt- und Unterbringungskosten für Auszubildende fließen könne. „Offenbar geht es Herr Polkaehn mehr um das öffentliche Tamtam, als um eine Lösung in der Sache“, so Staatssekretär Thilo Rohlfs.

Erstaunlich ist zudem, dass Polkaehn sich nur für Bootsbau-Azubis stark macht. Offensichtlich ist ihm unbekannt, dass auch Augenoptiker, Orthopädie- und Maßschuhmacher, Glaser, Mechatroniker für Kältetechnik und zum Beispiel Raumausstatter wegen der geringen Zahl der Auszubildenden landesweit in Zentralklassen zusammengezogen werden. Sie alle profitierten übrigens von den neuen Jobtickets, die auch Azubis in Anspruch nehmen können und die eine Entlastung bei den Fahrtkosten bringen. Insider beobachte zudem auf dem Priwall noch einen andere Entwicklung. Die Nutzung der 430 Betten im landeseigenen Internat (coronabedingt jetzt 270 Betten) wird teilweise von den Azubis gemieden, weil sie sich nicht mehr den Regeln des Hauses – Alkoholverbot im Gebäude und auf dem gesamten Gelände sowie Ruhezeiten – unterwerfen wollten.

In wieweit der Staat hier präferierte Unterbringungsmöglichkeiten zum Beispiel in Ferienwohnungen anteilig aus Steuermitteln finanzieren muss, wird Gegenstand der Verhandlungen Mitte Dezember sein, auf die Polkaehn offenbar nicht warten wollte. Gerade Bootsbauer-Lehrlinge – so die Beobachtung von Insidern – meiden das Gästehaus, weil sie die Verhaltensvorgaben der Einrichtung nicht akzeptieren wollten.

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