Corona-Krise in der Kultur : Künstler fühlen sich vom Staat im Stich gelassen

Die Hilfen für die Kulturszene sind von Bundesland zu Bundesland sehr verschieden.

Die Hilfen für die Kulturszene sind von Bundesland zu Bundesland sehr verschieden.

Die Kulturszene kritisiert die Soforthilfen des Landes SH. Hamburg zahlt mehr Geld. Viele Künstler sind ernüchtert.

Avatar_shz von
08. April 2020, 09:41 Uhr

Kiel/Hamburg | Als vor rund zwei Wochen die Bundesregierung ein Soforthilfe-Programm für Freiberufler auflegte, das waren die Hoffnungen in der Kulturszene groß. Solo-Selbstständige bekommen bis zu 9000 Euro, um ihre Einnahme-Ausfälle durch die Corona-Krise zu kompensieren.

Doch die Ernüchterung setzte schnell ein. Denn bei Künstlern und Kulturschaffenden kommt von dem Geld kaum etwas an. Der Haken: Die Soforthilfe des Bundes deckt nur Betriebskosten wie etwa Raummieten, Leasingverträge und -kosten für Beraterhonorare. In den sozialen Netzwerken schlagen Freiberufler Alarm.

Geld fehlt auch für private Ausgaben

„Wir fallen durchs Raster“, beschreibt der Flensburger Kontrabassist Finn Strothmann die Situation. „Weil keine Veranstaltungen stattfinden, muss ich nirgendwo hinfahren, keine Flyer drucken oder sonstige Werbung machen.“ Wofür er jetzt wirklich Geld bräuchte, sagt er, das seien die privaten Ausgaben für Miete, Essen und Strom.

Finn Strothmann (36) ist Kontrabassist in mehreren Bands in Schleswig-Holstein.
Privat
Finn Strothmann (36) ist Kontrabassist in mehreren Bands in Schleswig-Holstein.
 

Was Künstler wie Strothmann besonders ärgert: Andere Bundesländer haben ihre Corona-Hilfen anders geregelt als Schleswig-Holstein. So zahlt Hamburg jedem Solo-Selbstständigen, der entsprechende Einnahme-Ausfälle geltend machen kann, pauschal 2500 Euro.

Mehr Hilfe in anderen Bundesländern

In Mecklenburg-Vorpommern hat die Landesregierung gestern angekündigt, dass freischaffende Künstler, die durch Absagen von Engagements in Existenznot geraten sind, ein Überbrückungsstipendium von 2000 Euro erhalten können.

Da fühlt man sich in Schleswig-Holstein schon als Bürger zweiter Klasse. Finn Strothmann, Flensburger Kontrabassist.
 

Hier gibt es bislang lediglich den Fonds „#Kulturhilfe SH“, den der Landeskulturverband zunächst mit Spendengeldern ins Leben gerufen hatte und in den das Land inzwischen zwei Millionen Euro eingezahlt hat. Antragsteller erhalten hier einmalig 500 Euro. Wenn nach einer ersten Ausschüttungsrunde noch Geld übrig ist, könnte es noch einmal dieselbe Summe geben.

Weiterlesen: Mehr als eine Million Euro an Soforthilfen ausgezahlt

„Das ist sicher besser als gar nichts – aber wirkliche Hilfe sieht anders aus“, findet Strothmann. Auf Kulturministerin Karin Prien ist er nicht gut zu sprechen. Sie hatte am Wochenende in einem Interview mit unserer Zeitung erklärt, sie sehe die subjektiven Schwierigkeiten vieler Solo-Selbstständiger, die nur geringe Betriebskosten geltend machen können, eine Soforthilfe könne aber keine Grundsicherung ersetzen.

Ich kann dazu nur sagen, dass sie sich mit der Realität befassen muss. Es handelt sich nicht um subjektive Schwierigkeiten einzelner, sondern um eine breite Masse, die mit den gebotenen Hilfen nichts anfangen kann. Finn Strothmann, Flensburger Kontrabassist.
 

Grundsicherung – das heißt Hartz IV. „Das kann nicht die Lösung sein“, findet Strothmann. Wer einmal mit diesem System in Kontakt war, der wisse, welche Probleme dann folgen – zum Beispiel, weil das Jobcenter die wenigen noch verbliebenen Einnahmen als Zuverdienst anrechnet.

Gefühle der Ungerechtigkeit

Guido Froese, der Vorsitzende des Landeskulturverbands, kennt das Problem und hofft noch auf eine bundesweite Lösung. Derzeit versuche man auf zahlreichen Ebenen zu erreichen, dass die Soforthilfe des Bundes auch zur Deckung des Lebensunterhalts ausgezahlt werden kann. In einzelnen Bundesländern ist das zu Beginn sogar schon so gehandhabt worden – bis dann alle auf die jetzt geltende restriktive Linie eingeschworen wurden. Das verstärkt noch das Gefühl der Ungerechtigkeit.

Weiterlesen: Unternehmensverband Nord befürchtet trotz Corona-Hilfen Verwerfungen

Hinzu kommt, dass in manchen Bundesländern die zusätzlichen Landeshilfen nach wenigen Tagen aufgebraucht waren. „Einige haben also im selben Bundesland 5000 Euro erhalten und andere gar nichts“, sagt Strothmann. „Es kommt mir vor wie eine Lotterie und wirkt zutiefst unseriös.“

Hartz IV keine Option

Der Kontrabassist selbst lebt jetzt vom Geld, das seine Frau verdient – und von Unterrichtsstunden, die er nun online erteilt. Hartz IV beantragen will er nicht. „Ich bin ja nicht arbeitslos, sondern habe quasi über Nacht ein Berufsverbot erhalten. “

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen