Kieler Christian-Albrechts-Universität : Konferenz zum Thema Klimawandel: „Es droht eine anarchische Welt“

Warnung vor den Folgen der  Erderwärmung:  Michel Bourban (von links), Jule Olbricht und  Christian Baatz  haben  die internationale Konferenz  an der Kieler Universität ins Leben gerufen.

Warnung vor den Folgen der  Erderwärmung:  Michel Bourban (von links), Jule Olbricht und  Christian Baatz  haben die internationale Konferenz an der Kieler Universität ins Leben gerufen.

Wer soll gerettet werden? – Der Klimawandel beschert dem Westen das „Titanic“-Dilemma.

shz.de von
14. März 2019, 20:18 Uhr

Die Gletscher und die Polkappen schmelzen, die Stürme werden heftiger, die Wasservorräte schwinden. Der globale Klimawandel ist in vollem Gange, die Erde erwärmt sich.

An diesem Szenario hat auch Dr. Christian Baatz, Dozent am Philosophischen Seminar der Kieler Christian-Albrechts-Universität (CAU), keinerlei Zweifel. Er weiß aber auch: Es gibt nicht annähernd genug Geld, um die Anpassung an den steigenden Meeresspiegel zu bezahlen. Die Philosophen stellen folglich die uralte Frage nach der Gerechtigkeit: Wer wird gerettet? Und wer wird seinem traurigen Schicksal überlassen?

Heftige Winterstürme an der US-Westküste setzten Ende Februar mehrere Ortschaften in Nordkalifornien unter Wasser. Auf dem Foto:  Guerneville am Russian River.
Josh Edelson/ AP/dpa

Heftige Winterstürme an der US-Westküste setzten Ende Februar mehrere Ortschaften in Nordkalifornien unter Wasser. Auf dem Foto:  Guerneville am Russian River.


Flüchtlingsströme durch Klimawandel

Gemeinsam mit Jule Olbricht und Michel Bourban hat Baatz in Kiel jüngst eine internationale Konferenz abgehalten, auf der es – im globalen Maßstab – um das klassische „Titanic“-Dilemma ging: Wer erhält einen Platz im Rettungsboot, wenn das Schiff sinkt? Wobei es für die Bewohner der flachen Atoll-Länder gar keine Alternative gibt. „Sie müssen emigrieren, oder sie ertrinken“, erklärt Baatz – und verweist im gleichen Atemzug auf den Folge-Aspekt: Wer ist bereit, diese vom Untergang bedrohten Menschen aufzunehmen?

Nicht nur in Afrika, auch in Europa sind Menschen durch klimabedingte Krankheiten gefährdet.
dpa
Nicht nur in Afrika, auch in Europa sind Menschen durch klimabedingte Krankheiten gefährdet. Foto: dpa
 

Andere Situation im Inselstaat Fidschi

Anders ist die Situation etwa im Inselstaat Fidschi. Wegen der hohen Berge ist kein Untergang zu befürchten. Es müssen aber wohl Hafenstädte verlagert werden. Eine der zentralen Kongressfragen lautete deshalb: Wer bezahlt die neue Infrastruktur?

Norddeutschland wird Klimawandel kräftig zu spüren bekommen

Norddeutschland mit seiner Halligwelt und die Niederlande werden den steigenden Meeresspiegel ebenfalls kräftig zu spüren bekommen, sie müssen die Deiche erhöhen. Das ist teuer, aber kein Vergleich zu den Kosten, die das asiatische Küstenland Bangla Desh schultern müsste.

Der Klimawandel bürdet Unbeteiligten Kosten und Risiken auf. Sind wir moralisch nicht zur Hilfe verpflichtet?, fragten sich die Kongressteilnehmer, zu denen auch Juristen, Ökonomen, Geografen und Soziologen gehörten. Baatz legt nach: Wer verwaltet diese Zahlungen? Zeigen die Beispiele vergangener Jahre denn nicht, dass die Finanzhilfe nach Erdbeben oder Cholera-Epidemie häufig in den Taschen der regierenden Clique versickert?

Wir Philosophen glauben nicht, dass es gut geht. Dr. Christian Baatz, Dozent am Philosophischen Seminar der Kieler Christian-Albrechts-Universität (CAU)
 

Überhaupt ist der demokratische Anspruch vermutlich schwer durchzuhalten. „Wir Philosophen glauben nicht, dass es gut geht“, zeigt sich Baatz skeptisch, dass die Menschheit die weltweite Herausforderung Klimawandel friedlich meistern wird. Für ihn sind bereits heutige Konflikte wie der Syrien-Krieg teilweise vom Kampf ums Wasser geprägt, das dürfte sich in der Zukunft noch verschärfen. „Die Frage ist nur, wie schlimm es wird.“

Horrende Summen in Aussicht

Dass der Golfstrom, wie einige Wissenschaftler befürchten, versiegen und Europa im scheinbaren Widerspruch zur Erderwärmung zur Kaltzone werden könnte, ist nur ein weiterer Aspekt. Sicher ist, dass die Anpassung horrende Summen kosten wird. Fachleute schätzen, dass jährlich 125 Milliarden Dollar nötig sein werden, um den Wandel zu flankieren.

Hochwasser und Hitzewellen verändern eben auch die Vegetation. Der gesamte Mittelmeerraum könnte zur menschenfeindlichen Wüste werden, der Migrationsdruck wäre riesig.

Flüchtlingsdebatte gefährdet politische Balance

Schon heute aber gefährdet die Debatte um den Strom der Flüchtlinge die politische Balance in vielen Ländern. Ungarn und Polen, Griechenland und Italien, nicht zu vergessen die USA, setzten mehr und mehr auf den Isolationismus. Sie schotten sich ab, wollen ihre Grenzen gegenüber den Fremden schließen.

Klima der Kreidezeit bei vier Grad plus

Zwei Grad weltweiter Temperaturanstieg – das wäre für Baatz und seine Kieler Mit-Organisatoren „für viele Menschen schlecht, aber noch keine globale Katastrophe“. Bei 4 Grad plus würde das Szenario der Zukunft aber ganz anders aussehen. „In solch einer Welt hat der Homo sapiens noch nie gelebt, es wäre das Klima der Kreidezeit mit ihren Dinosauriern“, sagt Baatz. Die Folge: Überall würden Verteilungskämpfe ausbrechen, es droht nach seinen Worten eine „anarchische und ungerechte Welt“. Auch Deutschland wäre mit Sicherheit in die fälligen militärischen Konflikte eingebunden.

Was bleibt nach dem Kongress in Kiel? Zuallererst und unverändert der dramatische Appell an die Menschheit und ihre Politiker, die Treibhausgase zu verringern. Denn: „Jedes Zehntelgrad Erwärmung ist zu viel für unsere Erde.“

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