Marschbahn-Ausbau : Kein Platz hier: Bürger in Tinnum sind gegen zweites Gleis nach Sylt

Nur ein Zaun und Sträucher trennen das Grundstück der Familie Mordhorst von der vielbefahrenen Bahnlinie zwischen Keitum und Westerland/Sylt.
Nur ein Zaun und Sträucher trennen das Grundstück der Familie Mordhorst von der vielbefahrenen Bahnlinie zwischen Keitum und Westerland/Sylt.

Tinnum ist wie kein anderer Ort auf Sylt vom Bahnverkehr betroffen. Anwohner sind gegen einen zweigleisigen Ausbau.

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03. Dezember 2018, 21:17 Uhr

Sylt | Am lautesten sind die blauen Autozüge, dann kommen die roten zweistöckigen und zum Schluss die blau-weißen Personenzüge. Patricia Lytton-Mordhorst kann es beurteilen, die Züge rauschen direkt hinter ihrem Garten vorbei. Alle zehn bis fünfzehn Minuten vibriert es in ihrem Haus an der Tinnumer Bahnstraße. „Wenn hier ein zweites Gleis gebaut wird, kommen wir überhaupt nicht mehr zur Ruhe.“

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Was Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) am 6. November in Berlin verkündet hat, überraschte die Tinnumerin und ihren Ehemann Volker Mordhorst (60). Dass der Abschnitt auf dem Festland zwischen Klanxbüll und Niebüll ein zweites Gleis erhalten sollte, ist ja eine alte Forderung der Sylter und der Pendler. Aber ein zweites Gleis auf der Insel – das hatte niemand ernsthaft gefordert, der die engen Verhältnisse in Tinnum kennt.

Wo soll denn hier nur ein zweites Gleis hin? Patricia Lytton-Mordhorst
 

Ein Blick über den Gartenzaun und die Sträucher an der Grundstücksgrenze macht die Enge deutlich. „Wo soll denn hier nur ein zweites Gleis hin?“, fragt Patricia Lytton-Mordhorst, und streichelt ihren Hund Cobber. „Wenn das wahr wird, verkaufen wir unser Haus und ziehen von der Insel weg.“ Dabei lebt die 74-Jährige gerne in dem Dorf, das wohl den größten Anteil an „normalen Bewohnern“ auf Sylt hat. Die meisten Tinnumer wohnen dauerhaft in ihrem Ort, der Anteil an Zweitwohnungsbesitzern ist geringer. „Exklusives Wohnen unter Reet“, wie es auf Sylt auf vielen Baustellenschildern angepriesen wird, ist hier eher selten. Doch die Tinnumer Immobilienpreise ziehen an, jüngst knackte ein großes Grundstück mit einem älteren Haus die Millionengrenze.

Anschrift „Bahnstraße“ verschreckt Urlaubsgäste

Das Haus verkaufen und wegziehen, das wäre für die Mordhorsts eigentlich undenkbar. Ehemann Volker Mordhorst ist auf der Insel geboren, sein Vater wuchs in dem Keitumer Haus auf, in dem heute das Sylter Heimatmuseum seinen Platz hat. Patricia Lytton-Mordhorst und ihr Ehemann leben seit 20 Jahren in der Tinnumer Bahnstraße, die Reichspräsident Paul von Hindenburg am 1. Juni 1927 eingeweiht hat. Eigentlich stammt die Tinnumerin aus der mittelenglischen Grafschaft Leicestershire, ist aber mit drei Jahren mit ihren Eltern nach Australien gezogen, mit ihrem ersten Mann ging sie nach Deutschland. Mit Volker Mordhorst kam sie 1968 nach Sylt.

Während Volker Mordhorst bei der Gemeinde tätig ist, kümmert sich Patricia Lytton-Mordhorst vor allem um die Feriengäste, die sich in den beiden Appartements des Hauses einmieten. „Googes Wiil“ heißt ihr Feriendomizil, was auf Sylter Friesisch so viel bedeutet wie „Opas Ruhestätte“. Mit privaten Zimmervermietern ist der Tourismus auf Sylt großgeworden. Die Mordhorsts haben viele Stammgäste, die die Gemütlichkeit unter dem Dach und den Garten zu schätzen wissen. Allerdings passiert es Patricia Lytton-Mordhorst auch, dass Interessenten am Telefon die Adresse „Bahnstraße“ nicht gefällt. „Einige legen einfach auf.“

Weckdienst auf Schienen

Im Sommer sei es besonders schlimm: „Wenn alle Fenster geöffnet sind, wird man morgens um 5 Uhr vom ersten Autozug geweckt.“ Für Patricia Lytton-Mordhorst und ihren Ehemann kein Problem, sie sind Frühaufsteher. Doch am Wochenende würden sie gern mal etwas länger schlafen.

Zur Saison fährt alle zehn bis 15 Minuten ein Zug am Haus vorbei. Der Bremsstaub sorgt für schmutzige Gartenmöbel, kleine Metallpartikel hinterlassen braunen Rost. „Bei einer Vollbremsung stinkt es geradezu – das ist bestimmt nicht gut für die Gesundheit.“ Etwa die Hälfte der vorbeifahrenden Züge sind Autotransporte – die roten Syltshuttles der Deutschen Bahn und die blauen Autozüge von RDC. In den 90er Jahren wurden die zweistöckigen Waggons der DB eingeführt und brachten etwas weniger Lärm für die Anwohner. Die Flachwagen der privaten DB-Konkurrenz seien nun wieder genauso laut wie die Flachwagen, die die Deutsche Bahn früher auf den Weg über den Hindenburgdamm schickte.

„Ich finde, die Insel ist ausgereizt,“ sagt Patricia Lytton-Mordhorst. Im Sommer sei es durch den starken Autoverkehr kaum noch möglich, sonnabends zum Einkaufen zu den Supermärkten zu gelangen. „Warum verlegt man die Autoverladung nicht nach draußen?“, fragt sie. Platz wäre im Sylter Osten genug, irgendwo zwischen Morsum und Keitum.

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