„Imkern ist das neue Yoga“

Wer sich Bienen hält, muss das melden.
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Wer sich Bienen hält, muss das melden.

Immer mehr Menschen halten sich Bienenvölker – ein Ende des Bienensterbens bedeutet das leider nicht.

shz.de von
12. Mai 2018, 20:32 Uhr

Anke Last ist seit elf Jahren Vorsitzende des Landesverbands Schleswig-Holsteinischer und Hamburger Imker mit rund 3100 Mitgliedern. Die 70-Jährige ist ausgebildete Imkerin und hat über 50 Jahre Erfahrung mit Bienenhaltung. Sie lebt in Eckhorst bei Lübeck.

Frau Last, die Zahl der Honigbienenvölker hat sich in Schleswig-Holstein nach Angaben Ihres Verbands zwischen 2010 und 2017 von knapp 21 000 auf über 25 000 erhöht. Ist das das Ende des Bienensterbens?
Nein. Wir müssen zwischen den Wild- und den Honigbienen unterscheiden. Zwar haben beide große Probleme, weil sie aufgrund unseres einseitigen Pflanzenanbaus keine Nahrung mehr finden. Und auch die Verwendung von Pestiziden in der Landwirtschaft macht ihnen zu schaffen. Bei der Wildbiene, von der es rund 560 Arten in Deutschland gibt, kommt jedoch hinzu, dass sie wegen der Versiegelung der Flächen keine Nistmöglichkeiten mehr findet. Sie ist daher noch stärker gefährdet als die Honigbiene.

Und die Imker sind nicht in der Lage, dieses Wildbienensterben auszugleichen?
Auf keinen Fall, weil die Wildbiene zum Teil ganz andere Arten bestäubt als die Honigbiene. Ihre Bestäubungsleistung ist wesentlich höher. Außerdem fliegt sie schon bei kälteren Temperaturen raus als die Honigbiene und sorgt so für die Bestäubung der Frühblüher. Dennoch trägt natürlich auch die Honigbiene ihren Teil zur Bestäubung bei. Beide Arten ergänzen und brauchen sich.

Imkern liegt bundesweit im Trend, auch die Mitgliederzahl Ihres Verbands ist in den vergangenen Jahren stetig angestiegen. Woran liegt das?
Alles Negative hat auch etwas Positives. Das Bienensterben hat die Leute aufgeweckt. Viele haben sich gesagt: Wir müssen der Natur etwas Gutes tun und Imker werden. Das Interesse ist vor allem unter Frauen sehr stark. Im Gegensatz zu früher, als noch Wachs- und Honigproduktion im Vordergrund standen, sind die meisten Imker heute Freizeitimker. Maximal ein Prozent unserer Mitglieder imkert noch hauptberuflich. Man kann sagen: Bienenhalten ist das neue Yoga. Aber auch an Schulen ist die Imkerei inzwischen sehr beliebt. Mittlerweile haben wir über 30 Imker-AGs in Schleswig-Holstein. Unser Verband unterstützt Lehrer und Schüler bei ihrer Arbeit und stellt ihnen Bienenvölker sowie pädagogische Konzepte zur Verfügung, um sich mit den Tieren auseinanderzusetzen.

Was ist das Faszinierende am Imkern?
Wer einmal seinen Kopf in einen Bienenstock hineingesteckt hat, der ist sofort begeistert von dem Gewusel, das im Inneren herrscht. Gleichzeitig ist jeder Stock von einem Geheimnis umgeben: Niemand weiß genau, was darin passiert. Es gibt so viele Dinge, die noch nicht erforscht sind. Schön ist aber auch, dass der Imker jedes Jahr seinen Honig ernten kann und er damit das Gefühl bekommt, etwas geschafft zu haben. Wenn der erste Honig eines Jungimkers durch die Schleuder läuft, dann hat er in der Regel ein Leuchten in den Augen. Wen dieses Gefühl erst einmal gepackt hat, den lässt es so schnell nicht mehr los.

Warum sind Sie Imkerin geworden?
Als ich 1963 diesen Beruf aufgenommen habe, war die Imkerei für mich mit einem Gefühl von Freiheit verbunden. Für die damalige Zeit war es für Frauen noch ungewöhnlich zu arbeiten, aber ich wollte von niemandem abhängig sein. Mit der Imkerei bin ich groß geworden: Schon mein Großvater hatte Bienen, mein Vater ebenfalls. Den Geruch der Bienenstöcke mochte ich schon als Vier- oder Fünfjährige unheimlich gern. Nach drei Praktika an der Imkerschule Bad Segeberg habe ich schließlich mit der Ausbildung begonnen.

Kann grundsätzlich jeder Imker werden?
Ja, Imker werden kann eigentlich jeder, der ein bisschen Gefühl für Natur hat. Man sollte etwas kräftiger sein, weil das Schleppen der Honigwaben mitunter schwer sein kann. Wer als Hobby-Imker anfängt, braucht rund 2000 Euro, die er mit dem Verkauf von Honig aber meist schnell wieder raus hat. Ein Volk bringt pro Jahr rund 50 Pfund oder 50 Gläser Honig.

Müssen Imker ein bestimmtes Zertifikat haben?
Nein, etwas Ähnliches wie den Jagd- oder Angelschein gibt es für den Umgang mit Bienen nicht, auch wenn wir uns das als Imkerbund wünschen würden. Wir sind als Imker Lebensmittelproduzenten und haben es mit etlichen Gesetzen zu tun, vom Bienenzählgesetz bis zur Verpackungsverordnung. Wenn die Bienen nicht richtig gepflegt werden, können sich Krankheiten wie die Faulbrut oder Parasiten wie die Varroamilbe im Stock ausbreiten. Daher ist fachkundige Unterstützung sehr wichtig. Wir bieten Anfängerkurse an, in denen die Teilnehmer einen erfahrenen Partner zur Seite gestellt bekommen, der sie in den ersten Jahren unterstützt. Für den eigenen Honig gibt es die Möglichkeit, ihn mit unserem eingetragenen Warenzeichen „Echter Deutscher Honig“ zu kennzeichnen. Dafür muss der Imker einen Fachkundenachweis erbringen.

Wie viel Zeit muss ein Hobby-Imker investieren?
Das kommt darauf an. Ein guter Imker, der lange Erfahrung hat, braucht im Jahr vielleicht etwa zehn Stunden pro Volk. Man sagt: Er tritt einmal mit dem Fuß gegen den Kasten, dann weiß er, wie es seinen Bienen geht. Ein Anfänger muss in der Regel drei bis vier Mal so viel Zeit investieren.

Wo sind die besten Standorte für Bienenstöcke?
Der beste Platz ist der, wo der Imker am besten arbeiten kann und sich wohlfühlt. Es muss Wasser vorhanden sein, es sollte nicht zu sonnig und ein bisschen windgeschützt sein. Ob in der Stadt oder auf dem Land ist egal. Von der Vegetation her finde ich, dass die Ostseite Schleswig-Holsteins am besten für Bienen geeignet ist.

Was können diejenigen für die Bienen tun, die nicht gleich Imker werden möchten?
Jeder kann in seinem Garten bienenfreundliche Pflanzen verwenden, etwa Frühblüher wie Winterlinge, Krokusse oder Schneeglöckchen. Auch Margeriten, Sonnenblumen, Obstbäume oder Kräuter sind gut für die Bienen. Nicht geeignet sind dagegen Zierpflanzen wie Geranien oder gefüllte Blumen. Hausbesitzer sollten ihren Garten nicht zupflastern und nicht jede Blume, die auf dem Rasen wächst, gleich abmähen. Wichtig ist darüber hinaus, Nistmöglichkeiten für die Wildbienen zu schaffen. Ein Totholzhaufen oder ein Sand- oder Steinhaufen lässt sich wunderbar in einen Garten integrieren.

Was müsste seitens der Politik getan werden, um die Bienen besser zu schützen?
In Schleswig-Holstein haben wir schon eine ganze Menge geschafft. Mein persönliches Ziel sind pestizidfreie Gemeinden. Das fängt übrigens auch im eigenen Garten an, aber natürlich ist auch die industrielle Landwirtschaft gefordert. Ich habe das Gefühl, dass die Politik auf einem guten Weg ist. Auch unsere neue Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner scheint für das Thema sensibilisiert zu sein.

Der Bestseller „Geschichte der Bienen“ entwirft für das Jahr 2098 ein Szenario, in dem die Bienen ausgestorben sind. Teilen Sie die Befürchtung?
Wenn ich mir die Entwicklung der letzten 50 Jahre angucke, würde ich fast sagen ja. Aber wenn wir jetzt endlich was tun und die Reißleine ziehen, sind die Bienen vielleicht noch zu retten. Wir brauchen ein Umdenken und mehr Umweltbewusstsein – in der Politik, in der Landwirtschaft und bei jedem einzelnen.

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