Kreuth gibt es nur einmal

Franz Josef Strauß war bislang der einzige, der die Fraktionsgemeinschaft von CDU und CSU sprengte.
Franz Josef Strauß war bislang der einzige, der die Fraktionsgemeinschaft von CDU und CSU sprengte.

Warum CDU und CSU aufeinander angewiesen sind

Kay Müller von
16. Juni 2018, 15:51 Uhr

„Der CSU-Chef schlägt um sich.“ So lautet der erste Satz der Titelgeschichte des Nachrichtenmagazins Spiegel. „Der vom Führer der Christsozialen provozierte Bruch zwischen den Unionsparteien ist nicht mehr zu kitten“, heißt es da. Das wirkt zeitgemäß, allerdings ist die Ausgabe bereits über 40 Jahre alt, und mit dem CSU-Vorsitzenden ist nicht etwa Horst Seehofer gemeint, sondern Franz Josef Strauß, der im November 1976 die Fraktionsgemeinschaft mit der CDU mit dem Beschluss von Wildbad Kreuth kurzfristig aufgekündigte.

Glaubt man einigen Beobachtern in Berlin, könnte sich die Geschichte in diesen Tagen wiederholen, weil sich die CDU unter Angela Merkel und die Seehofer-CSU derart über die Flüchtlingsfrage entzweit haben, dass sich die Parteien möglicherweise wieder trennen. Doch droht der Union wirklich ein neues Kreuth?

Auf den ersten Blick sind die Parallelen offenkundig. Die handelnden Personen sind sich in herzhafter Ablehnung verbunden: Die damaligen Parteivorsitzenden Helmut Kohl und Franz Josef Strauß genauso wie Seehofer und Merkel heute. Der starke Mann aus Bayern fühlt sich in der Bundeshauptstadt nicht genug wertgeschätzt. Es geht um die Meinungsführerschaft und schlicht – wie immer in der Politik – um Macht und Einfluss.

Allerdings geht es damals wie heute auch um eine taktische Frage: Ist es strategisch günstiger für die Union, wenn sich die CSU in allen Bundesländern ausbreitet? Die CDU könnte weiter nach links rücken, die CSU dafür sorgen, dass es am rechten Rand keine Partei gibt, die sich dauerhaft in den deutschen Parlamenten etabliert. Dieser Gedanke dürfte heute im Zeichen eines sich weiter ausdifferenzierenden Parteiensystems noch wichtiger sein als in der kleinen Drei-Parteien-Welt der alten Bundesrepublik von 1976.

Doch bei allen Parallelen: Damals wie heute greifen die gleichen Mechanismen, die eine dauerhafte Trennung verhindern.

Zwar gab es in den 70er-Jahren auch sachpolitische Differenzen zwischen den Unions-Schwestern, die persönlichen Rivalitäten waren aber weitaus ausgeprägter und damit schwieriger zu überbrücken.

Und 1976 dominierte der CSU-Vorsitzende seine Partei noch wesentlich deutlicher als heute. Strauß war damals 61 Jahre alt und wusste, dass er die letzte Chance auf die Erfüllung seines Lebenstraums in den nächsten Jahren ergreifen musste. Schon immer hielt er sich für den geborenen Bundeskanzler. Er wusste, dass er den CDU-Vorsitzenden Helmut Kohl, den er für unfähig hielt, dafür in die Schranken weisen musste. Strauß’ persönlichen Plänen sollte sich die CSU unterordnen. Folge ihm die Partei nicht, drohte Strauß, eine eigene politische Organisation außerhalb Bayerns zu gründen. Zitat: „Wer nicht mit mir geht, wird sein Mandat mit dem Fernrohr suchen können.“

Obwohl der Parteichef damals ungleich mächtiger war als heute, fing ihn die mittlere und untere Führungselite der CSU ein. Schon kurz nach dem Trennungsbeschluss gab es massive Unruhe in den damals noch sehr mächtigen Bezirksverbänden. Stadträte traten reihenweise aus Protest aus der CSU aus, Landtagsabgeordnete stellten sich gar offen gegen Strauß. Sie fürchteten um das eigenständige Profil der CSU – um die kulturelle Dominanz im politischen Vorfeld und damit einfach um alle Besonderheiten, die der Partei damals bereits seit fast 15 Jahren die absolute Mehrheit in Bayern mit Rekordwahlergebnissen von über 60 Prozent beschert hatten.

Heute liegt das Machtzentrum der CSU noch stärker als damals in der Landtagsfraktion. Dort sitzen viele Kreisvorsitzende, die das politische und organisatorische Rückgrat der Partei bilden. Sie werden nie akzeptieren, dass sie durch eine Spaltung ihre Posten und – noch wichtiger – ihre Mandate riskieren. Vor der anstehenden Landtagswahl ist ihnen ein von der CDU unabhängiges, eigenes Profil sicher recht – aber nichts können sie mehr gebrauchen als eine formale Trennung. Das würde ihre Wähler an den politischen Rändern reihenweise in die Arme der Freien Wähler oder der AfD, viele andere in die Nichtwahl treiben. Selbst Seehofer kann das nicht wollen, auch wenn das seinen ungeliebten Nachfolger das Amt des Ministerpräsidenten kosten könnte.

Am Ende gab Strauß 1976 ja auch klein bei und erneuerte die Fraktionsgemeinschaft mit der CDU. Zwar verlor er 1980 als Kanzlerkandidat die Bundestagswahl, aber bei der Landtagswahl zwei Jahre zuvor hatte er bei leichten Verlusten die absolute Mehrheit der CSU verteidigt. Wenn das die Parallele aus den heutigen Querelen zu Kreuth 1976 sein sollte – dann würde das den meisten in der CSU wohl schon reichen.

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