Ich, ich, ich!

kathrin fischer
kathrin fischer

Soziale Netzwerke laden zur Selbstdarstellung ein – frei nach dem Motto „guckt mal, wie toll ich bin und was ich Tolles mache“. Vor allem junge Menschen nutzen die Kanäle teils exzessiv. Was macht das mit Persönlichkeiten?

23-42759633_23-77789214_1456135260.JPG von
19. April 2019, 13:21 Uhr

Bilder aus der Dating-App Tinder als Forschungsobjekt? Andrea Kleeberg-Niepage, Professorin für Psychologie an der Europa-Universität Flensburg, geht in ihren Seminaren mit der Zeit. Einer ihrer Forschungsschwerpunkte ist die Entwicklung der eigenen Identität. Wie unsere heutige Mediennutzung und speziell soziale Netzwerke dies beeinflussen, darüber haben wir mit ihr im Interview gesprochen.

Ob Facebook, Instagram, Whatsapp oder Twitter – sie alle strotzen nur so vor Status-Updates und Selfies mit Dauergrinsen vor imposanten Kulissen. Das Ich auf dem Silbertablett. Was macht das mit uns?

Angeberei und die Tendenz, sich selbst in möglichst positivem Licht zu präsentieren, das gab es schon weit vor den digitalen Medien. Jetzt sehen wir es nur sehr viel stärker, und es ist für den Einzelnen viel einfacher möglich. Zuvor waren es vor allem sogenannte Celebrities, die uns das vorgelebt haben, in bunten Blättern gibt es das ja schon seit Jahrzehnten. Früher musste der Normalbürger sich im Fitnessstudio mit Posen hervortun oder auf einer Party die neuesten Errungenschaften tragen, jetzt macht man einfach ein Foto und stellt es ins Netz. Der Unterschied zwischen Celebrity und Normalbürger ist nur der Grad der Beachtung, die Anzahl der Follower.

Machen Facebook und Instagram uns zum Narziss?
Ich würde gar nicht sagen, dass es ein Zeichen von einem ausufernden Narzissmus ist, sondern eine Möglichkeit, meine Eitelkeiten schön auf den Markt zu tragen. Narzissmus ist aus psychologischer Sicht ein gefährlicher Begriff, weil er etwas Krankheitswertiges transportiert. Für die meisten Jugendlichen und jungen Erwachsenen ist es eine Phase des Ausprobierens, die meist ein paar Jahre später schon wieder vorbei ist. Schon meine Studenten können sich wieder über sich selbst lustig machen, was sie noch vor zwei, drei Jahren da getrieben haben. „Oh Gott, wenn ich mir das heute angucke, ist das peinlich“ ist ein Satz, den ich oft von ihnen höre. Insofern können wir guter Hoffnung sein, dass es bei den meisten auswächst hin zu einer rationaleren Nutzung.

„Früher war weniger ich“ – das hört man oft von älteren Generationen. Ist da was dran?
Die Rolle des Individuums ist in den letzten 60 bis 70 Jahren stark gewachsen. Zuvor hat man sich stärker an der sozialen Gruppe orientiert und es ging eher darum, nicht herauszuragen. Das hat sich verändert. Kinder und Jugendliche nehmen schon früh wahr, dass es in unserer Gesellschaft scheinbar darum geht: Was stelle ich dar? Hauptsache, der Schein ist erstmal gut. Was dahinter ist, wird erst viel später hinterfragt. Es ist unsere Aufgabe als Eltern- und Lehrergeneration, Jugendlichen zu vermitteln, dass hinter dem Schein, der etwa auf schicken Instagram-Fotos strahlt, etwas anderes steckt. Doch kurioserweise ist es dann in der Arbeitswelt wieder genau das, was wichtig ist.

Das müssen Sie erklären.
Machen Sie mal ein Assessment-Center mit. Da sind erstmal die Klamotten wichtig und man kann vorher trainieren, was man auf mögliche Fragen antworten kann. So lernen junge Menschen, Schwächen möglichst positiv klingend zu formulieren. Das trainieren Berufsberater mit Jugendlichen in den Schulen. Und die sind ja nicht dumm, übertragen das in andere Lebensbereiche und merken: So funktioniert unsere kapitalistische Gesellschaft, in der ich mich als Individuum bestmöglich vermarkten muss. Deshalb finde ich es schwierig, der jungen Generation da einen Vorwurf zu machen.

Sich bewundern zu lassen ist ein wichtiger Aspekt in sozialen Netzwerken. Bei vielen scheint das eine regelrechte Sucht nach Bestätigung durch Likes, Kommentare, Reaktionen auf die Beiträge zu sein.

Dass wir soziales Feedback haben wollen macht uns aus. Das brauchen wir, um uns selbst zu orientieren in der Gesellschaft. Wie nehmen andere mich wahr? Kann oder muss ich etwas verändern? Das gehört zu uns und ist normal. So wie Sie es beschreiben, kommt es vor allem bei Jugendlichen vor. Da ist die Notwendigkeit des sozialen Feedbacks noch extremer, weil wir davon ausgehen, dass sie in dem Alter auf der Suche nach Identität sind. Da war es schon immer, auch vor dem Zeitalter der sozialen Medien, wichtig, was andere sagen: Ich habe eine neue Hose, die trage ich über den Schulhof und warte, was für Kommentare kommen. Jetzt gibt es dafür andere Kanäle, aber die Suche nach Feedback im Jugendalter gab es schon immer.


„Problematisch finde ich die Dauerpräsenz der

angenehmen Dinge des

Lebens – und nur dieser.“

Und wenn die Likes mal ausbleiben?
Wenn ich negatives Feedback bekomme, ob nun analog oder digital, macht das etwas mit mir und führt zu Selbsthinterfragung. Woran liegt es? Bin ich nicht schlank, nicht schön genug? Kritisch wird es, wenn ich keine Ausgleichsmöglichkeiten etwa durch Gleichaltrige im Freundeskreis oder einem Verein habe, mit denen ich über solche Rückmeldungen reden und auch mal lachen kann. Wenn Facebook & Co. meine einzige Möglichkeit sind, soziales Feedback zu erhalten, indem ich etwas hochlade und warte. Sitze ich nur mit mir und meinem Gerät da und warte auf die große weite Welt, die sich unter Umständen negativ auslässt, wird es problematisch.

Nun gibt es durchaus auch Menschen, die man nicht mehr als junge Erwachsene bezeichnen kann, die aber dennoch sehr darauf bedacht sind, jeden Urlaub, jede Lauftour oder jedes Feierabendbier zu präsentieren.
Ich gucke immer mal, was es denn früher in dem Bereich gab und erinnere mich zum Beispiel an mordslangweilige Dia-Abende, wenn Leute stundenlang Urlaubsfotos gezeigt haben. Wir als Kinder fanden das furchtbar. Dass man zeigen will, wie schön und gut man es hat, wie toll das neue Auto oder der Urlaub ist, das hat sich nicht sehr verändert. Problematisch finde ich eher diese Dauerpräsenz der angenehmen Dinge des Lebens – und nur dieser. Es ist scheinbar nicht mehr opportun, auch über Schwierigkeiten und Probleme zu reden. Nur weil sie nicht dargestellt werden, sind sie nicht weg. Das ist etwas, wo wir uns als Gesellschaft fragen müssen: Wie gehen wir damit um, wenn es mal schwierig wird? Ist dann jeder für sich selbst verantwortlich, weil man so was nicht präsentiert? Wenn es so weit kommt, dass dafür kein Ansprechpartner mehr da ist, weil es als uncool gilt, wird es gefährlich. Egal in welcher Altersklasse.

Leiden also auch persönliche Beziehungen in der Realität?
Es wirkt sich erstmal darauf aus, ob man sich überhaupt noch trifft. Gerade sind wir in Schulen unterwegs und befragen Schüler zur Mediennutzung – zum Beispiel konfrontieren wir sie auch mit der Frage, dass Erwachsene immer sagen, sie würden sich gar nicht mehr treffen. Darauf hören wir häufig: „Stimmt ja gar nicht. Wir nutzen die Netzwerke, um uns zu verabreden.“ Es mag so sein, dass der mediale Austausch häufig persönliche Interaktion ersetzt, aber das ist nicht der einzige Grund. Heute werden Schüler häufig zur Schule gefahren, ihre Freizeit ist durchgeplant. Da müssen wir uns auch hinterfragen: Haben die eigentlich die Möglichkeit, sich mal ungezwungen zu treffen?

Verlieren wir unsere Empathiefähigkeit durch die Kommunikation in sozialen Netzwerken?
Empathie bildet sich nur in der persönlichen Begegnung aus. Deshalb sind besonders kleine Kinder darauf angewiesen, dass wir mit ihnen interagieren, damit sie lernen, ihre eigenen Gefühle und die anderer zu verstehen. Deshalb tut es mir schon weh, wenn ich auf der Straße sehe, wie Mütter oder Väter mit dem Handy vorm Gesicht ihre Kinder durch die Gegend schieben oder auf dem Spielplatz sitzen, am besten noch mit Kopfhörern drin. Das Traurige: Die Kinder merken dann früh, was wirklich wichtig ist. Das ist nicht das Gespräch, sondern das Gerät. Dann darf man sich als Eltern ein paar Jahre später nicht aufregen, wenn die Kinder selbst auch nur davor sitzen.


zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen