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Jahrhundert-Übung am Hindenburgdamm

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

600 Rettungskräfte inszenierten in der Nacht zu gestern auf der Zugstrecke nach Sylt das größte Rettungs-Szenario, das es je in Schleswig-Holstein gab

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erstellt am 02.Sep.2013 | 00:31 Uhr

Sylter Einsatzkräfte rauschen gegen zwei Uhr nachts an brüllenden Menschen und dem käsigen Mann mit dem blutigen Armstumpf vorbei. Ein verunglückter Zug auf dem Hindenburgdamm zwei Kilometer vor Sylt, 83 teils schwer verletzte Passagiere und ein Heer von Einsatzkräften, das sich mitten in der Nacht absprechen und die Bergungsarbeiten zügig beenden muss. Es ist die größte Übung dieser Art in der Geschichte Schleswig-Holsteins, teilt der Kreis Nordfriesland mit. Zwei Jahre Planung und ein minutiös ausgearbeiteter Rettungsplan stecken in der Vorbereitung.

Dass diese Planung sinnvoll war, haben die gut 600 Beteiligten an der „Jahrhundert-Übung Hindenburgdamm“ in der Nacht zu gestern hinlänglich bewiesen. Einer von vielen Beweisen: Die Entscheidung der Sylter Einsatzkräfte, erst einmal an den schreienden Verletzten vorbei zu fahren, um auf dem Dammweg Platz für weitere Rettungsfahrzeuge zu lassen. Als blau-weiß blinkender Tross war schon von Weitem zu sehen, wie sich die Wagen mit Tempo 30 auf dem wenige Meter breiten Pfad unterhalb der Dammkrone näherten.

Als die Sylter Einsatzkräfte sich im 600 Meter langen Zug einen ersten Überblick über die Lage verschaffen, ist der ihnen sich bietende Anblick gruselig: Unter Sitzbänken, eingeschlossen in Toiletten, schreiend in den Gängen, apathisch zusammengesackt auf den Sitzen oder blutend vor dem Zug bieten die erstaunlich echt geschminkten, schauspielerisch talentierten 83 Komparsen vom DRK und schleswig-holsteinischen Feuerwehren den Einsatzkräften einen Albtraum. Trotzdem: Hektisch wird es höchstens kurzzeitig – „Wann kommt denn endlich ’ne Trage?“ –, beeindruckend konzentriert arbeiten sich Feuerwehr und DRK durch den Zug, sondieren die Schwere der Verletzungen, bauen provisorische Treppen an den Wagentüren und schleppen die Komparsen über die rutschige Rasenschräge.

Dann wartet die nächste Herausforderung: Der Abtransport der Verletzten in Kooperation mit den Einsatzkräften aus Niebüll und Umgebung, die nach dem Notruf der Schaffnerin mit Sirenengeheul alarmiert wurden und auf dem Festland kurz vor dem Damm parat stehen.

Genau diese Koordinationsleistung zwischen den Einsatzkräften zu prüfen, war einer der Gründe für die geschätzt 200 000 Euro teure Übung. „Wir wollen die Schwachstellen des 2011 vorgestellten Rettungskonzepts für den Hindenburgdamm erkennen, um für den Ernstfall gerüstet zu sein“, sagte Christian Wehr, Fachdienstleiter für Brand-, Katastrophenschutz und Rettungsdienst im Kreis Nordfriesland und organisatorischer Leiter der Aktion. Auch wenn es für die Übungsleitung ein „Drehbuch“ gebe: „Wie die Rettungskräfte auf dem Damm agieren werden, wissen wir nicht. Das ist dann alles freies Spiel der Kräfte.“ Dieses „Spiel“ funktioniert auch im nächsten Abschnitt der Übung:

Da Verletzte auf der mit Einsatzfahrzeugen voll geparkten „Einbahnstraße Hindenburgdamm“ schwerlich per Wagen abtransportiert werden können, soll im Falle einer Katastrophe wie diesem Bahnunglücks-Szenario ein Zug der Deutschen Bahn oder NOB in Niebüll mit Rettungskräften besetzt werden. Dieser medizinische Rettungszug fährt auch während der Übung auf dem zweiten, freien Gleis an den Unglücksort heran. Nach etwas verzögerten Absprachen zwischen Sylter- und Festlandsleitung werden die Verletzten über Bahnschwellen und Schotter von Zug zu Zug verfrachtet. „Hier ist das Zeitfenster eng“, erläutert Wehr, „50 Minuten während der Übung, damit der Damm rechtzeitig für den ersten Zug nach Westerland frei ist. Und in Realität wäre es auch nicht viel größer.“ Dass seine Einsatzkräfte dies nicht ganz schaffen, ändert an seinem vorläufigem Fazit trotzdem nichts: „Ausgesprochen positiv.“

Kaum sind alle Verletzten teils in den Rettungszug gebracht, teils auf Tragen über mehrere Sitzreihen gelegt, setzt sich die NOB Richtung Autozug-Terminal Niebüll in Bewegung. Zwei Komparsen sind nicht mehr an Bord, sie verkraften die Wärme im Zug nicht und müssen mit Kreislaufproblemen in die Nordseeklinik auf Sylt gefahren werden.

In Niebüll haben Einsatzkräfte aus Nordfriesland und Umgebung mit mehreren Zelten einen Behandlungsplatz aufgebaut, von dem aus die Verletzten in die umliegenden Kliniken verteilt werden – dann ist sie vorbei, die größte Rettungsübung Schleswig-Holsteins. „Das Konzept greift“, ist sich Wehr anschließend sicher. Ein umfassendes Fazit soll allerdings erst in den kommenden Wochen gezogen werden, wenn die Übung komplett ausgewertet worden ist.

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