„Ich halte den Ball flach“

WOCHENEND-INTERVIEW: Regisseurin Nora Fingscheidt, die den Oscar nach Deutschland holen soll, über Kreativität trotz kleiner Budgets, die Verdüsterung ihrer Welt und ihre Hauptdarstellerin, die gerade mit Tom Hanks dreht

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17. September 2019, 13:04 Uhr

Ihr Spielfilmdebüt hat Nora Fingscheidt ins Zentrum des deutschen Kinos katapultiert: „Systemsprenger“ verfolgt eine Neunjährige bei ihrer Odyssee durch Pflegefamilien und Heime. Nach dem Silbernen Bären soll das Sozialdrama nun auch den Oscar gewinnen. Im Interview erzählt die Regisseurin, wie der Film ihr Leben verändert hat – und das ihrer Kinderdarstellerin.

Frau Fingscheidt, wie oft mussten Sie schon erklären, dass „Systemsprenger“ noch gar nicht für einen Oscar nominiert ist?
Oft. Überall liest man, dass der Film „ins Oscar-Rennen geht“, weil Deutschland ihn eingereicht hat – so wie ungefähr 80 Filme anderer Länder auch eingereicht wurden. Jetzt muss er es auf die Shortlist der Academy schaffen, bevor im Januar dann fünf Filme nominiert werden. Und die Konkurrenz ist hoch: „Parasite“ ist dabei, der Cannes-Gewinner von Jong Boon-ho, Almodóvars „Leid und Herrlichkeit“ auch. Ich freue mich und halte den Ball flach.

Macht die Aufmerksamkeit nach der Vorauswahl sich schon in Angeboten bemerkbar?
Der Wendepunkt war schon der Berlinale-Wettbewerb. In der Woche nach dem Silbernen Bären hatte ich 35 Drehbücher im E-Mail-Eingang – ganz verschiedene und nicht nur Sozialdramen über gestörte Kinder. Das hat mich am meisten überrascht. Natürlich bin ich für einiges davon definitiv nicht die Richtige. Aber zwei, drei Projekte werden jetzt umgesetzt. Der nächste Dreh steht vor der Tür. Wofür uns die Oscar-Meldungen jetzt ungeheuer helfen, ist der Filmstart. Ohne säßen Sie und ich wahrscheinlich nicht beim Interview.

Große Studios investieren viel Geld in die Oscars. Netflix soll allein für die Oscar-Werbekampagne zu „Roma“ mehr als 20 Millionen Dollar ausgegeben haben, Wie viel Geld hatten Sie für „Systemsprenger“, nicht für die Werbung, sondern für den ganzen Film?
Anderthalb Millionen Euro. Vor den Oscars müssen wir wahrscheinlich eine oder zwei Handvoll Veranstaltungen in Hollywood machen, Filmpräsentationen, Publikumsgespräche. Was genau auf uns zukommt, weiß ich noch gar nicht. Sicher muss man persönlich hinkommen; aber bestimmt wird das in einem eher kleinen Rahmen stattfinden. Helena Zengel, unsere Hauptdarstellerin, kommt natürlich auch mit. Sie ist sogar schon da! Helena dreht gerade mit Tom Hanks; sie ist die weibliche Hauptdarstellerin in Paul Greengrass’ neuem Film „News of the World“, ein historischer Stoff aus dem Wilden Westen. Helena darf sogar reiten. Und zum Projekt kam sie, nachdem die sie bei der Produktion von „Systemsprenger“ angeguckt hatten. Gedreht wird allerdings nicht in Hollywood, sondern in New Mexiko.

Ihr Film erzählt von einem Kind, an dem das gesamte System der Jugendfürsorge scheitert. Typischerweise sind diese „Systemsprenger“ Teenager. Warum haben Sie ein so viel jüngeres Kind gewählt und wieso ein Mädchen?

Bei gewalttätigen Kindern denkt jeder zuerst an halbstarke Jungs; und ich wollte Klischees vermeiden. Es sollte keine einfachen Begründungen geben, man soll sich mit Bennis Aggression auseinandersetzen und sie nicht auf die Pubertätsrebellion schieben können, auf die Plattenbausiedlung oder den Migrationshintergrund. Deshalb ist sie ein Mädchen unter zehn und stammt aus einer deutschen Familie in einer mittelgroßen deutschen Stadt.

Wie haben Sie Helena gefunden? Kannten Sie Filme von ihr oder war sie ganz normal zum Casting erschienen?
Unsere Kindercasterin hatte ein Jahr vor Drehbeginn zehn Kinder zu einer ersten Runde eingeladen. Helena war Mädchen Nummer 7. Ich habe gleich gemerkt, dass sie besonders ist und Spaß am Spielen hat. Aber ich dachte, dass ich bei sieben nicht aufhören kann. Also habe ich noch weitere 150 Mädchen gecastet. Aber egal, wie gut sie waren, ich habe alle nur noch mit Helena verglichen. Ihren Film „Die Tochter“ hatte ich erst nach der zweiten Casting-Runde gesehen. Und irgendwann hat die Produktion dann gesagt: Nora, du hast dich doch längst schon entschieden. Beim Schreiben, in meinem Kopf, war Benni, die Hauptfigur, noch ein zierliches Mädchen mit dunklen Haaren; und plötzlich stand da diese Eisprinzessin mit weißblondem Haar und fast durchsichtiger Haut – was filmisch genial ist, weil sie etwas Engelhaftes hat, das ganz schnell kippen kann.

Wie erarbeitet man mit einer Zehnjährigen eine Hauptrolle?
Wir haben uns sehr lange vorbereitet. Bevor wir überhaupt zu drehen angefangen haben, hatten wir schon sechs Monate miteinander gearbeitet. Dann haben wir noch einmal 67 Tage gedreht – ein Kind in ihrem Alter darf ja nicht länger als fünf Stunden am Tag arbeiten. Insgesamt war es fast ein Jahr; Helena hatte statt der normalen Schule Einzelunterricht – und war hinterher besser als vorher!

Was haben Sie in dem halben Jahr denn alles gemacht?
Erstmal haben wir gemeinsam in Second-Hand-Läden die Klamotten für ihre Figur ausgesucht. Bennis Drachen hat Helena aus einer Kiste mit Kuscheltieren gefischt. Wir haben irgendwas unternommen und uns gefragt: Wie verhält sich Helena, und wie würde Benni sich verhalten? Es war ganz wichtig, dass Helena von Anfang an den Unterschied zwischen sich selbst und ihrer Rolle begreift. Später, beim Dreh, haben wir jeden Abend Tagebuch geführt und aufgeschrieben, was sie gut fand und was nicht. Vorher war sie bei ganz vielen Castings dabei. Ich habe die Erwachsenen erstmal mit anderen Kindern ausprobiert und danach mit Helena spielen lassen, um die gemeinsame Energie zu erleben. Es gab einen Probedreh, nur damit sie das Team kennenlernt. Beim ersten richtigen Drehtag hatte Helena die Rolle dann schon intus. Erwachsene Schauspieler versuchen oft, den ganzen Tag in der Konzentration bleiben. Helena nicht, sie kann die Rolle an- und ausschalten.

Welche Entwicklungslinien wären für ein Kind denkbar, das alle Erziehungsangebote ausschlägt?
Es gibt Verläufe, bei denen es gut ausgeht: Das Kind findet doch noch einen Menschen, der was bewirkt, hat ein Erlebnis, das Mut macht, beginnt eine Ausbildung und gründet eine Familie. In den meisten Fällen ist es aber nicht so; stattdessen kommen die Straße, Drogen, Gefängnis. Leider ist das so.

Wie haben Sie Ihre Geschichte recherchiert?

Für meine Recherchen habe ich wochenlang in verschiedenen Institutionen mitgearbeitet und zum Teil auch dort gewohnt, im Kinderheim, der Kinderpsychiatrie, der Schule für Erziehungshilfe und am Ende in der Inobhutnahme-Stelle. Irgendwann konnte ich nicht mehr Bus fahren, ohne überall Kindesmisshandlung zu sehen. Meine Welt hat sich in einer Weise verdüstert, die für mich und meine Familie nicht mehr gesund war und ich habe mich bei dem Gedanken erwischt, dass ich all die Kinder am liebsten adoptieren würde – was ich natürlich nicht kann. Da habe ich einen Cut eingelegt und erstmal einen ganz anderen Film gedreht.

Zwei Dokus, die Sie vor dem Spielfilm-Debüt gedreht haben, handeln von obdachlosen Frauen und von einer Religionsgemeinschaft, die wie im 17. Jahrhundert lebt. Haben all Ihre Systemverweigerer Ihren Blick auf das eigene, vermutlich eher konforme Leben verändert?
Das Leben in der Kolonie der Mennoniten hat, bei allem Widerstand, den es in mir auslöst, auch mein Bild von der Moderne verändert. Ich habe geholfen, ein Schwein zu schlachten, und dann von seinem Fleisch gegessen; ich habe erfahren, was eine Missernte bedeutet. Natürlich denke ich jetzt anders über Ernährung. Der andere Film mit der Zeit im Obdachlosenheim hat meine Berührungsängste zu Bettlern und Menschen, die auf der Straße liegen, ein für alle Mal beendet.

Und „Systemsprenger“?
„Systemsprenger“ hat mich am Ende eher entlastet: Das Kino dominiert mein Leben und ich hatte deshalb immer ein schlechtes Gewissen, weil ich all das auch meinem Sohn aufzwinge; er muss ja überall mit hin. Inzwischen ist mir klar, dass alles in Ordnung ist: Ich liebe ihn, auf mich ist Verlass, das weiß er auch; und darauf kommt es an.

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