„Ich ekele mich vor mir“

Weitere Details: Niels Högel äußerte sich am zweiten Prozesstag zu 26 Einzelfällen.
Weitere Details: Niels Högel äußerte sich am zweiten Prozesstag zu 26 Einzelfällen.

Krankenhausmörder Niels Högel zeigt am zweiten Prozesstag erstmals Reue

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21. November 2018, 22:07 Uhr

Oldenburg | Im Prozess um die mutmaßliche Mordserie des ehemaligen Krankenpflegers Niels Högel hat der Angeklagte erstmals Scham und Reue gezeigt. Klang das beim Prozessauftakt vor dem Landgericht Oldenburg Ende Oktober bestenfalls in Nebensätzen durch, äußerte sich Högel gestern ausführlicher. „Ich ekele mich vor mir selbst. Wie kann man nur so werden? Jeder Fall tut mir unendlich leid. Auch wenn man mir nicht immer glaubt“, sagte der wegen 100-fachen Mordes angeklagte Högel auf die Frage eines Nebenklagevertreters. Zwischen 2000 und 2005 soll Högel im Klinikum Oldenburg und im früheren Klinikum Delmenhorst Patienten mit Herzmedikamenten in lebensbedrohliche Situationen gebracht haben, um anschließend als Retter bei der Reanimation zu glänzen.

Högel wurde am zweiten Verhandlungstag zu 26 Einzelfällen zwischen 2000 und 2001 befragt. Dabei wurde deutlich, dass sein Erinnerungsvermögen in einigen Fällen, die bis zu 18 Jahre zurückliegen, kaum bis gar nicht vorhanden war. In anderen Fällen wiederum erinnerte er sich sehr genau. Dramatische Vorfälle bei Reanimationen blieben dem Patientenmörder beispielsweise gut im Gedächtnis. So schilderte der heute 41-Jährige detailliert die vergebliche Wiederbelebung der Patientin Jutta W. im Herbst 2001 im Oldenburger Klinikum. Nachdem Högel sie „in die Krise gespritzt hatte“, wie es Richter Sebastian Bührmann ausdrückte, habe sie ein Assistenzarzt „wie im Wahn“ mit einer Herzdruckmassage versucht wiederzubeleben. Massive Blutungen bei der frisch am Herzen Operierten waren die Folge. Eine Rippe bohrte sich durch den rechten Herzkammervorhof. Am Ende verblutete W., die später feuerbestattet wurde.

In seinen Aussagen wurde deutlich, dass der ehemalige Krankenpfleger wegen seiner Taten kaum Mitgefühl verspürte. Bei dem sogenannten „Balkonfall“ verabreichte Högel der Patientin Erika S. im März 2001 den Wirkstoff Ajmalin. Die Patientin überlebte die Reanimation nicht. Der Tod der Frau traf eine Kollegin Högels aufgrund einer persönlichen Bekanntschaft schwer. Die Pflegerin, Högels Vorgesetzte und spätere Partnerin, zog sich weinend auf einen Balkon zurück. Er tröstete sie dort. „Mitgefühl hatte ich bis zu einem bestimmten Punkt. Aber ich spürte keine tiefe Trauer“, sagte er. Der Vorfall brachte ihn nicht von seinen Taten ab. „Mein Verlangen nach Anerkennung hat mich weitermachen lassen. Ich kann es nicht erklären. Ich war eiskalt und empathielos.“

Offen äußerte sich der Angeklagte auch über seine Vorgehensweise: Högel suchte sich seine Opfer seiner Schilderung zufolge nach ihrem Krankheitsbild, der Diagnose und dem Krankheitsverlauf aus. Passten Herzprobleme ins Bild, zog er oft spontan ein Medikament auf, vergewisserte er sich, dass er alleine mit dem Patienten war, ging zum Krankenbett, unterbrach den Alarm kurzzeitig, spritzte und verließ den Raum, um später den Patienten zu reanimieren. Manchmal, wenn ein Wirkstoff nicht anschlug, versuchte Högel es Stunden später noch einmal mit einem anderen Medikament. Högel: „Ein höherer Medikamentenverbrauch wurde nie angesprochen. Das Risiko, entdeckt zu werden, war bei all der Hektik auf der Intesivstation gering.“

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