„Heulen hilft nicht“

Dr. Mark Benecke, Deutschlands bekanntester Kriminalbiologe, über die Angst vor dem Tod.

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18. August 2018, 17:12 Uhr

Sein Wissen über Tatorte und über die Spuren, die sich dort finden lassen, ist begehrt: Der Kölner Kriminalbiologe Dr. Mark Benecke – auch genannt Dr. Made – ist Deutschlands einziger öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für biologische Spuren. Wir sprachen mit ihm in seinem Kölner Arbeitszimmer über das Interesse an echten Mordfällen und darüber, weshalb er nie den „Tatort“ im TV sieht.

Herr Benecke, Sie absolvieren einen Vortragsabend nach dem nächsten, stets vor ausverkauftem Haus, sind als Experte bei True-Crime-Dokus im TV zu sehen, werden zu Tatorten und Fällen in aller Welt gerufen, schreiben Bücher, drehen Videos und haben allein dank Ihrer Tätowierungen einen hohen Wiedererkennungswert. Wie ist so ein Leben als Promi?
Naja, eher Z-Promi… Meine Frau und ich bleiben vor allem freundlich und entspannt. Abgesehen davon, dass ich lauter Selfies mit anderen Leuten mache, ist es nicht ungewöhnlich. Da gibt es ganz andere Geschichten. Ich war mal auf der Buchmesse an einem Verlagsstand, neben mir stand Til Schweiger. Der ist so prominent, dass er nicht einmal aufs Klo gehen konnte, weil die Verlagsmitarbeiter Sorge hatten, dass die Fans den Stand überrennen. Am Nachbarstand war Dieter Bohlen, der ja gerne prominent ist. Aber auch er kann sich keinen Meter bewegen, weil sich alle für ihn interessieren und ihn belagern, egal ob sie ihn nun mögen oder nicht. Ich stand daneben und fiel nicht auf. Im Gegenteil. Wenn ich zum Beispiel im Zug unterwegs bin zu einer Veranstaltung, ist es sogar eher so, dass die Leute beim Aussteigen vielleicht kurz grüßen und sagen, dass sie nicht stören wollten.

Wenn jemand nicht weiß, was Kriminalbiologen tun – denken wir uns vielleicht eine ältere Dame, die im Fernsehen nur „Das Traumschiff“ schaut – wie erklären Sie ihr Ihren Beruf?
Ich sage: Auf www.benecke.com steht alles.

Und wenn diese Dame kein Internet hätte oder bedienen könnte?
Dann soll sie ihren Enkel fragen, der hilft bestimmt.

Vermutlich würde die Dame dann hinterher entsetzt sein und sagen: Warum ist dieser nette Mark Benecke denn nichts Vernünftiges geworden, vielleicht Biologielehrer? Immer diese Leichen, schrecklich…
Da kann ich die Dame beruhigen, ich bin ja Biologielehrer. Ich rede mit Leuten aus der Industrie, mit psychisch Kranken, mit dem Publikum, das abends zu den Shows kommt, mit Menschen, die Gutachten anfordern, mit Kollegen, mit Studierenden... Ich zeige Bilder und erkläre etwas dazu. Und ich mache die ganze Zeit Videos, in denen ich auch etwas erkläre. Also, mehr Biologielehrer geht nicht.

Zu Ihren Veranstaltungen kommen die unterschiedlichsten Menschen, sie alle scheinen morbide Themen spannend zu finden. Ist das nicht unheimlich, dass sich so viele für Mord und Totschlag begeistern?
Daran ist ja nichts Morbides. Ich erkläre Fälle, und da geht es eben um Leichen. Oder ich erkläre, wie ein Mord im geschlossenen Raum auch anders passiert sein kann. Solche Dinge, immer anhand der Spuren. Morbide ist da nichts.

Trotzdem beschäftigt sich nicht jeder täglich mit Tod und Verwesung. Vielleicht gucken manche sonntags den „Tatort“, aber das war es auch schon.
Ich habe noch nie einen „Tatort“ geguckt. Wer ist jetzt morbider, ich oder das „Tatort“-Publikum?

Dann frage ich mal so: Sie haben an realen Fällen ein berufliches, ein wissenschaftliches Interesse. Zu Ihren Veranstaltungen gehen die Leute aber in ihrer Freizeit, einfach, weil sie das spannend finden. Wie erklären Sie sich dieses Interesse?
Vielleicht, weil sie eine Berührung mit dem Thema gehabt haben. Es gibt Menschen, die haben ein Verbrechen gesehen, haben eine Leiche aus einem Teich gefischt, sind selbst einmal Opfer eines Verbrechens geworden, als Kind oder später. Oder sie möchten wissen, wie wohl ein Familienmitglied im Grab aussehen könnte, das vor kurzem gestorben ist. All diese Menschen wollen etwas über diese Themen wissen. Manche interessieren sich auch für Verbrechensbekämpfung. Allerdings, wer in Kategorien von gut und böse denkt und davon ausgeht, dass immer das Gute gewinnt und das Böse vernichtet wird, der hat nicht viel von meinen Shows.

Warum nicht?
Weil es für solche Leute langweilig ist, da diese Werte bei mir keine Rolle spielen. Man muss schon soziale Uneindeutigkeit aushalten und eher wissenschaftlich, über die messbaren Spuren, rangehen. Vielleicht gibt es auch die reinen Krimi-Fans, die zu mir kommen. Wobei ich deren Motive nicht verstehe.


„Daran ist nichts

Morbides. Ich erkläre

Fälle, und da geht es

eben um Leichen“.

Gibt es für Sie persönlich Kategorien wie gut und böse?
Das interessiert mich nicht, und mir fehlen dazu auch die Definitionen. Ich kann aber sagen, ob jemand sich sozial oder unsozial verhält. Was aber auch momentbezogen ist. Das Interessante ist doch eigentlich, dass es sehr viele, sehr gute Menschen gibt, die aber trotzdem den ganzen Tag Scheiße bauen. Dass böse Menschen, also beispielsweise antisoziale Menschen, ab und zu mal was Gutes tun – geschenkt. Aber dass nachvollziehbar soziale Menschen Tag für Tag Unsinniges tun, dass sie Ressourcen verbrauchen und ihre Zeit mit Schwachsinn verschwenden, das ist der eigentlich interessante Punkt. Das muss man natürlich auch aushalten, auch als Zuschauer in meinen Veranstaltungen.

Stichwort Umwelt. Zurzeit sorgen sich viele um das Insektensterben. Sie auch?
Das Problem ist das ganze Artensterben. Wir erleben gerade das größte Tiersterben seit 460 Millionen Jahren, manche sagen auch seit 250 Millionen Jahren. Was heißt da Sorge... Das ist jetzt der Schlussakt, das ist auch nicht mehr rückgängig zu machen. Das Insektensterben könnte man noch irgendwie aufhalten. Aber das Problem ist der Landverbrauch. Alles, alles geht nur und ausschließlich auf den Landverbrauch zurück.

Wenn man das weiß, wäre das Problem doch lösbar, oder?
Na klar. Sogar in der aktuellen „Science“, der angesehensten Zeitschrift, die es in den Naturwissenschaften überhaupt gibt, steht ein langer Artikel dazu. Wenn heute Abend alle Menschen aufhören würden, Tierprodukte zu benutzen, hätte man sofort ein Drittel der Ressourcen wieder freigesetzt. Und das ist die konservativste Schätzung. Andere gehen sogar von der Hälfte der Ressourcen aus. Damit würde sich natürlich ganz viel erledigen: Wir hätten wieder viel mehr sauberes Wasser, Rückzugsgebiete für die Tiere und so weiter. Das Problem wäre jetzt sofort und ohne den geringsten Aufwand zu lösen. Aber wir kennen Menschen: Sie tun es einfach nicht. Sie sind dumm und faul. Das ist aber kein böser Wille, sondern ein evolutionäres Programm. Et is wie et is.

Aber bei vielen ändert sich doch gerade das Bewusstsein. Sie überlegen, was sie essen, wie sie Plastiktüten vermeiden, wie sie nachhaltiger leben können.
Das mit den Plastiktüten kam aber nicht freiwillig, sondern durch ein Gesetz. Und Einweg-Papiertüten sind genauso Mist wie Plastiktüten. Ich erinnere mich noch, als ich als Student meine Brötchen beim Bäcker immer in meinen mitgebrachten Baumwollbeutel gepackt haben wollte. Die haben sich kaputtgelacht. Nicht, weil sie es unhygienisch fanden, das war es ja auch nicht. Sondern weil sie dachten, ich sei ein Spinner.

Die Erkenntnis, dass dies alles andere als verrückt war, setzt sich langsam durch. Das ist doch gut, oder?
Das ist es. Aber helfen wird es nicht. Bewusstsein ist schön, aber es ändert nichts. Dann sterben wir eben alle mit dem Bewusstsein, zu lange Mist gebaut zu haben.

Hat jemand wie Sie, der sich täglich mit Vergänglichkeit beschäftigt, Angst vor dem Tod?
Mir ist bisher kein Fall bekannt, dass jemand nicht irgendwann gestorben wäre. Dass man stirbt, ich also auch, ist eine Tatsache. Über das Thema habe ich sogar ein Buch geschrieben: „Memento Mori“. Wer Angst hat, etwa vor schlimmen Krankheiten, der kann immer etwas tun, Krebsforscherin oder Krebsforscher werden oder Neurochirurgin oder Neurochirurg. Sie oder er kann gesund leben. Man kann natürlich auch 60 Jahre oder mehr dasitzen und greinen. Aber Heulen hilft nicht.



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